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F. Böhle, G. Voß, G. Wachtler: Handbuch Arbeitssoziologie

F. Böhle, G. Voß, G. Wachtler: Handbuch Arbeitssoziologie
Autor:

L. Nierling, W. Jungmann

Link:
Quelle:

Nr. 3, 20. Jahrgang, S. 80-84

Datum: Dezember 2011

Rezension

Arbeit im Umbruch?

F. Böhle, G. Voß, G. Wachtler: Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, 1013 S., ISBN: 978-3-531-15432-9, 69,95 €

Rezension von Linda Nierling, ITAS, und Walter Jungmann, Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik am KIT

Die Arbeitswelt ist nicht zuletzt durch technologische Innovationen in den letzten Jahrzehnten einem steten Wandel unterworfen: So waren steigende Arbeitslosenzahlen infolge von fortschreitender Automatisierung in der Industriearbeit ein Indiz für sich wandelnde gesellschaftliche Bedingungen von Arbeit. Auch der Übergang zur „postindustriellen Wissensgesellschaft“ ist ohne den Einzug von Informations- und Kommunikationstechnologien nicht zu denken. „Arbeit“ befindet sich im Wandel, so die prominente Diagnose der Arbeits- und Industriesoziologie der letzten Jahre. Doch nicht nur der Erkenntnisgegenstand dieser soziologischen Disziplin, auch die „Soziologie der Arbeit“ befindet sich im Wandel. Diese Prozesse werden im vorliegenden Handbuch reflektiert und neben der industriellen Erwerbsarbeit werden Arbeitsformen wie Haus-, Familien- und gemeinnützige Arbeit betrachtet und die Genderperspektive integriert. Der Wandel der Disziplin lässt sich bereits am Titel des Handbuchs ablesen: Vom disziplinären Titel „Arbeits- und Industriesoziologie“ ist nur noch die „Arbeitssoziologie“ übrig geblieben – die „Industrie“ ist nicht mehr zentraler Gegenstand der Analyse.

1     Überblick

Die Herausgeber verfolgen mit dem Handbuch im Wesentlichen zwei Ziele, sowohl einen Überblick über den Traditionsbestand der Arbeits- und Industriesoziologie zu geben als auch die aktuelle „Selbsttransformation“ der Disziplin zu dokumentieren. Der disziplinäre Wandel verdankt sich der vermehrten Erforschung von Arbeitsformen außerhalb des industriellen Sektors und jenseits herkömmlicher Erwerbsarbeit. Der gewachsenen Bedeutung des Arbeitsbegriffs für die disziplinäre Identität trägt offensichtlich auch der Titel des Handbuchs Rechnung. Auf etwas über 1.000 Seiten lassen Fritz Böhle, G. Günter Voß und Günther Wachtler 36 ausgewiesene VertreterInnen ihrer Disziplin zu einschlägigen Themen zu Wort kommen. Das Spektrum der 32 Überblicksdarstellungen reicht von historisch-anthropologischen Überlegungen zum Arbeitsbegriff über Darstellungen zu einzelnen Aspekten der sozioökonomischen, -kulturellen und sozialpolitischen Bedeutung und Gestaltung von Arbeit bis hin zur Fokussierung des Zusammenhangs von Arbeit und beruflicher Bildung sowie der arbeitssoziologischen Analyse von darstellender Kunst zum Thema Arbeit.

Die Beiträge verteilen sich auf drei Buchteile. Schon bei der schlichten Auflistung der Inhaltsstruktur wird deutlich, dass es die Gliederung der LeserIn nicht gerade leicht macht, sich zu orientieren. So bestehen insgesamt fünf der 14 Kapitel aus nur einem Beitrag, der sich dann auch noch im Titel nur unwesentlich von der Kapitelüberschrift unterscheidet. Wer sich angesichts eines fehlenden Schlagwortindex über die Artikelüberschriften Aufschluss über die im jeweiligen Beitrag behandelten Sachverhalte erhofft, wird meist enttäuscht. Titel wie „Arbeit und Gesellschaft“, „Arbeit und Leben“ oder „Beruf und Profession“ sagen leider wenig aus über die spezifischen Inhalte. Nimmt man den Sammelband allerdings mit etwas Muße zur Hand und bringt bei spezifischem Informationsbedarf hinreichend Frustrationstoleranz auf, wird man (überwiegend) belohnt. Um hierfür den Beweis anzutreten, werden im Folgenden einige wenige ausgewählte Beiträge ausführlicher besprochen.

