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Wieviel Umwelt braucht der Mensch?: MIPS - Das Maß für ökologisches Wirtschaften - Rezension -

Wieviel Umwelt braucht der Mensch?: MIPS - Das Maß für ökologisches Wirtschaften - Rezension -
Autor: U. Jeske, J. Kopfmüller, D. Wintzer
Quelle: Nr. 1/2, 4. Jahrgang
Datum: Mai 1995
Schwerpunktthema:Stoffströme und nachhaltige Entwicklung

Wieviel Umwelt braucht der Mensch?: MIPS - Das Maß für ökologisches Wirtschaften - Rezension -

Das Buch von Friedrich Schmidt-Bleek ist ein engagiertes Plädoyer für einen weltweiten ökologischen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit fundierten und überzeugenden Argumenten wird ein großer Bogen geschlagen von der Problematisierung der "klassischen" schadstofforientierten Umweltpolitik bis hin zur Instrumentierung der neuen ökologischen Wirtschaftspolitik. Ausgerichtet ist dies auf den Menschen, "seine überlebensmöglichkeiten auf diesem Planeten und darüber hinaus sein langfristiges Wohlergehen, seine Entfaltungsmöglichkeiten, seine langfristigen wirtschaftlichen Interessen", wozu die "Bewahrung des ökologischen Erbes der Menschheit" erforderlich ist.

Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen stoff-, umwelt- und technikpolitischen Diskussion insbesondere darüber, wie die ökologischen Folgen unseres Wirtschaftens (mit Blick auf die beiden Kriterien Ressourcenverbrauch und Schadwirkungen) zum einen adäquat abgeschätzt und wie sie zum anderen über den Weg eines ökologischen Strukturwandels der Gesellschaften minimiert werden könnten. Global wird eine 50%ige Reduzierung der Stoffentnahmerate aus der Umwelt für notwendig erachtet. Für die Industrieländer wird daraus eine Reduzierung um 90% abgeleitet.

Ein wesentlicher Teil der Argumentation des Buches ist darauf abgestellt, der Frage nachzugehen, wie es gelingen könnte, die Reduzierung des Stoffverbrauchs politisch konsensfähig zu machen, ökonomisch zu instrumentieren und richtungssicheres Handeln zu ermöglichen.

Ausgangsthesen des Autors

Einige Grundüberlegungen bzw. -thesen des Autors, die für die im Laufe des Buches aufgebaute Argumentation entscheidende Bedeutung haben, sollen hier wiedergegeben werden, um unsere Rezeption des Buches zu verdeutlichen und die spätere Diskussion zu erleichtern.

_ Die durch Menschen verursachten Stoffströme (d.h. Primärmaterialien, Zwischen- und Endprodukte sowie Abfälle / Emissonen) nehmen im globalen Maßstab nach wie vor exponentiell zu.

_ Jede Stoff- bzw. Materiebewegung hat Auswirkungen auf ökologische Zusammenhänge, die angesichts der Vielzahl von Stoffen und Wirkmöglichkeiten nie vollständig quantifizierbar und qualifizierbar sein werden. Eine zuverlässige Vorhersage aller relevanten Schädigungen wird deshalb vom Autor nicht für möglich gehalten. Die Wahrscheinlichkeit für neue bedeutende Schäden steigt mit der aus der Umwelt entnommenen und wieder zurückgegebenen Stoffmenge an. Die anthropogenen Stoffströme sind dabei deswegen so problematisch, weil durch sie in die natürlichen Systeme in vergleichsweise kurzer Zeit und in der Regel großräumig bisher nicht vorhandene Stoffe in unterschiedlichen Mengen bzw. zu schon vorhandenen natürlichen Stoffströmen zusätzliche Mengen eingebracht werden.

_ Die Ergebnisse der Umweltpolitik der vergangenen Jahre werden _ nicht zuletzt aus der persönlichen beruflichen Erfahrung des Autors heraus _ kritisch bewertet. Das bisher praktizierte Ansetzen von Maßnahmen an der Output-Seite (d.h. den Abfall- oder Emissionsstoffen) im "end-of-the-pipe"-Stil hat zu unbestrittenen Erfolgen geführt, die aber teilweise durch erhöhten Verbrauch (über-)kompensiert wurden. Insgesamt konnte nicht verhindert werden, daß ökologische Probleme in einer Weise zeitlich, medial und regional verschoben werden, die das ökosystem global gefährdet.

