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Technische Assistenz- und Pflegesysteme in Zeiten des demografischen Wandels. Ein Beitrag aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

Technische Assistenz- und Pflegesysteme in Zeiten des demografischen Wandels. Ein Beitrag aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
Autor: B.-J. Krings Link:
Quelle:

Nr. 2, 23. Jg., S. 81-87

Datum: Juli 2014

Diskussionsforum

Technische Assistenz- und Pflegesysteme in Zeiten des demografischen Wandels

Ein Beitrag aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

von Bettina-Johanna Krings, ITAS

1     Auftakt der Diskussion

Der folgende Beitrag bezieht sich auf den Vorgängertext des Diskussionsforums „Entlastung versus Entmündigung – Assistenz- und Pflegesysteme in Zeiten des demographischen Wandels“ von Klaus Wiegerling (Wiegerling 2014). Der Beitrag soll hierbei weniger als eine kritische Stellungnahme verstanden werden, sondern möchte vielmehr einen disziplinären Perspektivwechsel auf denselben Forschungsgegenstand vornehmen. Während Wiegerling im Rahmen seiner Überlegungen einen technikphilosophischen Diskurs entfaltet, schöpft der vorliegende Beitrag aus soziologischen Denkfiguren sowie aus feministischer Wissenschafts- und Technikkritik. Empirische Beobachtungen aus diversen Projektkontexten fließen darüber hinaus mit ein und sollen – fast eindringlich – auf die Spannungsfelder hinweisen, die sich durch die wissenschaftliche Bearbeitung der Beziehung Pflegehandeln und Technik stellt.

Geradezu unerschrocken eröffnet Wiegerling seinen Beitrag mit der (noch) provokativen These, dass es „keine humane Abfederung der Probleme einer alternden Gesellschaft geben“ könne, „ohne die Nutzung assistiver Systeme“ (S. 69). Gemeint sind hier Formen technischer Unterstützungssysteme wie beispielsweise die „Idee eines Ambient Assisted Living (AAL)“ sowie – pointiert dargestellt – die voranschreitende informationstechnische „Entwicklung vernetzter verteilter Systeme“ (S. 69), die zunehmend mehr das „Umfeld Alter, Kranker und Behinderter“ (S. 69) prägen würde. Diese Formen der Technisierung seien jedoch keineswegs nur hier vorzufinden, sondern die technische Durchdringung dieser Systeme wirke auch in das gesamte Alltagsleben von „Junge[n], Gesunde[n] und Nichtbehinderte[n]“ (S. 69) hinein. Obgleich Wiegerling weitgehend offen im Hinblick auf die sozialen Verortungen als auch auf Techniktypen bleibt, bezieht er sich dann im Laufe seiner Ausführungen auf das Gesundheitswesen und speziell auf die technische Unterstützung in der Pflege von alten Menschen. Hierbei beschäftigt er sich mit der Frage, „wann diese technisch disponierte gesellschaftliche Fürsorglichkeit in paternalistische Effekte bzw. in Entmündigungen umschlägt, wann sie also zu etwas, den Menschen in seinen Vermögen und seinen Selbstverständnis Bedrohendem“ (S. 71) würde.