2     Strukturwandel der Arbeit im Tertiarisierungsprozess

Die Überschrift des Artikels von Heike Jacobsen „Strukturwandel der Arbeit im Tertiarisierungsprozess“ weckt große Erwartungen, die über das Thema Tertiarisierung weit hinausgehen. Jacobsen nimmt die Tertiarisierung sehr breit und sehr grundsätzlich in den Blick. Sie versteht darunter einen dreifachen Prozess, nämlich den „wirtschaftsstrukturellen Wandel zugunsten von Dienstleistungsbranchen“, die „Ausweitung dienstleistender Funktionen innerhalb von Unternehmen“ und die „Integration dienstleistender Aufgaben (...) auch in herstellende Arbeit“ (S. 205). Sie verfolgt das Ziel, zwei bislang meist nur unzureichend verbundene Ebenen bei der Analyse der Ursachen und Folgen des wirtschaftsstrukturellen Wandels systematisch zu verknüpfen und davon ausgehend, eine Prognose bezüglich der weiteren Entwicklung zu skizzieren. Die beiden von Jacobsen unterschiedenen Ebenen sind zum einen die stärker auf der Makroperspektive beruhenden sozioökonomischen oder gesellschaftstheoretischen Zugänge und zum anderen die stärker aus der Mikro- und Mesoperspektive heraus vorgenommenen empirischen Analysen der von Menschen geleisteten bzw. geforderten Arbeit und ihrer organisatorischen Einbettung. Aus der Auseinandersetzung mit den wichtigsten Erträgen aus gut 100 Jahren Forschung zum Tertiarisierungsprozess verspricht sich die Autorin Aufschluss über die Voraussetzungen eines ebenübergreifenden Ansatzes.

In knappen Ausführungen u. a. zu Jean Fourastié, Daniel Bell, Jonathan Gershuny werden die makrotheoretischen Befunde zusammengetragen, die für einen universellen Entwicklungspfad in Richtung Dienstleistungsgesellschaft sprechen. Den gesellschaftstheoretischen Entwürfen stellt sie die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Studien zur betrieblichen und sozialen Stellung der „Privatbeamten“ und „Angestellten“ sowie zur Frage nach den Folgen der „Maschinisierung“ der Angestelltentätigkeiten gegenüber. Erste Durchbrüche zu einer ebenenübergreifenden Tertiarisierungsforschung identifiziert Jacobsen in den von Claus Offe und Johannes Berger seit Anfang der 1980er Jahre durchgeführten Untersuchungen zum Eigencharakter von Dienstleistungen und den unterschiedlichen Formen der Rationalisierung von Dienstleistungstätigkeiten. Auch in den empirischen Arbeiten zur Zunahme der überfachlichen Ansprüche an Produktions- und Angestelltenarbeit in Richtung Wissens- und Interaktionsarbeit, wie sie am Institut SOFI der Uni Göttingen durchgeführt wurden, erkennt sie ebenenübergreifendes Potenzial. Daneben entnimmt Jacobsen aus weiteren Forschungsfeldern, die in den vergangenen gut 20 Jahren an Bedeutung gewonnen haben, weitere empirische Anhaltspunkte, die qualitative Veränderungen der Erwerbsarbeit belegen. Dies sind die Erforschung der frauen- bzw. geschlechterspezifischen Dienstleistungsarbeit sowie der branchenübergreifende Bedeutungszuwachs wissenschaftlich-technischen Wissens. Darüber hinaus verweist sie aber auch auf die Analyse der unterschiedlichen Ursachen für eine zunehmende Entgrenzung der Arbeit, unhabhängig davon, ob dabei der produzierende oder der dienstleistende Aspekt im Vordergrund steht.