_ Nach den heutigen Erkenntnissen sind die Verarbeitungskapazitäten der verschiedenen ökologischen Systeme in bezug auf den Eintrag von (Schad- und Abfall-) Stoffen in immer mehr Fällen schon erreicht oder gar überschritten bzw. werden dies bald sein. "Buisiness as usual" führt (möglicherweise schon in Jahrzehnten) zum ökologischen Kollaps und gefährdet das überleben der Menschheit.

_ Ein Perspektivenwechsel in Richtung Input der Stoffe in die Technosphäre und auf ihren Lebenszyklus ist erforderlich, damit nach neuen Wegen zu einer deutlichen Reduktion der für Produkte oder Dienstleistungen eingesetzten Stoffmengen gesucht werden kann. Neben der Steigerung der Ressourceneffizienz herkömmlicher Produkte geht es dabei hauptsächlich um die Verbesserung der Ressourcenproduktivität durch neue "dematerialisierte" Produkte und Verfahren, um dadurch die Umweltbelastung zu reduzieren.

Folgt man der Argumentation des Autors bis hierhin, so ist für die Umsetzung übersicht über die nationalen und globalen Stoffströme zu gewinnen, die sowohl für Stofftransparenz als auch für gezielte Stoffpolitik erforderlich ist. Um diese übersicht zu schaffen und nicht in der Datenfülle unterzugehen, fordert der Autor Indikatoren für den stofflichen Input in die Technosphäre, mit denen die Umweltbelastung durch den Stoffverbrauch grob abgeschätzt werden kann. Friedrich Schmidt-Bleek schlägt zwei Indikatoren vor: MIPS für den Stoffverbrauch und FIPS für die Flächeninanspruchnahme. Der Gewichtung des Buches folgend beschränken wir uns auf die Darstellung und Kommentierung von MIPS.

Was ist MIPS?

_ Bezugspunkt der überlegungen ist die "Dienstleistungseinheit", mit der ein menschliches Bedürfnis durch Schaffung und Inanspruchnahme von materiellen Gütern direkt befriedigt wird (z.B. gefahrener Personenkilometer, warme Raumeinheit, gekühlte Nahrungsmenge).

_ Es werden alle aus der Umwelt entnommenen Stoffmengen (Primärstoffe) aufaddiert, die verwendet werden, um Rohstoffe, Werkstoffe, Produkte, Maschinen, Gebäude, Straßen etc. zu erzeugen, zu nutzen und um die Stoffe wieder in der Umwelt zu "deponieren", aus denen die Dienstleistung zusammengesetzt ist. Erfaßt werden also die Material-Inputs (MI) der Dienstleistung entlang des Lebensweges der beteiligten Güter ("von der Wiege bis zur Bahre"). Der Stoff- und der Materialbegriff werden synonym gebraucht.

_ In den Primärstoffen sind auch die Stoffe enthalten, aus denen die Energie erzeugt wird, mit deren Hilfe alle die Güter hergestellt, genutzt, beseitigt und transportiert werden, die der Dienstleistung zuzurechnen sind. Hauptsächlich sind dies die Energieträger und die bei ihrer Gewinnung bewegten Stoffe, aber auch die anteiligen Mengen der Kraftwerke, Transportmittel, Reaktionsstoffe zur Rauchgasreinigung etc. Stoffe und Energie werden in gleichen Gewichtseinheiten verrechnet.

_ Bei der Berechnung von MIPS werden die verschiedenen Stoffe nicht auf ihre human- oder ökotoxikologischen Wirkungen hin unterschieden bzw. danach gewichtet. Dies wird nachfolgenden Analysen überlassen, falls diese notwendig sind. Alle Primärstoffmengen gelangen, meist in umgewandelter Form und anders vermischt, im weitesten Sinn als Abfälle wieder in die Umwelt zurück. Outputs werden für MIPS nicht betrachtet.

_ Die kumulierte Primärstoffmenge in Gewichtseinheiten pro Dienstleistungseinheit (Serviceeinheit) wird vom Autor MIPS genannt: Material-Input pro Serviceeinheit.

Im Buch wechseln sich zwei Argumentationsstränge miteinander ab, die die Reduzierung des Materialinputs einer Dienstleistungseinheit oder umgekehrt die Steigerung der Ressourcenproduktivität und die Umweltbelastung behandeln. Es ergeben sich in mancherlei Hinsicht Ansatzpunkte für Skepsis und kontroverse Reaktionen.

