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Zum Tode von Ulrich Beck: Weiter Denken

Zum Tode von Ulrich Beck: Weiter Denken
Autor: St. Böschen Link:
Quelle: Nr. 1, 24. Jg., S. 75-76
Datum: Februar 2015
Nachruf

Weiter Denken

Ein Vorruf anstelle eines Nachrufs auf den großen Soziologen Ulrich Beck (gestorben am 1. Januar 2015)

von Stefan Böschen, ITAS

In unnachahmlicher Weise hat Ulrich Beck auf dem Soziologiekongress 2014 unter dem Titel „Sinn und Wahnsinn der Moderne“ eine Laudatio auf Zygmunt Baumann gehalten, welcher von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für sein Lebenswerk geehrt wurde. Im Nachhinein liest sich diese Laudatio beinahe wie sein eigenes Vermächtnis. Ulrich Beck betonte hierbei vor allem den Mut und die Kreativität im Denken Baumanns. Denn er verfüge über die Fähigkeit, grundlegenden Wandel von Gesellschaften zu denken, gerade im Anblick unübersichtlicher Verhältnisse. Im Gegensatz dazu hätten vergleichbar berühmte Soziologen oder Sozialphilosophen wie Michel Foucault, Niklas Luhmann oder auch Pierre Bourdieu „end-ofhistory“-Theorien entworfen. In ihnen komme es zu einem „alternativlosen Fortschreiten und Fortschreiben der Gegenwart“, obgleich sich doch die gegenwärtige Welt wieder in eine terra incognita verwandle. Deshalb sei das grundlegende Problem einer „Soziologie der Transformation“ nach Beck das folgende: „Die Theoretisierung von Transformation erfordert eine Transformation der Theorie“ – bzw. genauer des Theorieverständnisses. Diese These hat er in den vergangenen Jahren mit seinem Programm kosmopolitischen Denkens entfaltet – begleitet hat sie ihn seine ganze akademische Laufbahn. Freundschaften und Feindschaften haben sich an dieser Denkfigur entzündet. In der deutschen Soziologie taten sich Gräben auf. „Reine Theorie“ wurde oft und lautstark gegen „reine Zeitdiagnose“ ins Feld geführt. Beck hat wie kaum ein anderer die paradigmatischen Spannungen in der Zunft provoziert und deren diskursiven Wirkungen selbst auch erlitten. Durch seinen Tod fällt ein wichtiger Provokateur und markanter Bezugspol im soziologischen Feld weg.

Die Erschütterungen für die Disziplin werden erst im Lauf der Zeit spürbar werden, die persönliche ist es freilich jetzt schon. War man mit Ulrich Beck gemeinsam in ein Nachdenken vertieft, dann bestimmte die Ahnung den Moment, dass es hier um nichts anderes als Entscheidendes ging. Im Zentrum stand eine ungeheure Kraft zur Synthese, wie er sie mit seinem Buch Risikogesellschaft beispielgebend offenbart hat. Sie war im Gespräch und den wissenschaftlichen Debatten immer präsent und bildete ein wesentliches Moment seiner Faszination. Kaum konnte man sich dem Sog seiner Imaginationskraft, der Wachsamkeit für die Beobachtung und Deutung oder seiner Freude an treffenden Kennzeichnungen entziehen. Von nur wenigen DenkerInnen kann man aufrichtig sagen, dass man immer genährt und gestärkt das Gastmahl des Denkens verließ.