Jacobsen zufolge haben v. a. Studien, die sich mit der Entwicklung der Dienstleitungsarbeit beschäftigen dazu beigetragen, ein übergreifendes Kategorienraster zur Beschreibung konkreter Arbeitstätigkeiten zu identifizieren. Demnach ist jegliche Arbeit durch die Beschäftigung mit „Objekten“, „Informationen“ und „Personen“ geprägt (S. 221). Entsprechend des unterschiedlichen Stellenwerts dieser Gegenstände für die typische Arbeitsaufgabe, lassen sich in charakteristischer Weise Tätigkeitsprofile unterscheiden, ohne auf die überkommene Differenzierung in herstellende oder dienstleistende Tätigkeit zurückgreifen zu müssen. Unter Nutzung dieses Kategorienrasters formuliert die Autorin ihre abschließende Prognose hinsichtlich des Weiteren wirtschaftsstrukturellen Wandels und dessen Bedeutung für die Erwerbsarbeit. Demnach werde die „materielle Produktion“ in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft noch mehr Erwerbspersonen benötigen, die „Wissensarbeit“ und „Interaktionsarbeit“ leisten. Ihre Aufgabe werde jedoch nicht darin bestehen, „Ungewissheit“ (S. 222f.) zu vermindern, sondern zwischen fortwährenden technischen Neuerungen und deren betrieblicher sowie gesellschaftlicher Nutzung zu vermitteln. Entsprechend ambitioniert beschreibt Jacobsen die Dienstleister der Zukunft als Innovationsagenten.

3     Technisierung der Arbeit

Sabine Pfeiffer widmet sich in ihrem Beitrag „Technisierung der Arbeit“ einem klassischen Thema der frühen Industriesoziologie, dem Verhältnis von Technik und Arbeit. Ausgehend von den Auseinandersetzungen um die Integration von Technik in die industrielle Produktionsarbeit zeichnet sie kenntnisreich die wesentlichen Debatten von der technischen Fortschrittsgläubigkeit der 1950er und 60er Jahre über die Abkehr vom Technikdeterminismus in den 80er Jahren bis hin zu derzeitigen Forschungssträngen von Technik und Arbeit nach. In einer Kritik an den gegenwärtigen Ansätzen argumentiert sie für eine „Wiederentdeckung von Technisierung und eine Neuentdeckung der Materialität von Technik als kritikrelevanten Gegenständen einer zukunftsfähigen Industriesoziologie“ (S. 233).

Ein besonderes Verdienst ihres Beitrags ist es dabei, die Debatten um Technik und Arbeit in die jeweiligen historischen Kontexte einzubetten. In den 1950er Jahren sei der technische Wandel als aufsteigendes Phasenmodell interpretiert worden, das in der Automatisierung kulminierte. Diese Formen der Technisierung von Arbeit seien im Allgemeinen positiv bewertet worden, da sie die Entlastung von körperlich schwerer Arbeit ermöglichten und nicht zuletzt in Anknüpfung an Marxsches Gedankengut zur „Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise“ führen sollten. In der „Automationsdebatte“ (S. 236) der 60er Jahre seien erste Polarisierungen dieser positiven Sichtweise auf Technik diskutiert worden, was schließlich in den 70er Jahren dazu führte, dass sich die positive Sicht auf Technik im Arbeitsprozess „ernüchterte“ und vielmehr als eine Form betrieblicher Rationalisierung unter anderen gefasst wurde. In den 80er Jahren schließlich habe sich die endgültige „Abkehr vom Technikdeterminismus“ vollzogen und der Einsatz von Technologien in der Arbeit als Ergebnis betrieblicher Rationalisierung verstanden worden. Konzepte wie das der systemischen Rationalisierung oder der neuen Produktionskonzepte waren einflussreich für den Fortgang der Debatten, wobei sich das Interesse der Industriesoziologie allerdings mehr und mehr von der Technik sui generis löste und der Organisation von Arbeit zuwandte.

