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Co-Produktion von Wissen in der Stadt. Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ an der Universität Heidelberg

Co-Produktion von Wissen in der Stadt. Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ an der Universität Heidelberg
Autor:

E. Marquardt, Chr. West

Link:
Quelle:

Nr. 3, 25. Jahrgang, S. 26-31

Datum: Dezember 2016

Schwerpunkt: Reallabore als Orte der Nachhaltigkeitsforschung und Transformation

Co-Produktion von Wissen in der Stadt

Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ an der Universität Heidelberg

von Editha Marquardt und Christina West, Universität Heidelberg

Die Wissensgesellschaft bringt neue Herausforderungen und Möglichkeiten für Städte mit sich und verändert Stadtentwicklungsprozesse. Für eine umfassende wissenschaftliche Begleitung dieses Wandels werden neue Formate inter- und transdisziplinärer Forschungsarbeit notwendig, die es ermöglichen, relevante Akteure der Stadtentwicklung einzubinden sowie gleichzeitig nachhaltige Prozesse urbaner Transformation ergebnisoffen in Gang zu setzen. Das Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ erweitert deshalb etablierte, an Beobachtung orientierte Positionen der Forschung. Dies geschieht mit Hilfe von vier konkreten städtebaulichen Vorhaben (Praxisprojekte), anhand derer ForscherInnen verschiedener Disziplinen co-produktiv mit Praxisakteuren Forschungs-, Governance- und Planungsprozesse auf Augenhöhe anstoßen. Von zentraler Bedeutung für ein erfolgreiches Agieren ist die Entwicklung neuer Kommunikations- und Forschungsformate, die die Stadtverwaltung, die Internationale Bauausstellung Heidelberg (IBA), BürgerInnen sowie weitere PraxispartnerInnen in den Prozess des Co-Design integrieren und das „Urban Office“ zum Ort von Reflexion und „Co-Produktion von Wissen“ und somit selbst zum Teil des „Experiments“ werden lassen.

The Knowledge Society reveals new challenges and opportunities and alters urban development processes. In order to investigate these transitions comprehensively, new formats of inter- and transdisciplinary research are required which allow involving relevant actors of urban development and at the same time to initiate, without prejudging the outcome, sustainable processes of urban transformation. The RealLab “Urban Office – Sustainable Urban Development in the Knowledge Society” therefore extends established observation-oriented research positions. This is done for four specific urban development projects (practice projects), based on which researchers from different disciplines together and on an equal footing with practice actors initiate the co-design of research, governance and planning processes. Of central importance in this context is the development of new communication and research formats which integrate the city administration, the International Building Exhibition Heidelberg (IBA), citizens as well as further practice partners within the co-design process, and turn the Urban Office into a place of reflection, co-production, and, thus, into a part of the “experiment” itself.

1     Stadt und Wissen

Schon immer sind Städte Orte der Wissensaneignung, -produktion und -distribution (Knight 1995; Burke 2001). Zentralität und Macht sind hierfür ebenso entscheidende Aspekte wie die räumliche Nähe in und die Dichte einer Stadt. Das Aufeinandertreffen verschiedener Akteure fördert die Entstehung neuer Ideen. Städte bieten aber auch das Umfeld zur Weitergabe und Umsetzung von Innovationen und können zu entscheidenden wirtschaftlichen Motoren der Regionen bzw. „Inkubatoren“ für weitere Entwicklungen werden (Gabe et al. 2012; van Winden et al. 2007).

Mit der Bedeutungssteigerung von Wissen verändert sich die Rolle von Städten. Nach dem Bedeutungsverlust vieler Kernstädte durch Deindustrialisierung und Dekaden der Suburbanisierung wecken neue Wissensökonomien Hoffnungen auf eine „Renaissance der Städte“ (Läpple 2004; West et al. 2008) und eine Wiederaufwertung von Innenstädten (Gerhard 2012). Diese wissensbasierte Raumentwicklung zeigt sich in verschiedenen Bereichen des urbanen Lebens, von einer Verwissenschaftlichung des Alltags über einen Zuwachs wissensgestützter Dienstleistungen bis hin zu städtischen Profilbildungen aufgrund von Wissensinstitutionen (Matthiesen/Mahnken 2009, S. 14).

