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A. Grunwald zum Tode Vitaly Gorokhovs (1947–2016)

A. Grunwald zum Tode Vitaly Gorokhovs (1947–2016)
Autor:

A. Grunwald

Link:
Quelle:

Nr. 3, 25. Jahrgang, S. 73-74

Datum: Dezember 2016

Nachruf

Vitaly Gorokhov – Ein Brückenbauer

(* 24.5.1947 † 10.9.2016)

von Armin Grunwald, Karlsruhe

Im September 2016 ist Prof. Dr. Vitaly Gorokhov nach schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren verstorben. Er war über lange Zeit eng mit dem ITAS verbunden: zunächst als Leiter des deutsch-russischen Kollegs an der damaligen Universität Karlsruhe, dann als Gastwissenschaftler und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter bis zu seinem Ruhestand. Vitaly Gorokhov ist vor allem als Architekt der deutsch-russischen Kooperation in der Technikfolgenabschätzung und verwandten Bereichen hervorgetreten, die das ITAS nun bereits seit etwa 15 Jahren unterhält. Als Professor an der Philosophischen Fakultät der renommierten Lomonossow-Universität in Moskau und als leitender Wissenschaftler im Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften war er der geborene Brückenbauer zwischen den doch recht unterschiedlichen Welten – und er hat diese Rolle meisterhaft ausgefüllt. So hat er ein internationales Zentrum für Technikphilosophie und Technikfolgenabschätzung an der Russischen Akademie der Wissenschaften gegründet. Vitaly Gorokhov hat die TA auch über Moskau hinaus in Russland bekannt gemacht, etwa in Yoshkar-Ola, in Dubna und in Tomsk. Er hat stets unermüdlich und erfinderisch Schneisen für erfolgreiche Kooperationen zwischen dem ITAS und russischen Wissenschaftseinrichtungen geschlagen.

Die wissenschaftliche Arbeit von Vitaly Gorokhov in der Forschung fokussiert vor allem auf zwei Schwerpunkte:

  • einen stärker historisch orientierten, in dem er sich mit der Herausbildung der Technikphilosophie und der entsprechenden Techniktheorien in Deutschland und Russland beschäftigt, aber auch z.B. mit viel beachteten Arbeiten zu Galileo Galilei, und
  • einen theoriezentrierten, bei der in der Verschränkung von Wissenschaft und Technik ein neuer Typ wissenschaftlicher Forschung entsteht – die Technoscience –, die sowohl neue epistemologische als auch ethische Fragen und damit verbundene Herausforderungen an TA mit sich bringt.

Mit dem für ihn charakteristischen Ansatz, technikhistorische Analysen systematisch mit Strukturanalysen der Logik von technischer Praxis und Techniktheorie zu verbinden, war Vitaly Gorokhov sowohl in Russland als auch in Deutschland und international einer der profiliertesten Köpfe der Wissenschafts- und Technikforschung. Die Konstruktivität wissenschaftlicher und technischer Erkenntnis wurde von ihm als ein grundlegendes methodologisches Konzept wissenschaftlichen und technischen Handelns betont. Vitaly Gorokhov hat besonders die konstruktive Einführung hypothetischer abstrakter Objekte analysiert, die für die Theoriebildung eine entscheidende Rolle spielen.

In Analogie zur Quantenmechanik, bei der das experimentierende Subjekt konstitutiv ist, zeigte Vitaly Gorokhov, dass auch soziale Werte und historische Entwicklungen zu einer Verschränkung von Subjekt, Objekt und den Mitteln der Erkenntnis führen. Durch Analyse des Gebrauchs von Metaphern, Analogien, Bildern und Schemata hat Vitaly Gorokhov das Modell von Thomas S. Kuhn in Richtung auf „paradigmatische Transformationen“ in der Analyse der Übergänge vom theoretischen zum technischen Handeln erweitert. Theoretische Überlegungen zu einer derartigen „post-klassischen“ Wissenschaft wurden durch wissenschafts- und technikhistorische Fallstudien unterstützt. Auf diese Weise hat er mit zu der gegenwärtig weithin geteilten Erkenntnis beigetragen, dass Wissen immer in einer Art der Verschränkung von sozialer Praxis, experimentellen Methoden und theoretischen Gesichtspunkten, aber auch unter dem Einfluss von Wertgesichtspunkten gewonnen wird. Diese Diagnose hat offenkundig Konsequenzen auch für die TA. Entsprechend hat Vitaly Gorokhov immer wieder darauf hingewiesen, dass TA auf diese Weise als angewandte Technikphilosophie betrachtet werden kann. Damit hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass heute die Philosophie als eine für TA wesentliche Wissenschaft angesehen wird. Die Geistes- und Sozialwissenschaftliche Fakultät des KIT hat ihm aufgrund seiner wissenschaftlichen Verdienste im Jahre 2015 die Ehrendoktorwürde verliehen.

In Netzwerken, Konferenzen, Workshops und durch Publikationen hat Vitaly Gorokhov unermüdlich zur Überwindung traditioneller Grenzen beigetragen – nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen den Disziplinen. Als hervorragender Technikphilosoph hat er nicht den Elfenbeinturm gesucht, sondern den Kontakt mit Natur- und Technikwissenschaft wie auch mit Geistes- und Sozialwissenschaften gepflegt, wissend, dass relevante Einsichten in den komplexen Fragen der Technikfolgenabschätzung nicht in einer Disziplin allein gefunden werden können.

Im ITAS, insbesondere im Forschungsbereich Wissensgesellschaft und Wissenspolitik, war Vitaly Gorokhov ein sehr geschätzter Kollege, ob nun als origineller Denker und Forscher, als wandelndes Lexikon von Wissenschaftstheorie und -geschichte, als immer hilfsbereiter Kollege, als konstruktiv-kritischer Gegenleser von Texten oder als Initiator von Workshops und Konferenzen. Wer ihn persönlich kannte, spürt, dass wir einen begeisterten Wissenschaftler und neugierigen, am Gegenüber stets interessierten Freund verloren haben. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren!

 

Ausgewählte Publikationen von Vitaly Gorokhov

Gorokhov, V., 2015: Science, Technology, and Ethics: Russian Perspectives. In: Holbrook, J.B.; Mitcham, C. (Hg.): Ethics, Science, Technology, and Engineering: A Global Resource. Farmington Hills, S. 34–39

Decker, M.; Gorokhov, V., 2013: Technological Risks of the Implementation of Autonomous Intelligent Robots. In: Dubrovski, D.I. (Hg.): Global Future 2045. Converging Technologies and Transhumanistic Evolution. Moskau, S. 82–93

Gorokhov, V., 2011: Scientific and Technological Progress by Galileo. In: Busche, H. (Hg.): Departure for Modern Europe. A Handbook of Early Modern Philosophy (1400–1700). Hamburg, S. 135–148

Scherz, C.; Gorokhov, V., 2011: Der (Nicht-)Umgang mit Technikfolgen in Russland. Vertuschung der Katastrophe von Majak und internationale Umweltüberwachung in Murmansk. In: Maring, M. (Hg.): Fallstudien zur Ethik in Wissenschaft, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Karlsruhe, S. 167–175

Bechmann, G.; Gorokhov. V.; Stehr, N. (Hg.), 2009: The Social Integration of Science. Institutional and Epistemological Aspects of the Transformation of Knowledge in Modern Society. Berlin

Der openTA-Publikationsdienst weist insgesamt 222 Publikationen von Vitaly Gorokhov nach; http://www.openta.net/publikationen?q=gorokhov.