Denker ehrt man bekanntlich durch Weiterdenken. Wenn ich also einen Nachruf an dieser Stelle schreibe, dann deshalb, um diesem Weiterdenken einen ersten Anstoß zu geben. In diesem Sinne handelt es sich also gar nicht um einen Nachruf, sondern um einen „Vorruf“, obgleich die Bezüge zur Technikfolgenabschätzung (TA) nicht auf der Hand liegen. Denn TA, welche van den Daele einmal treffend durch ihre konstruktive Langweiligkeit gekennzeichnet sah, steht auf den ersten Blick in Distanz zum Denken von Ulrich Beck. Becks Denken strebte danach, die Paradoxien und Verwerfungen gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen durch Zuspitzungen, Pointierungen und eine literarisch anmutende Artikulation auf den Begriff zu bringen. TA hingegen ist bestrebt, Begeisterungs- wie Besorgnisgeschichten im Innovationshandeln zu verstehen, die darin liegenden Erwartungen zu bewerten, Optionen herauszustellen und diese politisch entscheidungsfähig zu machen. Eines solchen Programms Tugend ist es, Pointierungen im Dienst wertungsneutraler Transparenz zu vermeiden. Diese Spannung darf aber nicht über wesentliche Bezüge hinwegtäuschen. Ulrich Beck hat dezidiert auf das Problem hingewiesen, dass das einfache Mehr an Wissenschaft, Technologie, Recht und Organisation nicht schon automatisch zu einem Mehr an Entwicklung, Wohlstand und Demokratie führt, sondern oftmals zu neuen Nebenfolgen. Deshalb bedürfe es reflexiver Optionen, um die Lernfähigkeit zu erweitern. In diesem Sinne muss die Diagnostik von Beck als ein Stachel für die theoretische wie praktische Positionierung von TA im Diskurs über Technikfolgen angesehen werden, da sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte dieser Steigerungslogik an Rationalität verpflichtet wurde.

Welche Facetten des Weiter-Denkens mit Beck zeigen sich nun für die TA? Skizzenhaft möchte ich drei Punkte ansprechen. Die erste Facette besteht darin, die eigene zeitdiagnostische Sensibilität zu kultivieren. Wie kann in Gesellschaften, in denen etablierte Wissensordnungen aufbrechen und erodieren, öffentlichpolitisch über Innovationen und ihre Folgen nachgedacht sowie demokratisch entschieden werden? Diese Frage ist von allergrößtem Belang. Die zweite Facette zielt auf die Transformation der Theorie, welche damit beginnt, den Rahmen paradigmatischer Entscheidungen zu erkennen. Ein so ambitioniertes Projekt wie die TA trifft dieses Problem in besonderer Weise, da sie sich ihrer theoretischen Vorannahmen und wertenden Vorurteile deutlicher als alle anderen Wissenschaftsvorhaben bewusst sein muss, um als Forschung den wissenschaftlichen sowie als Beratung den öffentlich-politischen Anforderungen immer wieder neu gerecht werden zu können. Die dritte Facette besteht in einem konsequent transnationalen, insbesondere auch europäischen Blickwinkel. Stand bei Beck am Anfang das risikogesellschaftliche Programm, so war es in den letzten Schaffensjahren das kosmopolitische, um den methodologischen Nationalismus wissenschaftlicher wie politischer Ansätze zu kritisieren und zu überwinden. Auch TA vollzieht eine Europäisierung, wie etwa mit dem PACITA-Projekt, das sich den Möglichkeiten von parlamentarischer TA in verschiedenen europäischen Ländern zuwendet. Aber diese Europäisierung von TA sollte darüber hinaus auch Impulse für die Gestaltung des Projekts Europa enthalten. In diesem Sinne ist es z. B. für TA unzureichend, das deutsche Projekt Energiewende für sich zu analysieren und zu begleiten, vielmehr muss es darum gehen, die Maßnahmenphantasie für ein europäisches Projekt Energiewende zu beflügeln. Dieses Nachdenken macht die zentrale Frage für TA sichtbar: Welche Rolle kann TA in den gegenwärtigen Transformationsgesellschaften spielen und wie muss sie sich für diese Rolle rüsten?

Die skizzenhaften Überlegungen verdeutlichen, dass bei aller Trauer eines solchen Abschieds ein Raum der Besinnung eröffnet wird. Besinnung, wie sie Heidegger bestimmte als den Mut, die Wahrheit der eigenen Voraussetzungen und den Raum der eigenen Ziele zum Fragwürdigsten zu machen. Darin ist der Abschied ein Neubeginn, der Nachruf ein Vorruf.