Die Ansiedlung und das Vorhandensein von Wissensakteuren werden als wichtige Strategien nicht nur im nationalen, sondern auch im globalen Wettbewerb angesehen (Sassen 2001). Insbesondere das Vorhandensein von Universitäten, weiteren Forschungs- und Bildungseinrichtungen und wissensbasierten Industrien spielt eine wichtige Rolle (Hoelscher 2012). Stadtpolitische Strategien sind z. B. die Ansiedlung von Technologieparks oder Gründerzentren und die gezielte Entwicklung von Wissenshubs, die Kooperationen, Austausch zwischen Wissensakteuren und Synergien durch räumliche Nähe fördern sollen. Aufgrund des Mangels an geeigneten innerstädtischen Flächen finden solche wissensbasierte Ansiedlungen oft am Rande der Städte statt, häufig im suburbanen Raum. Eine wissensbasierte Entwicklung städtischer Konversionsflächen hingegen bietet heute Möglichkeiten, diese dynamischen Prozesse zur Förderung innerstädtischer Entwicklungen zu nutzen.

In solchen innerstädtischen Transformationsprozessen wird eine Vielzahl weiterer Akteure sichtbar und relevant. Insbesondere BürgerInnen nehmen verstärkt Einfluss auf die Stadtentwicklung: über Initiativen, Interessensgruppierungen, formelle und informelle Netzwerke, individuelles Engagement. Wissensaustausch, -produktion und -anwendung finden hier oftmals auf einer anderen, informelleren Ebene statt. Häufig wird implizites Wissen weitergegeben, das nur durch persönliche Kontakte vermittelbar ist. Wissensorte haben auf dieser Ebene einen ganz anderen Charakter als institutionell angebundene Orte, sie müssen Räume für einen formlosen Austausch bieten, ohne Konsumzwang oder Zugangsbeschränkungen. Das hier erzeugte Wissen ist jedoch für eine Transformation unserer Städte von ebenso großer Bedeutung.

2     Co-Produktion von Wissen in der Stadt

Auch für die Stadt Heidelberg, die als Wissenschaftsstadt oder „Knowledge Pearl“ (van Winden et al. 2007) ihre Potenziale zukunftsfähig gestalten will, ist die Schaffung neuer Wissensorte eine Schlüsselstrategie der gegenwärtigen Stadtentwicklung. Diese werden insbesondere im Zuge der umfassenden Konversion von ehemaligen Bahn- und Militärflächen (180 ha, verteilt auf fünf Areale) entwickelt und verortet. Eingebunden in diesen Transformationsprozess sind nicht nur FachplanerInnen, Verwaltung, Gemeinderat und Investoren, sondern auch andere zivilgesellschaftliche und marktwirtschaftliche Akteure sowie BewohnerInnen. Um diesen Prozess erfolgreich zu gestalten, rief die Stadt eine Internationale Bauausstellung (IBA) ins Leben, die von 2012 bis 2022 unter dem Motto „Wissen schafft Stadt“ Projekte aus dem Kontext wissensbasierter Stadtentwicklung begleitet (vgl. http://www.iba.heidelberg.de).

Zur Reflexion und Analyse der Dynamik dieser hochkomplexen urbanen Transformationsprozesse wurde zwischen Universität Heidelberg, Stadt Heidelberg und IBA Heidelberg in einem offenen Prozess am Runden Tisch die Idee einer begleitenden Forschung zu Themen der IBA entwickelt, die schließlich zum Co-Design des an der Universität Heidelberg verankerten Reallabors „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ führte.

