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Möglichkeit und Grenzen von Sicherheit

Möglichkeit und Grenzen von Sicherheit
Autor:

A. Gazsó, J. Haslinger

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Quelle:

Nr. 2, 22. Jahrgang, S. 98-101

Datum: Juli 2013

Tagungsberichte

Möglichkeit und Grenzen von Sicherheit

Bericht von der 13. österreichischen TA-Konferenz

Wien, 3. Juni 2013

von André Gazsó und Julia Haslinger, ITA Wien

Die diesjährige Konferenz für Technikfolgenabschätzung TA’13 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschäftigte sich mit Möglichkeiten und Grenzen von Sicherheit.[1] Grundgedanke war, dass Sicherheit nicht per se besteht, sondern immer erst produziert werden muss. Da Technik bei der Herstellung von Sicherheit eine große Rolle spielt, ist Technikfolgenabschätzung (TA) gefragt, unabhängig von Partikularinteressen mögliche Konsequenzen für die Gesellschaft und deren Sicherheit aufzuzeigen.

Die Einleitung zur Tagung besorgten zwei Keynotes, die sowohl die Breite des gewählten Themas auffächern als auch auf die Aspekte der TA fokussieren sollten. Jutta Weber, Technikphilosophin an der Universität Paderborn, führte den Begriff der „Techno-Security“ ein und interpretierte diese als Kultur und komplexe soziotechnische Praxis mit heterogenen Akteuren. Ein Ansatz, der Techno-Security als Kultur begreift, ermöglicht es nämlich, die „Blackbox“ der Technik zu öffnen und die ihr eingeschriebenen Werte und Normen, die Produktion von Bedeutungen und rhetorische Praktiken zu analysieren. Dies demonstrierte Weber anhand einiger Beispiele. Sandro Gaycken (FU Berlin) beschäftigt sich mit Hochsicherheitsinfrastrukturen und berät das deutsche Verteidigungsministerium zu Fragen der Cyber-Security. In seinem Vortrag berichtete er über die Differenzen verschiedener Sicherheitsstrategien, deren Mängel und die jeweiligen dahinter wirksamen Ideologien.

1     Gerechtigkeit, Prävention und urbaner Kontext

Die erste Parallelsession thematisierte den Aspekt Gerechtigkeit. Christoph Musik (Universität Wien) vertrat die These, dass „smarte“ visuelle Überwachungstechniken sozial diskriminierend sein können, während ausreichende wissenschaftliche Nachweise für Sicherheitsgewinne bislang fehlten. Systematische Verzerrungen bei Algorithmen für Gesichtswiedererkennung aufgrund von, nach sozialen Merkmalen unterschiedlichen, Erkennungsraten führten zu Diskriminierungseffekten im Sinne von digitaler Spaltung und „sozialen (Aus-)Sortierens“. Einen systemimmanenten Bias aufzuspüren, werde durch eine Kultur der Geheimhaltung erschwert, wie sich auch bei Musiks Forschung zur automatischen Vignettenkontrolle zeigte. Wesentliche Conclusio blieb die Notwendigkeit einer stärker soziotechnischen Herangehensweise beim Design und Einsatz technischer Sicherheitssysteme mit entsprechendem Augenmerk auf den sozialen Kontext, Qualifikationsvoraussetzungen für die Interpretation automatisch generierter Ergebnisse sowie das Aufdecken und Vermeiden systematischer Verzerrungen.

In der Session „Prävention“ wurde das Thema durch zwei unterschiedliche Zugänge behandelt. Edith Huber (Donau-Universität Krems) legte das Augenmerk auf kriminelle Tätigkeiten im Netz. Besonders das Ansteigen von Kinderpornografie stelle auch die Rechts- und Kriminalsoziologie vor neue Herausforderungen. Anhand aktueller Statistiken zeigte sie, dass Täter von Kinderpornografie fast ausschließlich männlich und Konsumenten oftmals im akademischen Bereich zu finden sind. In anderen Bereichen, wie dem Stalking, sind die Täterinnen und Täter jedoch eher gleichmäßig unter Frauen und Männern zu finden. Abschließend stellte sie die Frage, ob die steigende Kriminalität im Netz es rechtfertige, mit dem verstärkten Einsatz von Sicherheitstechnologien mehr Kontrolle zu erlangen. Günter Stummvoll (Centre for Urban Criminology, Wien) sprach in seiner Präsentation die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis in der Planung urbaner Sicherheit an. Dabei ging er auf das Auseinanderklaffen von raumpsychologischen Maßnahmen und der aktuellen Überwachungsideologie mit technischen Mitteln ein.