Die Abstrahierung von Technologien findet sich auch in den zeitlich folgenden industriesoziologischen Debatten um den Einzug der Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) wieder. Denn hier wurde der Wandel von Arbeit nicht unter der Blickrichtung der Technologie, sondern vielmehr unter dem Schlagwort der „Informatisierung“ ökonomisch als Ausdruck der Kapitalverwertung diskutiert. Pfeiffer hebt hervor, dass diese Abstraktion zwar einerseits verdienstvoll sei, andererseits jedoch zwei wesentliche Aspekte vernachlässige: die „Stofflichkeit der Technik“ und die „Leiblichkeit menschlichen Arbeitshandelns“ (S. 250). Unter Rückgriff auf die Erkenntnisse des subjektivierenden Arbeitshandelns verweist Pfeiffer daher auf die qualitativen und nicht-formalisierbaren Aspekte von Arbeit, wobei in Bezug auf Technik gerade die Herausforderung darin bestehe, das „Nicht-Formalisierbare“ unter der Perspektive des Subjekts auch hinsichtlich einer (humanen) Technikgestaltung zu analysieren.

Die in der Arbeitssoziologie derzeit vorherrschende „Technikvergessenheit“ (S. 246) und die Hinwendung zu einer organisationssoziologischen Perspektive bewertet Pfeiffer sehr kritisch, denn dies führe zu der „Illusion“, dass die Analyse von Arbeit „unter weitgehender Vernachlässigung der Technik“ (S. 247) möglich sei. Pfeiffer plädiert dafür, an internationale Debatten und andere disziplinäre Zugänge anzuknüpfen und damit „Technik wieder ernst [zu] nehmen“, um anhand konkreter Techniken die vielfältigen Auswirkungen von Technologien auf Arbeitsprozesse (wieder) in den Blick nehmen zu können.

4     Genderperspektive

Brigitte Aulenbacher richtet in ihrem Beitrag „Rationalisierung und der Wandel von Erwerbsarbeit aus der Genderperspektive“ den Blick auf die Kategorie Geschlecht, die „im Mainstream der Arbeits- und Industriesoziologie bis zur gegenwärtigen Dekade kaum Thema“ (S. 303) gewesen sei. Erst mit der Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung – seit den 1970er Jahren auch in der Arbeits- und Industriesoziologie – sei diese Engführung problematisiert und empirisch und theoretisch bearbeitet worden. Dabei lassen sich nach Aulenbacher historisch zwei Phasen unterscheiden: Zum einen Diskussionen der 70er Jahre, in denen die Einbindung von Frauen in die Haus- und Erwerbsarbeit und entsprechende Auswirkungen auf Betrieb und Rationalisierung im Vordergrund standen. Zum anderen Debatten, die ab den 90er Jahren geführt wurden, die Geschlecht als gesellschaftliche Ordnungskategorie und Umbrüche in den Rationalisierungs- und Geschlechterarrangements zum Thema hatten.

In der ersten Phase habe die feministische Kritik ihren Ausgangspunkt am „Wert der Hausarbeit“ (S. 304;) genommen, durch die die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit erstmals systematisch in den Fokus gesellschaftlicher Arbeitsteilung gerückt wurde. Über das aus feministischer Perspektive viel kritisierte Konzept des „weiblichen Arbeitsvermögens“ und dem Theorem der „doppelten Vergesellschaftung“ spannt Aulenbacher den Bogen über weitere Ansätze, die die betriebliche Rationalisierungspotenziale bzw. Benachteiligungen in Erwartung des frühzeitigen Ausscheidens von Frauen aus dem Berufsleben, herausstellen. Gerade Studien im Anschluss an die Angestelltensoziologie zeigten auf, dass Frauen oftmals zu „(unfreiwilligen) Pionierinnen der Rationalisierung“ (S. 307) geworden seien. In der feministischen Organisationsforschung wurden schließlich die vergeschlechtlichten Mechanismen auf der Ebene der Organisation offen gelegt, die nicht zuletzt dazu führen, dass „Weiblichkeit kapitalisiert“ wird, was sich für Frauen „nachteilig, für die Organisation hingegen vorteilig auswirkt“ (S. 309). Gleichzeitig gerieten Themen wie „Emotionalität“ in Verbindung mit dem betrieblichen Zugriff auf Arbeitskraft in den Blick, die auf „Leerstellen“ (S. 309) der Rationalisierungsforschung aufmerksam machten.

