Home | english  | Impressum | Datenschutz | Sitemap | KIT

TA'04: Exklusive Technik? Neue Technologien zwischen erweiterten Handlungsspielräumen und eingeschränktem Zugang (Wien, 7. Juni 2004)

TA'04: Exklusive Technik? Neue Technologien zwischen erweiterten Handlungsspielräumen und eingeschränktem Zugang (Wien, 7. Juni 2004)
Quelle: Nr. 2, 13. Jahrgang, S. 128-130 Link:
Datum: Juni 2004

Tagungsberichte und Tagungsankündigungen

Exklusive Technik? TA-Konferenz zu Fragen der Inklusion und Exklusion durch neue Technologien TA'04: Exklusive Technik? Neue Technologien zwischen erweiterten Handlungsspielräumen und eingeschränktem Zugang

Wien, Österreich, 7. Juni 2004

Tagungsbericht von Roman Winkler, Institut für Technikfolgen-Abschätzung, Wien

Neue Technologien zwischen erweiterten Handlungsspielräumen und eingeschränktem Zugang waren Gegenstand der diesjährigen, vierten TA-Tagung (TA'04) des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die am 7. Juni in Wien stattfand. Rund 100 TeilnehmerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz diskutierten einen Tag lang gegenwärtige Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Bio- und Medizintechnologien und damit einhergehende Partizipationsmöglichkeiten, Prozesse der unfreiwilligen Erfassung und des selbst gewählten Ausschlusses.

Die TA'04 stellte mit diesem Thema ein Problemfeld zur Diskussion, das nicht nur WissenschafterInnen beschäftigt, sondern auch medial und politisch zunehmend an Bedeutung gewinnt: „Die Digitale Spaltung“, die vorrangig den drohenden Ausschluss von ganzen Bevölkerungsgruppen durch technologische Innovationen thematisiert. Das Ziel der Tagung bestand allerdings auch im Aufzeigen von erweiterten Handlungsspielräumen und verschränkte in zwei Parallelsessions sowohl Fragen der Inklusion wie der Exklusion. So versprechen zwar IKT einerseits mehr Teilhabe an politischen Gestaltungsprozessen und einen vereinfachten Zugang zu öffentlichen Diensten, andererseits besteht die Gefahr, dass bestimmte Gruppen vom Nutzen der Digitalisierung ausgeschlossen werden. Der biotechnologische Fortschritt wiederum verspricht jedem Menschen individuell maßgeschneiderte Medikamente, die aber aufgrund hoher Kosten exklusiv bleiben könnten. In beiden Fällen spielen sowohl ökonomische Zwänge als auch die zunehmende Komplexität im Kontext der Technikanwendungen eine entscheidende Rolle. Es sind jedoch nicht immer nur Exklusionsprozesse, die problematisch werden könnten. So bietet die moderne Gendiagnostik die Möglichkeit von Massenscreenings, die IKT ermöglichen eine umfassende Überwachung und Kontrolle -beides sind Beispiele für breite, teils gewollte, teils unerwünschte Einbeziehung. Damit geht es nicht zuletzt um die Akzeptanz und Verbreitung von technologischen Entwicklungen.

Insgesamt standen vier Themenblöcke zur Verfügung, die allesamt 11 Präsentationen umfassten. Die Sessions „Digitale Spaltung - Neue Trends“, „Privacy und neue Kontrollregime“ und „Partizipation und Selbstausschließung im Netz“ behandelten das Tagungsthema vor dem Hintergrund der IKT. „Exklusivität im Gesundheitssystem“ war den Bio- und Medizintechnologien gewidmet. Alle Beiträge sind auf der ITA-Homepage veröffentlicht http://www.oeaw.ac.at/ita/ta04.

Das ITA konnte mit Herbert Kubicek von der Universität Bremen und Regine Kollek von der Universität Hamburg zwei renommierte WissenschafterInnen gewinnen, die das Konferenzthema in einen sozialwissenschaftlichen bzw. biotechnologischen Kontext stellten.