Ansprüche an und Leistungsfähigkeit von MIPS

Der Autor hat die Latte für die Leistungsfähigkeit dieses Indikators sehr hoch gehängt. Es ist jedoch genau hinzusehen, was tatsächlich gefordert und was definiert wird, um daran die Leistungsfähigkeit des Indikators zu messen:

_ "Die Menschheit braucht einen Basisindikator, der auch komplexe Zusammenhänge in aggregierter Form zum Ausdruck bringt, . . . mit dem sie Umweltbelastung einfach messen kann, trotz der hohen Komplexität der Ursachen" (S. 101).

_ "Ohne ein wissenschaftlich vertretbares Grobmaß, das sich einfach, billig und schnell anlegen läßt, das Kriterien berücksichtigt, die ohne Ausnahmen für alle Prozesse, Güter und Dienstleistungen relevant sind, das unkompliziert und widerspruchsfrei die ermittelten Daten verrechnen läßt, und das dennoch zuverlässig in die richtige Richtung weist, wird die erforderliche übersicht über nationale und globale Stoffströme wohl nicht zustandekommen" (S.85).

"Es wird ein Indikator gebraucht",

_ "...mit dessen Hilfe in allen Fällen das Ausmaß der Umweltbelastung von Maßnahmen und Wirtschaftsleistungen zumindest grob abgeschätzt werden kann und richtungssichere Verbesserungen möglich werden" (S.69),

_ "... an dem sich Wirtschaft und Politik auch dann orientieren können, wenn nur unvollständige oder noch gar keine Kenntnisse vorliegen" (S.62).

Zur Funktion eines Indikators

Richtungssicherheit und Einfachheit eines Indikators waren für den Autor offenkundig die entscheidenden Beweggründe zur Konzipierung von MIPS. Insbesondere mit dem Wunsch nach Einfachheit betritt Friedrich Schmidt-Bleek nun keineswegs Neuland, steht er doch damit vielmehr in der Tradition all jener, die vor einigen Jahrzehnten mit dem Bruttosozialprodukt einen Indikator schufen, der international harmonisier- und vergleichbar sein und mit dem die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes einfach abbildbar sein sollte. Es besteht nun mittlerweile weitgehender Konsens darüber, daß das Bruttosozialprodukt die ökonomische Indikatorfunktion nur unvollständig erfüllen kann, daß es den "Wohlstand" einer Gesellschaft und dessen Entwicklung nur sehr einseitig definiert und mit Blick auf die ökologischen Aspekte wirtschaftlicher Aktivitäten sogar in die falsche Richtung zeigt. In gleichem Maße, wie dies als richtig erkannt ist, zeigt sich jedoch auch, wie schwer es ist, einen vor allem aufgrund seiner Einfachheit konsensual verwendeten und institutionell verankerten Indikator abzuschaffen bzw. zumindest zu korrigieren. Es scheint uns deswegen an dieser Stelle dringend geboten, auf die Notwendigkeit einer intensiven Diskussion darüber hinzuweisen, welcher Stellenwert den Funktionen "möglichst korrekte bzw. adäquate Informationsübermittlung" und "Konsensfähigkeit" im Zusammenhang mit einer politisch und gesellschaftlich so wichtig erachteten Maßzahl beigemessen werden soll und welches Spannungsverhältnis zwischen den beiden Funktionen zulässig ist.

MIPS als integraler Indikator

Zur Reduzierung des Materialinputs einer Dienstleistungseinheit müssen die Stoffmengen erhoben und die Umwandlungsschritte entlang des Lebensweges der Stoffe untersucht werden. Nach einer Analyse in Hinblick auf Stoffeinsparmöglichkeiten durch Verfahrensänderungen (im weitesten Sinn) kann eine Effizienzsteigerung beim Stoffeinsatz folgen. Sind von den Reduzierungen eines Stoffanteils die anderen nicht tangiert, braucht man keine weiteren Analysen.

Wenn man will, kann man die Stoffanteile zu MIPS aufsummieren. Egal, welches Verfahren zur Ermittlung der Primärstoffmenge angewendet wird, mit der Summenbildung über die unterschiedlichen Stoffe hinweg verschwindet die Information über die einzelstofflichen Anteile der Menge, und nur für die Endsumme ist MIPS der Indikator.

In bestimmten Fällen kann die Einsparung bei einem Stoffanteil mit der Erhöhung eines anderen verbunden sein. In diesem Fall würde man zunächst nach der ökologischen Relevanz der änderung fragen und weniger nach MIPS. Erst wenn kein eindeutiges Ergebnis erzielt wird, könnte durch MIPS der Ausschlag gegeben werden. MIPS wäre dann ein nachrangiger Indikator.