Die Arbeit im Reallabor „Urban Office“ geht jedoch über die Idee einer rein begleitenden Forschung hinaus, da inter- und transdisziplinär versucht wird, nachhaltige Prozesse der Stadtentwicklung ergebnisoffen in Gang zu setzen. Dabei geht es eher nicht darum, konkrete inhaltliche Planungsziele vorzugeben oder umzusetzen, sondern vielmehr darum, Nachhaltigkeit im Sinne von Zukunftsfähigkeit durch Prozesse des Co-Design von Forschungsfragen auf Augenhöhe und der Co-Produktion von Wissen zu implementieren. Dies wird möglich durch eine gemeinsame Reflexion, Ideengenerierung und Ideenaustausch, durch Nachdenken über Räume in der Stadt unter Beteiligung möglichst vieler Akteure der Stadtgesellschaft – ein Perspektivenwechsel, durch den sich selbst erhaltende, lernende und dadurch zukunftsfähige Systeme ergeben. Gleichzeitig werden in diesen Formaten Planungsprozesse mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Perspektiven unterstützt sowie vice versa wissenschaftliche Theorien und Methoden an den Perspektiven der Praxissysteme gespiegelt und hinterfragt.

Im Reallabor arbeiten WissenschaftlerInnen der Universität Heidelberg aus Geographie, Geoinformatik, Soziologie, Gerontologie und Diakoniewissenschaften mit dem Stadtplanungsamt Heidelberg, der weiteren Stadtverwaltung Heidelberg und der IBA Heidelberg zusammen.

Gemäß der Themensetzungen der vier Reallabor-Teilprojekte (TP) – „Transformation von Stadtteilen durch neue Wissensorte“ (TP 1), „Innovative Partizipationsstrukturen und nachhaltige Wohnkonzepte angesichts des demografischen Wandels“ (TP 2), „Die Bedeutung von Netzwerken relevanter Wissensakteure“ (TP 3), „Wissen schaffen für die Stadt – neue Methoden der Bürgerbeteiligung durch interaktive Stadtplanung im Web 2.0 am Beispiel der Energiewende“ (TP 4) (Urban Office 2016a; Urban Office 2016b) – kommen weitere Praxispartner hinzu, wie das Institut für Energie und Umwelt Heidelberg GmbH (ifeu), die Stadtwerke Heidelberg, freie Architekten, das Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, VertreterInnen des Stadtteilvereins und BürgerInnen der Bahnstadt. Je nach Entwicklung werden weitere PartnerInnen in die Forschungsprozesse des Reallabors einbezogen.

Dieses inter- und transdisziplinäre Setting des Reallabors „Urban Office“ ermöglicht und befördert nachhaltigkeitsorientierte Forschung und Lehre durch das Experimentieren mit Kommunikations- und Aushandlungsformaten, mittels derer Forschungsprozesse weiterentwickelt sowie die übergeordnete Meta-Ebene des Reallabors aufgebaut werden.

3     Wissenschaft trifft Praxis: Co-Design von Forschungsprozessen

Im Januar 2016 fand ein zweitägiger in-house_workshop statt, an dem Kernakteure aus allen Reallabor-Teilprojekten (TP), geladene Gäste aus dem Reallabor-Umfeld sowie die Studierenden der „Kleinen Forschergruppe“ (Kap. 4) teilnahmen. Ziel war es, durch gemeinsame Diskussion der Teilprojekte die Perspektiven von WissenschaftlerInnen und Praxispartnern zusammenzubringen, um dann die übergeordnete Thematik nachhaltiger Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft zu fokussieren. Damit sollten Synergieeffekte zwischen den Teilprojekten sicht- und entwickelbar gemacht werden.

Mittels unterschiedlicher, frei gestalteter Inputs wurde von den DoktorandInnen und BearbeiterInnen die Entwicklung ihrer jeweiligen Teilprojekte in fünf aufeinanderfolgenden Dialogcafés an der „Tafel des Wissens“ nicht nur präsentiert, sondern theoretische, methodische oder empirische Fragestellungen aufgeworfen, um dezidiert alle Workshop-TeilnehmerInnen mit ihrer Expertise und Einschätzung sowie deren Zukunftsideen für die Umsetzung in den Praxisprojekten einzubinden. Beispielsweise wurden Synergien hinsichtlich Forschungsansätzen und Methoden insbesondere zwischen TP 2 und TP 3 identifiziert und weiterentwickelt. Diskutiert wurde etwa, wie verschiedene kreative Begegnungsformate geschaffen werden können, mit denen kollektive Prozesse der Raumaneignung und ortsbezogener Identitätsbildung der zukünftigen NutzerInnen des „B3 Gadamerplatz – Bildung, Betreuung, Begegnung“[1] (Praxisprojekt in TP 3) und des „Heidelberg Village“[2] (Praxisprojekt in TP 2), beide in der Bahnstadt/Heidelberg, angestoßen werden können. In einem weiteren Dialogcafé wurden theoretisch-konzeptionelle Grundlagen des Reallabors zur Diskussion gestellt.

