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G. Abels, D. Barben: Biotechnologie - Globalisierung - Demokratie: Politische Gestaltung transnationaler Technologieent-wicklung (Rezension)

G. Abels, D. Barben: Biotechnologie - Globalisierung - Demokratie: Politische Gestaltung transnationaler Technologieent-wicklung (Rezension)
Quelle: Nr. 2 / 10. Jahrgang, S. 126-127 Link:
Datum: Juni 2001

TA-relevante Bücher

GABRIELE ABELS, DANIEL BARBEN (Hrsg.): Biotechnologie - Globalisierung - Demokratie: Politische Gestaltung transnationaler Technologieentwicklung. Berlin: Ed. Sigma, 2000. 434 S. ISBN 3-89404-207-9

Rezension von Thomas Petermann, TAB

Seit den 80er Jahren ist die Biotechnologie zu einem Paradigma internationaler (globaler) Aktivitäten und Netzwerke von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik geworden. Getragen von erheblichen finanziellen privaten Investitionen sowie großzügig dotierten staatlichen Förderprogrammen entwickelte sich in der OECD-Welt ein regelrechter Technologiewettlauf zwischen Staaten und Firmen und zwischen Verbünden von Staaten und Firmen um die Ausschöpfung der lukrativen Potenziale der Biotechnologie. Die Evolution der "kapitalistisch funktionstüchtigen Biotechnologie" (Wolf-Dieter Narr) im Weltmaßstab und ihre "Konstruktion" durch Akteure und Netzwerke in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist ein faszinierender Untersuchungsgegenstand für die Sozialwissenschaften.

Diesem widmet sich das Buch "Biotechnologie - Globalisierung - Demokratie: Politische Gestaltung transnationaler Technologieentwicklung". Es ist zum Großteil das Ergebnis der Jahrestagung des sehr aktiven Arbeitskreises Politik und Technik der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) zum Thema "Biotechnologie - Globalisierung - Demokratie. Formierungsprozesse und Perspektiven einer ‚Zukunftstechnologie'", die vom 15. - 17. Oktober 1998 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) stattfand. Die beiden Herausgeber, Gabriele Abels und Daniel Barben, hatten auch diese Veranstaltung organisiert.

Die Vielfalt sozial- und politikwissenschaftlichen Forschungsinteresses an den sozio-historischen Konfigurationen der Biotechnologie spiegelt sich in sieben Themenkomplexen und den Beiträgen von 19 Autorinnen und Autoren wider.

Im ersten Teil "Globalisierung, Demokratie, Biotechnologie: Begriffs- und Problembestimmungen" diskutiert Wolf-Dieter Narr das durch die Dynamik der Entwicklungsprozesse geprägte Verhältnis von Globalisierung, Technik und Demokratie und formuliert einige zentrale Prinzipien für politische Optionen. Der Beitrag von Daniel Barben ("Einleitung") bemüht sich um Klärungen und Abgrenzungen der Leitbegriffe und versucht, die Beiträge diesen zentralen Begriffen zuzuordnen.

Im zweiten Teil "Forschungsorganisationen und Technologieleitbilder" wird den Anstößen nachgegangen, die die Biowissenschaften vor allem durch Molekularbiologie und Gentechnologie, insbesondere im Rahmen internationaler Großforschungsprojekte, erfahren haben. Als ein besonders instruktives Beispiel untersucht Gabriele Abels in ihrem Beitrag die bisherige Entwicklung des Humangenomprojekts. Hinzu kommt der Beitrag "Konkurrierende Koalitionen und Leitbilder in Pflanzenzüchtung und Medizin" von Rainer Hohlfeld, der in einem subtilen Mix aus wissenschaftssoziologischen und politikwissenschaftlichen Konzepten einen interessanten Zugang zu Entwicklungsprozessen im Wissenschaftssystem und in der öffentlichen Debatte eröffnet.