Ginge es "nur" um integrale Reduzierungen, dann wäre stets diejenige Dienstleistungseinheit die günstigste, für die die kleinste kumulierte Stoffmenge eingesetzt werden muß. Dafür ist MIPS dann das Maß. Der im Buch angegebene Vergleich des kumulierten Materialaufwands von 10 mobilen Kühlschränken mit einem im Haus fest eingebauten während einer hundertjährigen Nutzungsdauer ist dafür eine Illustration.

Zur Richtungssicherheit

Unter der Voraussetzung, daß integrale Reduzierungen bzw. die integrale Steigerung der Ressourcenproduktivität das Oberziel sind, ist MIPS richtungssicher, aber in bezug auf ökologische Wirkungen zunächst inhaltsleer.

Legt man vorhandenes Wissen über umweltrelevante bzw. umweltschädigende Stoffwirkungen zugrunde, verliert MIPS Aussagekraft und Richtungssicherheit. Wir geben nur ein Beispiel von vielen weiteren möglichen, das dies illustrieren soll:

_ MIPS wird eine klare Präferenz für ein ölbefeuertes Blockheizkraftwerk (BHKW) ausweisen, welches stündlich eine Tonne Heizöl verbraucht, wenn der Vergleich zu einem mit Schwachholz befeuerten BHKW gezogen wird, welches stündlich vier Tonnen Holz verbraucht, und außerdem eine deutlich größere Feuerungsanlage braucht als im Fall der Heizöl-Anlage. In Hinblick auf das CO2-Problem ergibt sich klar eine andere Präferenz. MIPS hat es außerdem schwer - um beim Beispiel zu bleiben - zwischen Holz aus einer nachhaltigen Forstwirtschaft und Raubbauholz zu unterscheiden.

Auch der Autor sieht das Problem und weist im Buch in anderem Zusammenhang und am Rande darauf hin, zieht sich jedoch mit dem Argument "Sonderfall Landwirtschaft" aus der Affäre (S. 254 ff).

Zur Umweltbelastung

Friedrich Schmidt-Bleek will, daß verbesserte integrale Ressourcenproduktivität zum allgemeinen Umweltpolitikziel wird, wodurch gleichzeitig eine Verminderung von Schäden aus Umweltbelastungen erreicht werden soll. Das folgt auch ganz der Logik seiner Eingangsthesen, nach der jedwede Stoffbewegung ökologische Wirkungen hat und insofern auch die Gesamtmenge der Stoffe, die durch MIPS bemessen wird. Die dem speziellen MIPS zugrundeliegende Stoffzusammensetzung enthält zwar ein Schädigungspotential, die Definition von MIPS schließt hingegen die Möglichkeit von Aussagen über jedwede spezifische Wirkung dieser Menge nach Qualität und Quantität aus.

Kann MIPS dann trotzdem ein Grobmaß für Umweltbelastungen sein, an dem man sich richtungssicher orientieren kann? Streng genommen nur in dem Maße, wie man überhaupt nichts über ökologische Wirkungen von Stoffen weiß. Dann ist es immer besser, weniger Stoffe einzusetzen als mehr.

"Wenn Stoffströme systematisch verringert werden, dann zieht das automatisch geringere Abfallmengen, weniger Energieverbrauch, weniger Transport und auch geringeren Flächenverbrauch nach sich. Das bedeutet, daß es einen Zusammenhang zwischen der Bewahrung der ökologischen Stabilität und der Abnahme des Materialaufwandes für menschliche Tätigkeiten gibt" (S. 122).

Diese plausible Aussage wird als ausreichend angesehen, um MIPS die Eignung als Grobmaß für Umweltbelastungen zuzuschreiben. Das ist bei weitem überzogen und reicht für die Praxis nicht aus. Will man stofflich unterschiedlich zusammengesetzte Mengen in Hinblick auf ihre Umweltbelastung vergleichen und bewerten, so kommt man ohne eine Unterscheidung nach Einzelstoffen und ihre ökologische Bewertung unter Zugrundelegung des jeweiligen Erkenntnisstandes zu Schadwirkungen nicht aus. Das weiß auch der Autor. Er bemerkt:

"Der Ansatz soll das Inrechnungstellen der ökotoxikologischen Gefährlichkeit von Stoffen in der Umweltpolitik auch nicht ersetzen, sondern durch die Berücksichtigung von Material- und Energieintensitäten von Wirtschaftsleistungen ergänzen" (S. 120).