In der anschließenden Diskussion „Quo Vadis Reallabor?“ wurden Erwartungen und Ziele der Projektpartner sowie Möglichkeiten der zukünftigen Co-Produktion im Reallabor ausgelotet. Vehement wurde die Diskussion um disziplinäre Unterschiede von Begrifflichkeiten und Stoßrichtungen, aber auch um Grundlagen der weiteren Forschung sowie zum Verhältnis von Theorie und Empirie in der Reallabor-Forschung geführt, was das gemeinsame Verständnis für die Ziele des Reallabors schärfte. Zur Reflexion dieser Fragestellungen wurde das periodisch wiederkehrende Format „Reallabor TALK“ ins Leben gerufen.

Durch den in-house_workshop konnten alle Akteure in den Forschungsprozess hineingeholt werden. So wurden Synergien zwischen Akteuren sowie Projekten identifiziert und die Integration innerhalb des Reallabors befördert. Sowohl die Projektideen, die Fragestellungen, das Projektdesign der einzelnen Teilprojekte wie auch ein gemeinsames Verständnis von „Reallabor“ wurde und wird auch noch zukünftig in verschiedenen Co-Design-Prozessen mit allen Akteuren des Reallabors aus Wissenschaft und Praxis weiterentwickelt.

4     „Wissen to Go“ – vom Seminarraum in den Stadtraum in den Seminarraum

Im Rahmen des Reallabors „Urban Office“ entstand unter der Leitung von Ulrike Gerhard und Christina West die „Kleine Forschergruppe – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“, in der Studierende das Forschungsprojekt „Wissen To Go“[3] vom Seminarraum in den Stadtraum und derzeit zurück in den Seminarraum bringen.

Die intensive wissenschaftliche und praxisorientierte Auseinandersetzung mit „Grundlagen der Nachhaltigkeit und nachhaltiger Stadtentwicklung“, den Fragen „Welche Arten von Wissen gibt es?“ und „Wo wird Wissen produziert?“ sowie mit verschiedenen Wissensorten und deren Implementierung und Integration im städtischen Raum Heidelberg, führte nach der Diskussion verschiedener Projekt-Szenarien schließlich zum Projekt „Wissen to Go“. Dessen Ziel ist es, neue Formen der Wissensgenerierung und des Wissensaustausches in urbanen öffentlichen Zwischen- oder Transiträumen wie Wegen, Eingangsbereichen, Plätzen zu implementieren und zu beforschen. „Wissen“ wird hier in einem weiteren Sinn verstanden, indem auch alltägliches wie soziales oder Anwendungswissen anerkannt wird, da auch diese Wissensarten soziale Formen des Sinns sind, die Erfahrungen und Handlungen leiten (Knoblauch 2013, S. 1). Durch neue Wege der Wissensproduktion und neue Arten des Wissens verändern sich Perspektiven auf und Wertschätzungen von Standortqualitäten, Ortsbindungen und Raumorientierungen und deren Zusammenhänge (West 2014).