„Entlastung versus Entmündigung“ (S. 69) ist dann konsequenterweise auch das Spannungsfeld, das Wiegerling theoretisch ausweist und bearbeitet. Ausgehend von Arnold Gehlens vielbeachtetem Konzept des „Menschen als biologischem Mängelwesen“ (S. 70) diskutiert Wiegerling die Konsequenzen dieses Konzepts für die Technikphilosophie. Obgleich Gehlen in seinem Werk die Folgen der Entlastung des Menschen durch Technologien durchaus kritisch bewertet, bleibe das „Entlastungsprinzip“ (S. 70) von Technologien in der Technikphilosophie, nach Wiegerling, ein wichtiges und relevantes Moment, um die vielseitigen Abhängigkeit(en) und biologischen Begrenzungen des Menschen im Rahmen seiner Fähigkeiten zu beschreiben. Technische Entlastung betrachtet Wiegerling im Anschluss an diese Überlegungen dann auch als einen wichtigen Bestandteil in der „Fürsorge durch Andere“ (S. 71), die im Verlauf des Lebens notwendig würde. Hier schließt sich der Kreis zu (s)einer ersten Forderung, dass diese Fürsorge im Umgang mit „Alter, Behinderung und Krankheit in einer an Funktionalität und Effizienz orientierten Gesellschaft nur gewährleistet werden [kann], wenn alle technischen Entlastungsressourcen genutzt“ (S. 71) würden. Problematisch sei allerdings der Einsatz von Technik in der Pflege und Fürsorge von alten Menschen, wenn diese „ökonomischen Intentionen und Sachzwängen unterworfen sein soll“ (S. 72). Darin sieht Wiegerling eine Gefahr und eine große konzeptionelle „Herausforderung“ gerade in Technikfeldern, in denen „Mensch-System-Interaktionen“ (S. 72) kaum oder nicht mehr identifizierbar seien. Die Ausrichtung dieser Systeme, und dies kann als eine zweite Forderung Wiegerlings formuliert werden, sollte an einer der „kantischen Grundlage der Autonomieidee“ (S. 71) ausgerichtet werden. Diese besage, dass

„Autonomie als Grundbegriff eines aufgeklärten Selbst- und Gesellschaftsverständnisses bedeutet, dass der Einzelne prinzipiell imstande ist, kraft seines Vernunftvermögens seine Alltagsgeschäfte ohne Bevormundung durch andere zu erledigen und alle Entscheidungen, die ihn, seine Lebensweise und sein Verhältnis zur Gesellschaft betreffen, selbst zu treffen.“ (S. 71)

Freilich beschreibt Wiegerling diesen Autonomiebegriff als ein „Ideal“, eine „Orientierungsidee, die in einer komplexen und kompetenzteiligen Gesellschaft nie erreicht werden kann“ (S. 71). Dennoch sollten alle Anstrengungen darauf verwendet werden, sich diesem Ideal anzunähern. Für den Kontext der Pflege schlägt er „Wahloptionen“ vor, die die funktionale Ausrichtung technischer Systeme gestalten und den alten Menschen die Möglichkeit lassen könne, selbst zu entscheiden. Diese sollten allerdings für die betreffenden Personen „überschaubar“ (S. 73) gestaltet werden, damit diese auf der Basis ihres eigenen „Vernunftvermögens“ (S. 71) getroffen werden könnten.

Im Folgenden werden Spannungsfelder des Verhältnisses Pflege und Technik beschrieben, die einerseits den Argumentationsfiguren Wiegerlings folgen, andererseits jedoch neue Perspektiven eröffnen mit der Intention, die wissenschaftliche Wahrnehmung auf die Altenpflege und somit auf Prozesse des Alterns in aktuellen Gesellschaften zu überprüfen. Wie und welche Funktion Technik in diesen Prozessen übernehmen soll und kann, muss hier, so die These, nicht notwendigerweise traditionellen Denkfiguren zu Technik aus dem 19. Jahrhundert überlassen werden. Im Gegenteil kann der Blick auf Alterungsprozesse auch als Grundprinzip des Lebens verstanden werden, der sich hier in den unzähligen Facetten des Lebensausdrucks von Menschen zeigt. Diese Qualität wahrzunehmen und als Ausgangspunkt für technische und nichttechnische Innovationen heranzuziehen, könnte einen eigenen Ansatz bilden, der weit über die überwiegend technikbasierte Forderungen Wiegerlings hinausgeht. Aber mit diesem Hinweis ist schon viel vorweggenommen.

Im Folgenden werden drei Argumentationsfiguren diskutiert, die die aktuellen Diskurse um technische Unterstützungssysteme in der Pflege prägen und – so die These – semantische Festlegungen in diesen Kontexten weitgehend manifestieren. Diese werden kritisch diskutiert. Freilich geht es hierbei nicht um ein Plädoyer gegen die Einführung technischer Unterstützungssysteme in diesem Bereich. Es geht jedoch um die Fragen, welche normativen Werte diesen technischen Systemen zugeschrieben werden und wie sie auf die Gestaltung des Lebens von alten Menschen in aktuellen Gesellschaften Einfluss nehmen.