Der dritte Parallelblock des Vormittags widmete sich dem Thema „Sichere Stadt“. Im ersten Vortrag setzte sich Holger Floeting (Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin) mit urbaner Sicherheit in Zeiten von Web 2.0 auseinander. Anhand von Facebook-Partys und Flashmob-Veranstaltungen zeigte Floeting, dass es zwischen dem virtuellen Raum des Internets und dem materiellen Raum in der Stadt eine Vielzahl von Verknüpfungen und Rückkoppelungen gibt, die im Hinblick auf den Umgang mit Sicherheit und öffentlicher Ordnung neue Fragen aufwerfen. Ein wichtiger Aspekt sei dabei die deutlich geringere Planbarkeit von Einsätzen der Sicherheitskräfte, die auf diese Herausforderung mit der Etablierung neuer, lokal eingebetteter Sicherheitskulturen reagieren sollten. Im Anschluss lenkte Christoph Stich (Universität Amsterdam) die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung materieller Artefakte für die Sicherheit im städtischen Raum. Er zeigte anhand konkreter Beispiele aus der Stadt Portland (Oregon, USA), wie mit speziell gestalteten Bushaltestellen oder Straßenbeleuchtungen Sicherheit durch „erhöhte Sichtbarkeit des (potenziell gefährlichen) Anderen“ hergestellt wird. Die eingesetzten Artefakte würden letztlich dazu beitragen, dass Portland Sicherheit in erster Linie über soziale Kontrolle und nicht durch zentrale Stellen der Überwachung herstellt.

2     Wertekonflikte, Praxis und Nanosicherheit

In der Session „Wertekonflikte“ sprach Rolf von Rössing (Forfa AG Holding, Berg, Schweiz) über paradoxe Ergebnisse von Sicherheitspolitik und -management bei Cyber Security. Er vertrat die These, dass ein grundlegend neuer, systemischer Ansatz nötig sei, um Sicherheit und gesellschaftliche Freiheit in Einklang zu bringen. Robert Rothmann (International Research Institute for Media, Communication and Cultural Development, mediacult) ging anhand von Videoüberwachung der Frage nach, ob die Versprechungen, Sicherheit garantieren zu können, einer kritischen Überprüfung standhalten. Aufgrund des Trends, Überwachung auszubauen, befand Rothmann eine Verhinderung gesellschaftlichen Fortschritts durch vermehrte Konformität. Stefan Strauß (ITA Wien) präsentierte einen Aufriss über Sicherheitskonzepte, um im Anschluss auf den Paradigmenwechsel der Sicherheitspolitik und dessen Folgen, etwa in Hinsicht auf Privatsphäre, einzugehen. Sebastian Volkmann (Universität Freiburg) beschäftigte sich mit der Bewertung gesellschaftlicher und ethischer Auswirkungen von Flughafen-Screenings. Er präsentierte ein Framework, anhand dessen negative Konsequenzen minimiert werden können.

Die Session zu Sicherheit und Praxis bot Vorträge von Karsten Weber (TU Cottbus) und Mark Mölders (Universität Bielefeld). „Sicherheit im Kontext altersgerechter Assistenzsysteme“ ist für Karsten Weber ein mehrdimensionales Konzept, in dem normative Probleme der ethischen Aspekte wie Selbstbestimmung, Sicherheit, Safety vs. Security und Privatheit berücksichtigt werden sollten. Sicherheit könne über Unfallprävention (im Haus), Gesundheitsprävention bzw. Notfallhilfe erfüllt werden. Damit ergeben sich neue Problemfelder, etwa die Erhebung und Weitergabe personenbezogener Daten. Marc Mölders definierte Sicherheit als eines der wichtigsten gesellschaftlichen Güter. Dabei zeigte er, dass Automatisierung Menschen aus dem Gefahrenbereich heraus bringen könne, jedoch diese Form der technischen Sicherheit auf Kosten der sozialen Sicherheit („Automatisierung als Arbeitsplatzvernichter“) gehe. In „smart factories“ kommen bereits jetzt statt um- und angelernten Mitarbeitern nur noch Ingenieure und höher ausgebildete Arbeitskräfte vor.