"Globale Konfigurationen von Handel, Umwelt und Entwicklung" ist Thema des dritten Teils. Darin untersucht René von Schomberg die negativen Wirkungen der ökonomischen Globalisierung für die wenig entwickelten Länder. Volker Heins thematisiert die Konflikte um die Geltung sogenannter geistiger Eigentumsrechte, die er als Reflex der "soziale(n) Gestalt globaler Modernisierung" (S. 25) versteht. Das Kapitel wird durch einen Beitrag von Gudrun Henne abgerundet ("Bioprospektierung: Auf dem Weg zu einem neuen Nord-Süd-Verhältnis?").

Im vierten Teil des Buches werden "Nationale und regionale Innovationsansätze" behandelt. Ulrich Dolata beispielsweise diskutiert die ökonomischen, politologischen und soziologischen Theorien zu Netzwerken als zentrale Organisationsformen von Innovationsprozessen. Weitere Themen sind "Nationale Innovationssysteme im Gentechnikkonflikt: Ein Vergleich zwischen Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden" (Maria Behrens), "How Science Comes to Life: Ein deutsch-amerikanischer Vergleich von Unternehmensgründungen in der Biotechnologie" (Oliver Pfirrmann, Maryann P. Feldman), "Functional versus Sectoral Industrial Policy: A Comparative Study of Biotechnology Development in Hong Kong and Singapore" (Lai si Tsui-Auch) und "Biotechnology: The Post-Fordist Challenge to Latin America" (Ana Karina Galve-Peritore, N. Patrick Peritore).

Im fünften Teil "Nationale und supranationale Regulierung" untersucht u. a. Franz Seifert das Verhältnis zwischen nationalstaatlicher und supranationaler Regulierung der EU. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Rolle politischer Öffentlichkeit im Prozess der europäischen Integration. Hinzu kommt der Beitrag "Partizipationsansprüche in Technikkontroversen: Die Regulierung der ‚grünen' Gentechnik in Deutschland, Österreich und der Schweiz" von Maria-Luise Schneider.

Im sechsten Teil "Modelle der Partizipation und Technikfolgenabschätzung" werden Ansätze der Partizipation, wie sie bei der rechtlichen Genehmigung und der gesellschaftlichen Einführung biotechnologischer Anwendungen zur Geltung kommen, thematisiert. Frank Fischer beschäftigt sich mit dem Modell der Konsenskonferenz und seiner Praxis in Dänemark und Großbritannien. Einen weiteren Beitrag liefert Alfons Bora ("Verhandeln und Streiten im Erörterungstermin: Zur Bürgerbeteiligung in gentechnikrechtlichen Genehmigungsverfahren"). Seine theoretischen Erörterungen und die Diskussion praktischer Erfahrungen münden in Vorschlägen für ein neu strukturiertes Modell von Regelung und Beteiligung.

Im letzten Teil "Möglichkeiten und Grenzen des Diskurses und der Bioethik" werden Überlegungen zum Stellenwert der Ethik als "Bewertungsmedium" biotechnologischer Entwicklungen präsentiert. Andreas Brenner untersucht Fragen einer "neuen Qualität" ethischer Probleme der Biowissenschaft und der Biomedizin - unter Rückgriff vor allem auf die Embryonenforschung - sowie die Verschränkungen des ethischen mit dem rechtlichen Diskurs. Das Kapitel wird abgerundet durch Beiträge von Hans-Martin Schönherr-Mann ("Biotechnologie und Menschenwesen: Zum Wandel der Ethik im technologischen Zeitalter") und von Kathrin Braun ("Grenzen des Diskurses: Biomedizin, Bioethik und demokratischer Diskurs").

Insgesamt ist es mit diesem Sammelband doch recht gut gelungen, den "diffusen Zusammenhang" (S. 14) von Biotechnologie, Globalisierung und Demokratie (besser wäre vielleicht gewesen: Politik) - zumindest in Ansätzen und soweit dies mittels eines Readers (der erfahrungsgemäß immer unsystematisch bleibt) überhaupt möglich ist - aus verschiedenen Perspektiven und mit meistenteils anregenden Beiträgen für den wissenschaftlichen Diskurs abzuarbeiten. Eine vom Herausgeber vermutete praktische Relevanz wäre ihnen zu wünschen.

Kontakt

Dr. Thomas Petermann
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)
Neue Schönhauser Straße 10, 10178 Berlin
Tel.: +49 30 28491-0
E-Mail: buero∂tab-beim-bundestag de