2     Alte, Kranke und Behinderte als die „Anderen“

„Klassifikation ist Bedingung von Erkenntnis, nicht sie selbst, und die Erkenntnis löst die Klassifikation wieder auf.“ (Adorno 2003)

Auffallend an Wiegerlings Einlassungen zu Assistenz- und Pflegesystemen ist die konsequente Klassifikation von „Alten, Behinderte und Kranke“ als soziale Gruppe(n). So werden hier alle drei Personengruppen regelmäßig in einem Atemzug genannt und führen im Text zu einer sozialen Kategorisierung, die sich schon semantisch von „normalen“ sozialen Gruppen abheben. Schon die Differenzierung einer sozialer „Gruppe“ wie beispielsweise der Zuordnung zu „Alter“ weist jedoch auf eine große Vielfalt sozialer Kontexte hin, die schwerlich vereinheitlicht werden können. Dasselbe gilt für die Zuordnung „Krankheit“ und „Behinderung“. Zu letzterem gibt es beispielsweise aus der Perspektive der disabilities studies Positionen, die genau diese Zu- und Festschreibungen in hohem Maße problematisieren (vgl. Wolbring 2014). So wird im Rahmen dieser Diskussionen angeführt, dass der Prozess der Identitätsbildung stark von Fremdwahrnehmungen, d. h. auch und insbesondere von gesellschaftlichen Vorstellungen beeinflusst wird. Die kognitive Wahrnehmung und die semantische Festlegung der „Anderen“ als behinderte Menschen bilden hierbei den Ort für soziale Exklusion. Exklusion und Inklusion sind hier dann auch als diejenigen Spannungsfelder ausgewiesen, in denen soziale Deutungskämpfe um eben diese Festschreibungen stattfinden. Diese Spannungsfelder haben im letzten Jahrzehnt neue Dimensionen erreicht, da die Grenzziehungen auf der Basis neuer genetischer Verfahren (wieder neu) umkämpft werden. So beispielsweise die Geschichte eines taubstummen Paares in den USA, das ihre beiderseitige Taubheit nicht als Behinderung, sondern als kulturelle Identität interpretierte und nach außen verteidigte. Konsequenterweise wählten sie beim Versuch, ein Kind zu zeugen, „einen Samenspender, in dessen Familie seit fünf Generationen Taubheit auftritt. Und sie waren erfolgreich. Ihr Sohn Gavin wurde taub geboren“ (Sandel 2008, S. 23). Obgleich der Sozialphilosoph Michael J. Sandel in diesem Beispiel die ethischen Probleme der zunehmenden Möglichkeiten genetischer Optimierungen in den Blick nimmt, geht es ihm auch darum, die veränderte kognitive Wahrnehmung auf soziale Differenz(en) als normativen Ausgangspunkt für den Erfolg dieser Technologien zu beschreiben (Sandel 2008; s. auch Habermas 2002). Die Betonung der Gleichheit – und v. a. die Betonung auf Autonomie in der Gestaltung der eigenen Lebenswirklichkeiten – nehmen in diesen Diskursen einen radikalen Perspektivenwechsel vor, der es kaum mehr erlaubt, in traditionelle semantische Kategorisierungen sozialer Zuschreibungen zurückzufallen.