In der zweiten Phase der Debatten standen nach Aulenbacher Umbrüche in den bislang stabilen Geschlechterordnungen im Zentrum. Inspiriert durch interaktionstheoretische Ansätze des „Doing Gender“ sei die Konstruktion von Geschlecht sowohl auf der Ebene gesellschaftlicher Arbeitsteilung als auch hinsichtlich betrieblicher Ordnungen analysiert worden. Dabei zeigte sich insbesondere in neuen Arbeitsfeldern, dass die vormals stabilen Geschlechts- und Arbeitszuschreibungen zunehmend in „Un-Ordnung“ (S. 311) gerieten, Brüche stattfanden und nicht zuletzt eine „punktuelle Irrelevanz geschlechtsspezifischer Zuschreibungen“ (S. 316) beobachtet werden konnte. Diese Bewegung spiegelt sich auf einer Metaebene auch für die Disziplin, wie Aulenbacher herausstellt: So näherten sich das Erkenntnisinteresse der Frauen- und Geschlechterforschung sowie der Arbeits- und Industriesoziologie einander an, z. B. in der geteilten Kritik an der neuen Vermarktlichung der Gesellschaft, auch wenn in der kategorialen Einordnung der „Rationalisierungsmodi“ (S. 314) (d. h. Entgrenzung und Subjektivierung) weiterhin Dissens zwischen beiden Forschungsrichtungen bestehe.

Was bedeuten diese Diskussionen für aktuelle Forschungsperspektiven? Aulenbacher gibt in dreifacher Weise hierzu Auskunft. In empirischer Hinsicht empfiehlt sie, den Einfluss der Kategorie Geschlecht auf die „Entwicklung des Rationalisierungsgeschehens“ (S. 317) zu untersuchen. Erkenntnistheoretisch seien die Rationalisierungsforschung weiterzuentwickeln und Fragen nach der programmatischen Bedeutung der Genderforschung zu stellen. Schließlich sieht sie auf der Ebene der Theoriebildung die Herausforderung, den Zusammenhang von Rationalisierung und Geschlecht auf Grundlage der derzeitigen „theoretisch-kategorialen Suchbewegungen“ (S. 318) der unterschiedlichen Theorierichtungen zu beobachten.

5     Arbeit und Subjekt

Die jüngeren arbeitssoziologischen Debatten lassen sich vor allem durch den vollzogenen Schwenk auf das Subjekt charakterisieren. Diese subjektiven Perspektiven auf Arbeit sollen im Folgenden anhand des Beitrags von Frank Kleemann und G. Günter Voß skizziert werden. In dem Artikel „Arbeit und Subjekt“ wird von den Autoren ein ambitioniertes Vorhaben bestritten und eingelöst: Die Genese der Kategorie Subjekt in der arbeits- und industriesoziologischen Forschung nachzuvollziehen und ihre derzeitige „Konjunktur“ (S. 416) als Produktivkraft in modernen kapitalistischen Systemen zu analysieren. Dabei wird unter Subjektivität „das Ensemble der individuellen Eigenschaften, Ressourcen und Dispositionen des Menschen, der als biologisch und psychisch je besondere Einheit zugleich immer ein sozial eingebundenes Wesen ist, dessen Subjekteigenschaft gerade durch je historisch spezifische inter-subjektive Erfahrungen geprägt wird“ (S. 416) verstanden.