Herbert Kubiceks Vortrag „Digital Divide - Eine neue Exklusion durch Technik?“ basierte auf der Grundthese, dass sich mittlerweile eine „Veralltäglichung“ von Technik einstellt, die zu einer weitgehenden Normalisierung hinsichtlich der technologischen Anwendungen führt. Dies sei vor allem auf Lernprozesse zurückzuführen, die eine Durchdringung unserer Arbeits- und Lebensbereiche mit neuen Technologien ermöglichten. Vor diesem Hintergrund hinterfragte Kubicek die analytische Genauigkeit des Begriffs „Digitale Spaltung“. Die dichotome Unterscheidung zwischen NutzerInnen und Nicht-NutzerInnen greife demnach zu kurz, um den Problembereich der digitalen Kluft fassen zu können. Vielmehr ist eine Differenzierung hinsichtlich der Kategorien Geschlecht, Alter und Bildung notwendig, die eine kombinierte Betrachtung verlangen. Dies sei insofern notwendig, so Kubicek, da trotz steigender Zuwachsraten von InternetnutzerInnen die Abstände zwischen den Teilgruppen immer größer werden. Eine große Bedeutung wird dabei vor allem dem Bildungsbereich zugeschrieben. Dabei verfügt die Gruppe der höher Gebildeten nicht nur über die notwendige technische Ausstattung, sondern auch über die erforderlichen Fähigkeiten, um sich in der online Welt zurechtzufinden. Wie können aber diejenigen von neuen Technologien profitieren, die keine höheren Schulen absolviert haben? Weiters: Ist Zugang wirklich alles, um am heutigen Arbeits- und Bildungsmarkt reüssieren zu können? Kubicek betonte einmal mehr die Wichtigkeit der Medienkompetenz - also der Fähigkeit, Medien technisch und inhaltlich nutzen zu können. Hierbei geht es vor allem um das Sammeln von Erfahrungen. Während traditionelle Medien, wie Fernsehen oder Radio relativ niedrige Anforderungen an ihre NutzerInnen stellen, sind die Voraussetzungen für den Umgang mit neuen Medien extrem hoch (PC, Internet Anschluss etc.). Die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Netzwerken sei zwar der Schlüssel, um dem Problem der „Digitalen Spaltung“ zu begegnen, es ist aber unbestritten, dass der Vermittlung von Kompetenzen in einem lernfreundlichen Umfeld enorm große Bedeutung zukommt. Dies gelte insbesondere für Jugendliche, die vorzeitig die Schule verlassen und oftmals den Zugang zu technischer Infrastruktur verlieren. Anhand von Erfahrungen in zwei Jugendfreizeitheimen in Bremen zeigte der Vortragende, wie Jugendliche zunächst spielerisch Kompetenzen im Umgang mit dem Internet erwerben, um in Folge auf die „ernstere“ Nutzung vorbereitet zu werden. Kubicek wies darauf hin, dass die „Digitale Spaltung“ nur durch „digitale Integration“ gelöst werden kann, die von einer sozialen Integration begleitet werden muss. Dazu bedarf es neben der Vermittlung traditioneller Kulturtechniken auch der Schaffung eines fördernden Umfelds und natürlich der Bereitschaft, auch lernen zu wollen.