Die „unendliche Geschichte von Gleichheit und Differenz“ (Klinger 2003, S. 14) als Beschreibung von sozialen Gruppen als die „Anderen“ hat ebenfalls eine lange Tradition in der feministischen Theorie und wurde hier in den letzten Jahrzehnten konzeptionell aufgearbeitet (z. B. Knapp/Wetterer 2001). Auf der Basis der Analyse ontologischer und historischer Konzepte zur Geschlechterdifferenz bildeten diese die Kritik für Diskurse sozialer Zuschreibungen, die aus einer anthropozentrischen Perspektive entstanden und – nicht zuletzt – gerade im Pflegesektor durchaus lebendig sind. Ähnlich wie im Rahmen der disabilities studies geht es auch hier darum, Klassifikationen im Hinblick auf Geschlecht inklusive ihrer sozialen Zuschreibungen zu dekonstruieren. Gleichzeitig wird in der jüngeren Literatur darauf hingewiesen, dass die Zuspitzung auf „Gleichheit und Differenz“ v. a. dazu geführt hat, das politische Postulat der „Gleichheit“ zu betonen. So sollten Frauen die gleichen Rechte in Anspruch nehmen können wie Männer, so beispielsweise Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, die Vertretung im politischen Raum oder die gerechte Verteilung materieller und immaterieller Güter (Klinger 2003; Aulenbacher et al. 2006). Es geht hier – und dies war historisch freilich sehr bedeutsam – um die Durchsetzung einer Interessenspolitik, in der Fragen der Gerechtigkeit und Gleichheit auch für Frauen gelten sollten.

Wie Cornelia Klinger in diesem Kontext allerdings betont, geriet durch diese Perspektive die Frage nach Differenz in den Hintergrund, denn hier würden explizit „Fragen nach einem Sein oder Wesen der Subjekte gestellt, d. h., es wird danach gefragt ob es Gleichheit/Differenz(en) zwischen den Geschlechtern gibt oder ob Frauen untereinander gleich oder verschieden sind“ (ebd., S. 15, Hervorh. im Original). Die Frage nach dem Sein sowie nach der Identität betont hier in besonderem Maße die „Wahrung und Entfaltung von Eigenart und Eigenständigkeit, mit anderen Worten um das (allerdings ebenfalls gleiche) Recht auf Differenz“ (ebd., S. 16). Das Recht auf Differenz erscheint hier – ähnlich wie oben – als das Recht auf individuelle Andersartigkeit und Eigenwilligkeit. Dieses Recht wird freilich in aktuellen Diskursen im Hinblick auf soziale Stellung, ethnische Herkunft, kulturelle Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung und Alter tagtäglich verhandelt und ihrerseits wieder in Gleichheitspostulate überführt und (auf)gelöst. Dennoch scheint die Anerkennung auf Andersartigkeit, auf individuellen Eigensinn, auf soziale Vielfalt, d. h., der Anspruch auf Differenz eine ontologische Kategorie zu sein, der bisher kaum Rechnung getragen wird. Besonders in den Diskursen um die Technisierung der Versorgung und Fürsorge alter Menschen scheint die Anerkennung von Differenz große Mühe zu bereiten. Im Gegenteil wird besonders hier „Alter“ mit seinen soziokulturellen Zuschreibungen stark vereinheitlicht, und genau durch diese Vorgehensweise geraten individuelle Bedürfnisse, die Vielfalt der Lebensanschauungen sowie Lebenserfahrungen von alten Menschen leicht in Gefahr, abgewertet zu werden. Wie „Entmündigung“ geschieht, ist komplex und vielschichtig und setzt sicherlich nicht erst beim Einsatz von Technologien an, sondern viel früher. Dies gilt auch für die wissenschaftliche Wahrnehmung auf Prozesse des Alterns in aktuellen Gesellschaften.

3     Die funktionale Bedeutung von Technologien in der Debatte um „ageing society“

„Technologies, what is more, do not work or fail in and of themselves. Rather, they depend on care work. On people willing to adapt their tools to a specific situation while adapting the situation to the tools, on and on, endless tinker ing.“ (Mol et al. 2010)