Zur Einfachheit

Neben der Richtungssicherheit wird vom Autor auch die Einfachheit des Indikators in den Vordergrund gestellt. Die grundsätzliche Einfachheit der Maßeinheit MIPS ist faszinierend, andererseits auch begrenzend für die Aussagekraft. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Einfachheit ist in der Verständlichkeit und Anschaulichkeit auch für Laien und der daraus erwachsenden Kommunikationsvorteile zu sehen.

Dieser Vorteil schmilzt jedoch dann rasch zusammen, wenn der Indikator zur Stärkung seiner Leistungsfähigkeit in eine Richtung weiterentwickelt wird, wie auf Seite 121 genannt:

"Nun ist aber MIPS nicht unbedingt gleich MIPS! Zur Zeit ist z. B. die Frage noch nicht beantwortet, ob möglicherweise zwischen Strömen unterschiedlicher Massen differenziert (gewichtet) werden muß. So scheint es z. B. auf den ersten Blick sinnvoll, Wasser-, Boden-, Luft- sowie technische Materialinputs jeweils getrennt zu berücksichtigen. Darüber hinaus muß auch noch geklärt werden, welche Art Wasser wie verrechnet wird".

Das würde dann doch auf unterschiedliche öko-Gefährdungspunkte für unterschiedliche Arten von Stoffen hinauslaufen, vor deren Problematik das Buch an vielen anderen Stellen warnt.

Auch die Behauptung der Neuartigkeit der im Buch ausgedrückten Denkweise ist überzogen, wenn es auf Seite 60 heißt: "Dies ist ein völlig anderer Ansatz, als ihn eine schadstofforientierte Umweltpolitik verfolgt ....". Sicher ist der Ansatz völlig anders, als eine nur auf die individuelle Gesundheit des Menschen ausgerichtete Gesundheitspolitik. Aber auch die bisherige schadstofforientierte ökopolitik, von der im Buch ebenfalls abgehoben wird, geht darüber hinaus und ist u. a. auf ökologische Schadensbereiche wie Treibhauseffekt, stratosphärischer Ozonabbau, Veränderung von Gewässern, neuartige Waldschäden, Grundwasserverunreinigung, Eutrophierung von Gewässern, Anreicherung von Umweltgiften in Böden, Degradation nicht erneuerbarer natürlicher Rohstoffe und Raubbau bei erneuerbaren Rohstoffen ausgerichtet. Dabei wurde und wird, durchaus nicht nur in Sonderfällen, "über den einzelnen Menschen, über die gegenwärtig lebende Generation, über Ländergrenzen hinaus" gedacht und gehandelt.

Fazit

Der im Buch mehrfach wiederholte Anspruch, mit MIPS einen Indikator zu entwickeln, der zumindest im Sinne einer Grobanalyse ökopolitisch richtungssichere Aussagen erlaubt, läßt sich nach unserer Meinung in der Praxis nicht erfüllen. MIPS kann jedoch eine gute inputseitige Ergänzung zu den bisherigen ökotoxisch oder an Umweltmedien orientierten Indikatoren, z. B. bei ökobilanzen sein. Der Ansatz erweitert die bisherige schadstofforientierte ökopolitik um eine allgemeine stoffpolitische Komponente in Hinblick auf integrale Reduzierungen der in die Technosphäre eingebrachten großen Stoffmengen.

Schlußbemerkung

Man kann Formulierungen wie den folgenden eigentlich nur zustimmen: "Um diese Ziele erreichen zu können, muß ökopolitik aber den Blick über den einzelnen Menschen, über die gegenwärtig lebende Generation und über Ländergrenzen hinaus erheben und sich mit der langfristigen Stabilität des Trägersystems befassen, das menschliches Leben überhaupt möglich macht: der ökosphäre des Planeten Erde" (S. 60).

Auch angesichts der möglichen Skepsis gegenüber MIPS sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Der Gesamtansatz des Buches, das präsentierte Material und die Argumente umfassen weit mehr als nur MIPS.

Die mit vielen Beispielen illustrierten Kritiken am industriellen Umgang mit der Natur gehören zu den besonderen Stärken des Buches, das in einer verständlichen und sehr bildreichen Sprache verfaßt ist. Es enthält außerdem instruktive Graphiken zur Untermauerung der Argumente, welche den Text informativ ergänzen.

Der Autor stellt MIPS zur Diskussion, ist offen für Verbesserungen und wünscht sich mehr Forschergruppen, die sich des Themas annehmen und zusammenarbeiten.

Bibliographische Angaben:

Friedrich Schmidt-Bleek: Wieviel Umwelt braucht der Mensch?: MIPS - das Maß für ökologisches Wirtschaften. Basel: Birkhauser Verlag 1994. ISBN 3-7643-2959-9.