Regine Kollek thematisierte in ihrer Präsentation zu „Ethik und Technikfolgenabschätzung - Herausforderungen für Theorie und Praxis“ die Hoffnungen und ethischen Kontroversen, die sich gegenwärtig durch innovative biomedizinische Techniken ergeben. Kollek konstatierte ein zunehmendes Interesse hinsichtlich des Bedarfs an Nutzenanalysen von medizinischen Technologien. Dabei kommt dem „Health Technology Assessment“ (HTA) eine besondere Bedeutung zu, trägt es doch dazu bei, den Einsatz von medizinisch-technischen Innovationen effizienter zu machen. Doch welche ethischen Implikationen haben HTA-Analysen? Welche gesellschaftliche Breitenwirkung können HTA-Untersuchungsdesigns haben? Kollek hielt fest, dass eine Vielzahl an klinischen Studien unter sehr „optimalen“ Bedingungen durchgeführt wird, die oft nur wenige Berührungspunkte zur Praxis aufweisen. Eine Reihe von Rahmenvariablen, die etwa Auskunft über die psychosoziale Situation von PatientInnen geben, werde ausgeblendet. HTA-Ergebnisse bauen zumeist auf sehr stringenten Studiendesigns auf, die in erster Linie auf klinischen und ökonomischen Parameter basieren und gesellschaftliche, kulturelle und ethische Implikationen ausklammern. Kollek plädierte daher für eine Dreiteilung bei der umfassenden und systematischen Untersuchung und Bewertung der direkten und indirekten Folgen von biomedizinischen Technologien. Demnach sollten HTA-Analysen zum einen die physikalischen, biologischen, medizinischen und ökologischen Wirkungen von Technologien erläutern - zum anderen seien aber auch gleichwertig die psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen zu berücksichtigen. Drittens dürfte nicht auf juristische und ethische Fragestellungen verzichtet werden. Kollek betonte zwar die Schwierigkeit bei der Erfassung und Quantifizierung mancher „weicher“ Faktoren (z. B. psychische oder soziale), weist aber darauf hin, dass gerade in der Medizin diesen Bewertungsfaktoren eine besondere Bedeutung zukomme. Die Vortragende bezeichnete dieses Spannungsfeld als ein „Aufwandsproblem“ des HTA und identifiziert des Weiteren ein „Kategorienproblem“ und ein „konzeptionelles Problem“. Während das Kategorienproblem vor allem die problematische Trennung von empirischen und normativen Aspekten bei der Technikbewertung diskutiert, geht es bei „konzeptionellen Problemen“ um die Integration von Analyseergebnissen in ein einheitliches Bewertungsschema. Ausgehend von einer Grundfrage des HTA, nämlich „Welche Folgen hat eine bestimmte biomedizinische Technologie für PatientInnen, Leistungserbringer und Kostenträger?“, diskutierte Kollek den Wertbezug von empirischen Befunden und stellt diesen in den Kontext der „konsequentialistischen Ethik“. Konsequentialismus sei demnach zu einem Rahmenkonzept bei der Technologiebewertung geworden, wonach aus einer vorgegebenen Theorie konkrete moralische Verpflichtungen abgeleitet und medizinische Technologien bewertet werden. Für PatientInnen können jedoch Richtungsentscheidungen, die bei der Erstellung von Studiendesigns, Zielsetzungen etc. getroffen werden, weit reichende (psychische und soziale) Auswirkungen haben. Anhand der künstlichen Befruchtung („In-Vitro-Fertilisierung“) erklärte Kollek das Problem zwischen gesellschaftlichem und individuellem Interesse hinsichtlich der Anwendung einer medizinischen Technologie und warf die Frage nach dem adäquaten Nutzen auf. Gerade bei kostenintensiven Technologien, die zudem eine relativ niedrige Erfolgsrate aufweisen (wie z. B. die „In-Vitro-Fertilisierung“), zeigt sich die Schwierigkeit, die gesellschaftlichen und individuellen Intentionen in Einklang zu bringen. HTA müsse diese Differenzen und unterschiedlichen Einschätzungen (z. B. jene von ÄrztInnen und PatientInnen vs. VertreterInnen der Kostenträger) in ihren Studien reflektieren und berücksichtigen. Abschließend unterstrich Kollek die Wichtigkeit einer multidimensionalen und perspektiven-sensitiven Herangehensweise bei der Bewertung von biomedizinischen Technologien, die in „integrierten Bewertungskonzepten“ Umsetzung finden sollten.

Trotz der thematischen Unterschiede in den beiden Vorträgen, zeigt sich die Gemeinsamkeit in der Betonung der Berücksichtung unterschiedlicher Zielgruppenbedürfnisse. Die „Digitale Spaltung“ ist kontextabhängig und äußert sich unterschiedlich. Das Resultat ist aber in jedem Fall dasselbe: Jugendliche mit fehlender Medienkompetenz im Bereich IKT und damit geringeren Chancen am Arbeitsmarkt können ebenso unter persönlichen Leidensdruck geraten, wie PatientInnen, denen der Zugang zu bestimmten innovativen Medizintechnologien verwehrt bleibt. Die Schaffung von Rahmenbedingungen für die digitale und soziale Integration von Gruppen wird damit zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit, um den sozialen Zusammenhalt gewährleisten zu können.