Damit Wissen zu jeder Zeit und für die gesamte Stadtgemeinschaft barrierearm zugänglich ist, wurden mobile Wissens- bzw. Lernorte gestaltet: Acht recycelte Einkaufswagen wurden in Kooperation mit lokalen Akteuren kreativ, unerwartet, pragmatisch und liebevoll zu mobilen Wissensorten umgebaut. In unterschiedlichen Feldphasen wurden und werden die mobilen Wissensorte – der Musikwagen, der mobile Wissensspielplatz, der Stadtsportwagen, der mobile Fairteiler, die mobile Kommunikationsblase, das mobile Beet, der mobile Solarwagen, der Fragezeichen-Wagen (Wissen To Go 2016) – im Stadtraum implementiert, prozessbegleitend erforscht und in ihrer Wirkung evaluiert. Die mobilen Wissenshotspots wurden von den befragten interagierenden Akteuren als zukunftsfähig eingestuft, da der öffentliche Raum als belebt und interessanter gestaltet beurteilt wurde, weshalb auch der Wunsch nach Ausweitung des Projekts geäußert wurde.

Die mobilen Wissensorte im Stadtraum Heidelberg schaffen Möglichkeiten zum Ausbrechen aus Routinen. Alltägliche Wege und gewohnte Umgebungen – z. B. Uni-Campus, Wege zum Arbeitsplatz – werden durch die mobilen Wissensorte als urbane Interventionen temporär verändert und deshalb wieder oder auch neu wahrgenommen. Die unerwarteten Eingriffe in den städtischen Raum können „Augen öffnen“ und dadurch eingefahrene Bewertungsmuster in Frage stellen. Gefördert wird dies durch die Mobilität der Wissensorte: Dass plötzlich etwas da ist, dann aber auch wieder verschwindet, führt zum Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten und Selbstverständnissen. Damit wollen die mobilen Wissensorte Anreiz sein für innovative Projekte, Entwicklungspfade und soziale Interaktionen, die anstiften zu einer kontraststarken, auch temporären Nutzung und nachahmungswürdigen Rückeroberung urbaner öffentlicher Räume. Dies soll zu einer aus der Bewohnerschaft getragenen nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen, in deren Prozess normative Zielvorstellungen auf und zwischen allen Ebenen und Akteuren ausgehandelt werden. Die durch diesen Forschungsansatz entstehenden Begegnungen, Botschaften und Experimente haben gegenüber deduktiv erzielten Forschungsergebnissen den Vorteil lebensweltlicher Nähe.

Dafür lässt die „Kleine Forschergruppe“ das Paradigma der verobjektivierenden Beobachtung gerne hinter sich: Sie mischt sich ein, stößt an und beobachtet. Nicht nur die ForscherInnen erwerben Kompetenzen in der konzeptionellen und praktischen Umsetzung transformativ ausgerichteter Projekte, auch StadtnutzerInnen erhalten Impulse, die sie aufgreifen können, um eigenes Verhalten und Handeln zu hinterfragen, Ideen zu generieren und umzusetzen. Bewusst können sie in den öffentlichen, über sprachliche Aushandlungen hinaus gedehnten Diskurs zum Umgang mit dem physisch-materiellen Stadtraum einsteigen.

5     Fazit oder doch Ausblick ...

Das Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ ist als ganzheitlicher inter- und transdisziplinärer Prozess angelegt, in dem sich alle Reallabor-Akteure auf Augenhöhe in Forschungs- und Praxisprozesse integrieren (sollen). Mittels der experimentellen Kommunikations- und Aushandlungsformate werden Räume des kommunikativen Handels geschaffen, durch die Handlungsorientierungen der Reallabor-PartnerInnen beeinflusst und eine an Co-Produktion orientierte Handlungskoordination im Reallabor „Urban Office“ erst möglich wird. Dadurch eröffnen sich neue Wissens- und Möglichkeitsräume transdisziplinärer Nachhaltigkeitsgrundlagenforschung und -praxis, die aktuelle Stadtentwicklungsprojekte und Zukunftsorientierungen in der Stadtentwicklungsplanung verändern (können). Zur Etablierung solcher Prozesse wurden spezifische – und durchaus unkonventionelle – Formate, wie z. B. in-house_workshop oder Reallabor TALK, geschaffen. Und auch die Lehre im Reallabor „Urban Office“ verändert Forschung(sprozesse), da sie bewusst und reflektiert hochexperimentell oszilliert zwischen Nachhaltigkeitsgrundlagenforschung und Intervention, dabei transdisziplinär verschiedene Akteure einbezieht, um so interaktive Wissensorte im Stadtraum zu schaffen.