Die Session „Nanosicherheit“ wich vom traditionellen Format serieller Präsentationen insofern ab, als dass eine Expertendiskussion mit Publikumsbeteiligung durchgeführt wurde. Experten aus Österreich und Deutschland diskutierten zu Trends der Nano-Regulierung, zur Rolle der beteiligten Akteure und zu Risikokommunikation. Der Wissensstand zum Thema bietet bereits ein zu diskutierendes Spannungsfeld. Darauf aufbauend wurden Möglichkeiten der Risikobewertung und Regulierungsmaßnahmen als zentrales Problem thematisiert. Während die Entwicklung der Nano-Regulatorik bislang relativ unkoordiniert erfolge, fokussiere die Fachdiskussion zu Nanomaterien nach Eintritt der Behörden schnell auf das Stoffrecht. Risikokommunikation ist entsprechend essentieller Teil des Governance-Prozesses. Insbesondere aufgrund des noch lückenhaften Wissensbestandes, so die Forderung, müssten Behörden frühzeitig klare und deutliche Risikokommunikation betreiben. Eine längerfristige, beständige Zusammenarbeit von Behörden und Wissenschaft wurde ebenfalls begrüßt. Der Beitrag der TA im Sinne einer wissenschaftsbasierten Gesellschafts- und Politikberatung zur Schaffung einer qualifizierten Meinungsbildung, etwa wie sie seit 2007 durch das am ITA durchgeführte Projekt „NanoTrust“ erfolgt, wurde allgemein anerkannt.

3     Theorie, Risikomanagement und Privacy

Eine Session war den theoretischen Ansätzen der Sicherheit gewidmet. In ihrem Vortrag betonte Judith Simon (ITAS Karlsruhe), dass Sicherheit, Wissen und Vertrauen auf untrennbare Weise verbunden seien. Gerade wenn Informationstechnologie im Spiel ist, werde dieser Zusammenhang prekär und sei TA-relevant. Vertrauenswürdigkeit könne, so die These, zwischen Vertrauen und Sicherheit vermitteln, wobei aber Praktiken epistemischer Wachsamkeit nötig seien. Welche Konzepte von Sicherheit zukünftig politisch im Mittelpunkt stehen könnten, untersuchte Petra Schaper-Rinkel (Austrian Institute of Technology, AIT). Sie unterschied dabei zwischen staatlichen (z. B. militärisch vermittelten) und individuellen Sicherheitspolitiken, etwa was die eigene Gesundheit angeht. Ein Beispiel für die Zusammenführung unterschiedlicher Sicherheits- und Freiheitskonzepte bilden Web-2.0-Anwendungen, die individuelle Daten, Medizintechnik und Fitnessangebote verbinden. Karin Rainer (INSET Unternehmensberatung GmbH Wien) beschäftigte sich mit Social-Media-Diensten im Hinblick auf ihren Einsatz für sicherheitsrelevante Aufgaben. Sie fragte nach dem Nutzen und den gesellschaftlichen Kosten, die dabei anfallen – etwa der Gefahr privater Bespitzelung. Derartige „Kosten“ ließen sich nur eindämmen, wenn neben technischen und wirtschaftlichen auch ethische, soziale und datenschutzrechtliche Aspekte bereits im Projektstadium einbezogen würden.