Theoriegeschichtlich lässt sich die Auseinandersetzung von Arbeit und Subjekt auf die frühen Schriften von Marx zurückführen. Arbeit hat schon dort eine Doppelrolle inne – einerseits trägt sie in positiver Weise zur Entfaltung des Subjekts bei, andererseits wirken gesellschaftliche Zwänge auf die Ausübung von Arbeit ein, wodurch die menschliche Entfaltung nicht frei von statten gehen kann. Ausgehend vom „rigiden negativen Menschenbild“ (S. 419) des Taylorismus, in dem der Faktor Mensch in den 60er und 70er Jahre als ein „möglichst zu minimierender Störfaktor des Betriebsablaufs“ (S. 419) verstanden wird, spannen Kleemann und Voß den Bogen über erste zögerliche Betrachtungen des Subjekts in der Arbeiterbewusstseinsforschung bis hin zum Wandel in der Wahrnehmung des Subjekts in der postindustriellen Wissensgesellschaft. Denn erst in dieser Phase fände eine Perspektivenerweiterung auf das Subjekt im Arbeitsprozess statt – in den vorherigen Debatten der Arbeits- und Industriesoziologie sei das Subjekt hingegen „als (weitgehend fremdbestimmte) Arbeitskraft und Kollektivsubjekt“ (S. 427) verstanden worden. In den 80er Jahren schließlich habe der Perspektivenwechsel auf das Subjekt stattgefunden. In aktuellen Debatten um Arbeit habe die Analyse des Subjekts inzwischen einen festen Platz eingenommen und werde in den Konzepten um den Arbeitskraftunternehmer und der Subjektivierung von Arbeit eingefangen, die den veränderten Stellenwert des Subjekts in der Arbeit reflektieren. „Der Weg zu einer angemessenen Thematisierung des Subjekts ist noch weit“ (S. 437) – so das Fazit von Kleemann und Voß – insbesondere auch hinsichtlich notwendiger „Grenzüberschreitungen“ (S. 438) zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen.

6     Fazit

Das Handbuch Arbeitssoziologie stellt ein umfassendes Nachschlagewerk mit qualitativ hochwertigen Grundlagentexten für zentrale Themen der Arbeits- und Industriesoziologie dar. Es wurden durchweg namhafte ExpertInnen gewonnen, die sich mit den ihnen zugewiesenen Themen sehr sorgfältig, historisch fundiert und an aktuelle Themen anknüpfend auseinandersetzen. Insbesondere die Verknüpfung der Texte untereinander – zumeist in Fußnoten – zeigt die enge Verbindung der doch divergenten Themenbereiche. Zudem ist es in bemerkenswerter Weise gelungen, zentrale Kategorien der jüngeren Arbeits- und Industriesoziologie wie den Arbeitskraftunternehmer, die Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit konsequent in die jeweiligen thematischen Zugänge einzubetten, und sie damit in ihrer Analysekraft für die Disziplin insgesamt zu erschließen. Auch das Thema „Geschlecht“ wird weitestgehend als Querschnittsthema integriert und nicht – wie allzu oft – als Einzelperspektive verhandelt.

Kritikpunkte lassen sich in der Orientierung für den Leser anmerken. So dienen die Oberkapitel nicht der Orientierung, auch erscheint ihre Benennung zufällig, einige Unterkapitel sind nur mit einem Text besetzt, so dass sich das logische Aufbauprinzip der Beiträge auch bei näherer Beschäftigung nicht erschließen lässt. Wünschenswert wäre eine andere Gliederung gewesen, so hätte sich aus dem Inhaltsverzeichnis direkt die Strukturierung der Disziplin ergeben können – eine Strukturierungsleistung, die sich insbesondere positiv auf den Einsatz des Handbuchs in der universitären Lehre niedergeschlagen hätte. Auch wäre es hilfreich gewesen, wenn den jeweiligen Oberkapiteln Einführungen zur Einordnung der Themenfelder in die arbeitssoziologischen Debatten vorangestellt worden wären. Denn gerade in der praktischen Verwendung in der Lehre erweisen sich die Texte als sehr voraussetzungsreich.

Nicht zuletzt sind die Schritte hin zu einer zögerlichen disziplinären Öffnung der Arbeitssoziologie hervorzuheben: Von einer ehemals geschlossenen Disziplin wird in vielen Beiträgen des Buches eine „multidisziplinäre“ Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, sei es Ökonomie, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Technikfolgenabschätzung oder Psychologie, gefordert und ansatzweise eingelöst. Dies trägt der Vervielfältigung relevanter Themen für eine sorgfältige Analyse der immer komplexer werdenden Arbeitswelt Rechnung. Ihrem kritischen Anspruch, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, sich politisch zu positionieren und die Schattenseiten kapitalistischer Wirtschaftssysteme für die Arbeitswelt zu erforschen und zu dokumentieren, bleibt die Arbeitssoziologie jedoch weiterhin treu.