Anmerkungen

[1] „B³ Gadamerplatz – Bildung, Betreuung, Begegnung“ – Entstehung eines Stadtteilzentrums mit Grundschule, Kindergarten und BürgerInnenzentrum „unter einem Dach“ (im Bau).

[1] „Heidelberg Village“ – Inklusives Wohnprojekt mit dem Fokus auf Mehrgenerationenwohnen und Demenz-WG (im Bau).

[1] Das Projekt „Wissen to Go“ wurde im Rahmen der Kleinen Forschergruppe „Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“ von den Studierenden Daniel Bumiller, Stefanie Drautz, Julia Lenz, Theresa Schäfer, Jessica Schrade, Malte Schweizerhof, Jana Wittemaier erarbeitet (Kleine Forschergruppe 2016).

Literatur

Burke, P., 2001: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Berlin

Gabe, T.; Abel, J.; Ross, A. et al., 2012: Knowledge in Cities. In: Urban Studies 49/6 (2012), S. 1179–1200

Gerhard, U., 2012: Reurbanisierung. Städtische Aufwertungsprozesse in der Global City-Perspektive. In: Herfert, G.; Brake, K. (Hg.): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden, S. 52–68

Hoelscher, M., 2012: Universities and Higher Learning. In: Anheier, H.; Juergensmeyer, M.; Faessel, V. (Hg.): Encyclopedia of Global Studies. London, S. 1713–1718

Kleine Forschergruppe, 2016: Wissen to Go. Bringt Eure Zukunft ins Rollen. Einkaufswagen als Wissens-Hotspots im Neuenheimer Feld. Unveröff. Forschungsbericht. Universität Heidelberg

Knight, R.V., 1995: Knowledge-based Development. Policy and Planning Implications for Cities. In: Urban Studies 32/2 (1995), S. 225–260

Knoblauch, H., 2013: Wissen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ) 18–20 (2013), S. 1–3; http://www.bpb.de/apuz/158653/wissenssoziologie-wissensgesellschaft-und-wissenskommunikation (download 17.9.16)

Läpple, D., 2004: Thesen zur Renaissance der Stadt in der Wissensgesellschaft. In: Priebs, A.; Aring, J.; Gestring, N. (Hg.): Schwerpunkt: Urbane Regionen. Opladen, S. 61–79

Matthiesen, U.; Mahnken, G., 2009: Das Wissen der Städte. Zur Einleitung. In: Matthiesen, U.; Mahnken, G. (Hg.): Das Wissen der Städte. Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Governance. Wiesbaden, S. 13–29

Sassen, S., 2001: The Global City. Princeton, NJ

Urban Office, 2016a: Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“; http://www.uni-heidelberg.de/urbanoffice (download 23.9.16)

Urban Office, 2016b: Reallabor „Urban Office – Nachhaltige Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft“; http://www.facebook.com/UrbanOfficeHD (download 23.9.16)

van Winden, W.; Berg, L.; Pol, P., 2007: European Cities in the Knowledge Economy. Towards a Typology. In: Urban Studies 44/3 (2007), S. 525–549

West, C., 2014: Deutschland in der Integrationsfalle? Integrationspolitische Perspektivenwechsel, Herausforderungen für Wissenschaft, Politik und Planung. In: Gans, P. (Hg.): Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration. Forschungsberichte der ARL 3 – Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Hannover, S. 293–310

West, C.; Gans, P.; Schmitz-Veltin, A., 2008: Cities in Space and City as Place – Rethinking Reurbanisation: Urban, Semi-urban and Suburban Orientations and Their Impact on the Choice of Residence. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 33/3–4 (2008), S. 381–408; DOI: 10.1007/s12523-009-0021-6

Wissen To Go, 2016: http://www.facebook.com/groups/175736082793300 (download 23.9.16)

Kontakt

Dr. Editha Marquardt
E-Mail: editha.marquardt∂uni-heidelberg.de

Dr. Christina West
E-Mail: west∂uni-heidelberg.de

Geographisches Institut
Universität Heidelberg
Berliner Straße 48, 69120 Heidelberg