Eine weitere Session beschäftigte sich mit verschiedenen Aspekten des Risikomanagements. Den Anfang machte Astrid Epp (Bundesinstitut für Risikobewertung). Sie fragte anhand eines Beispiels aus dem gesundheitlichen Verbraucherschutz, unter welchen Bedingungen Verbraucher Experten und den für die Herstellung von Sicherheit verantwortlichen Institutionen vertrauen. Eine zentrale Bedingung sei, dass die wissenschaftliche Bewertung von Risiken im Lebensmittelbereich frei von wirtschaftlichen oder politischen Interessen sei und eine institutionelle Trennung von Risikobewertung und Risikomanagement sichergestellt werde. Bruno Gransche (Fraunhofer ISI Karlsruhe) präsentierte Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Barometer Sicherheit in Deutschland“ und ein darauf basierendes Monitoring zu objektivierten und subjektiven Sicherheiten in Deutschland. Für eine Gliederung der vielfältigen Ergebnisse wurde ein Sicherheitsquadrant entwickelt, der Situationen abhängig von den jeweiligen persönlichen Sicherheitsbewertungen strukturiert. Bernd Giese (Universität Bremen) präsentierte die, mit der Synthetischen Biologie verbundenen, neuen Gefährdungsdimensionen und gab eine Übersicht in die aktuell diskutierten Strategien zur Herstellung von Sicherheit, um schließlich vielversprechende Gestaltungsmöglichkeiten zu identifizieren. Zum Abschluss gab Wolfgang Liebert (Universität für Bodenkultur, Wien) eine Übersicht über Sicherheitsdilemmata und TA in der nuklearen Technik. Anhand von drei Beispielen aus dem nukleartechnischen Bereich ging er der Frage nach, welche technischen Dimensionen unzureichend in den Blick genommen werden, um tatsächlich ein notwendiges Mehr an Sicherheit ermöglichen zu können, und welche nicht-technischen Dimensionen Beachtung finden sollten.

In der englischsprachigen Session „Security and Privacy“ wurde das Spannungsverhältnis von Überwachung, Privatsphäre und Sicherheit aus der Perspektive von Sicherheitsforschungsprojekten der EU thematisiert. Ein gemeinsames Charakteristikum der vier vorgestellten Projekte war die differenzierte Auseinandersetzung mit den möglichen Konsequenzen von Sicherheitstechnologien für die Gesellschaft, die Demokratie und den Schutz der Privatsphäre sowie die Wahrung von Menschenrechten. Johann Čas (ITA Wien) kritisierte die Ausrichtung der EU-Sicherheitsforschung insgesamt als zu stark an industriellen Interessen und zu wenig an aktuellen Problemen orientiert. Michael Friedewald (Fraunhofer ISI Karlsruhe) stellte das Projekt PRISMS vor, in welchem mittels einer EU-weiten Umfrage die Meinungen von Bürgerinnen und Bürgern zu diesem Thema erhoben werden. Er wies auf die Gefahr hin, dass Forschungsergebnisse zur Schaffung von Akzeptanz missbraucht werden könnten. Emilio Mordini (Centre for Science, Society and Citizenship Rom) thematisierte anhand des Projekts PACT aktuelle Entwicklungen zu Privacy und Unterschiede zum Datenschutz. Mit dem Projekt DESSI stellte Walter Peissl (ITA Wien) ein System zur Unterstützung von Entscheidungen über Sicherheitsinvestitionen vor. Ein systematischer Vergleich von Alternativen unter Einbeziehung von Experten und Betroffenen solle zu rationaleren Entscheidungen führen. Martin Scheinin (European University Institute Florenz) stellte mit SURVEILLE ein Projekt zur Entwicklung einer Methode dar, mit der die Angemessenheit von Eingriffen in Grundrechte durch Überwachungstechnologien beurteilt werden kann.

4     Fazit

Die diesjährige TA-Konferenz hat versucht, den Begriff Sicherheit als vielschichtiges Phänomen sichtbar zu machen, und zwar durchaus in bewusster Gegenbewegung zu simplifizierenden Sichtweisen, die Sicherheit für gewöhnlich als prädominantes gesellschaftliches Gut darstellen, ohne ihren Sicherheitsbegriff gegen andere gesellschaftliche Werte (Recht auf Privatsphäre, soziale Gerechtigkeit, demokratische Freiheitsrechte etc.) abzuwägen. Dass daran ein lebhaftes Interesse besteht, hat die Vielzahl hochwertiger Beiträge gezeigt, die auf dieser Konferenz geleistet wurden. Technikfolgenabschätzung steht hier in der Verantwortung, konkurrierende Aspekte von Sicherheit, wie etwa soziale Sicherheit oder Versorgungssicherheit zu thematisieren, um der Verknappung des Sicherheitsbegriffs auf rein technische, ökonomische oder militärische Aspekte entgegen zu wirken.

Anmerkung

[1]  Das Abstract-Booklet zur Konferenz kann bezogen werden unter http://www.oeaw.ac.at/ita/fileadmin/redaktion/Downloads/konferenzen/ta13/abstracts/ABSTRACT_BOOKLET.pdf (download 27.6.13).