Ein weiterer Aspekt in Wiegerlings Darlegungen ist die unhinterfragte Annahme, dass zukünftige Probleme des demografischen Wandels nur mit Hilfe von Technologien zu lösen seien. Mit dieser Annahme steht er nicht alleine. Seit einigen Jahren werden in den öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen Perspektiven lanciert, die auf der negativ konnotierten Prognose einer „Überalterung der Gesellschaft“ in naher Zukunft aufbauen. Diese Szenarien legen die Vermutung nahe, dass es schon in der nächsten Generation zu vielseitigen Notständen kommen wird. Prominent erscheinen in diesen Debatten Prognosen von Pflegenotständen, die auf verlässlichem Datenmaterial beruhen (beispielsweise Daten des Statistischen Bundesamtes). Ohne Zweifel weisen diese Zahlen vor einer quantitativen Lesart darauf hin, dass in naher Zukunft ein gesteigerter Bedarf an Pflege notwendig sein wird, korreliert man – rein rechnerisch – den Anstieg sehr alter Menschen mit einer sinkenden Rückgang der Geburtenrate, wie sie seit Ende der 1970er Jahre für Deutschland zu verzeichnen ist. Gespiegelt an der aktuellen Pflegesituation im Hinblick auf die institutionelle Pflege (stationär und ambulant) werden so Interpretationsräume eröffnet, die zukünftige Pflegesituationen als höchst problematisch auslegen. Allerdings werden hierbei in der Regel institutionelle und soziale Rahmenbedingungen in die Prognosen genauso wenig miteinbezogen wie die „gesundheits- und bildungspolitische[n] Fehlentscheidungen“ der letzten Jahrzehnte, die „einen Mangel an qualifizierten Pflegekräften“ (Hülsken-Giesler 2008, S.15) provozierten.

Vor diesem Hintergrund werden Visionen technischer Unterstützungssysteme zur Behebung und Lösung dieser Pflegenotstände im Rahmen dieser Diskurse prominent herangezogen und weisen auf die Gestaltung zukünftiger Pflegekontexte hin (Weinberger et al. 2014). Nicht zuletzt durch eine Vielzahl forschungspolitischer Förderlinien auf nationaler und europäischer Ebene prägen die Vorstellungen technischer Unterstützungssysteme nicht nur ingenieurs-, sondern auch sozialwissenschaftliche und philosophische Debatten über die zukünftige Pflege von alten Menschen. Herausragend sind hier aktuell Ansätze, die, ähnlich wie von Wiegerling ausgeführt, die Pflege zu Hause befördern sollen. Diese Ansätze bieten technische Umgebungen zu Hause an, um alten Menschen zu ermöglichen, so lange wie möglich in den gewohnten vier Wänden zu bleiben und „selbstbestimmt zu leben“ (Fraunhofer 2014). Prominente Ansätze sind hier etwa Ambient Assisted Living-Systeme (AAL), Systeme, die sich „situationsspezifisch den Bedürfnissen des Benutzers“ anpassen (ebd., S. 44; Krings et al. 2012). Aber auch in benachbarten Bereichen der Pflege zu Hause, wie der stationären Pflege, der Rehabilitation oder im Rahmen ambulanter Pflegedienste sollen technische Systeme und hierbei „intelligente“ Systeme eine immer größere Rolle bei der Pflege und Betreuung von alten Menschen spielen. Obgleich technische Artefakte in der Pflege schon über eine lange Tradition verfügen, sollen hier auf Basis avancierter technischer Vernetzungsmöglichkeiten neue Potenziale (Monitoringsysteme, Assistenzsysteme, Kontrollsysteme, interaktive Systeme) in der Pflege von alten Menschen entwickelt werden. Diese Visionen werden im Rahmen dieser Diskussionen nicht zuletzt mit dem Ziel verbunden, technische Innovationen sowie die Erschließung neuer Märkte im Pflegesektor zu fördern. So soll in der Mehrzahl der Förderlinien der Versuch unternommen werden, technische Optionen zur Betreuung von alten und bedürftigen Menschen bis zur Marktreife zu entwickeln. Auf der Basis interdisziplinärer Ansätze sollen diese technischen Optionen den Menschen nahegebracht werden. Unterzieht man diese Diskurse einer genaueren Betrachtung, so fällt in vielen Fällen jedoch auf,

„that the desires and opinions of older people themselves are neglected in favour of the expertise of gerontologists, sociologists and economists; the deeper philosophical questions concerning the meaning of the end of life experience are passed over in favour of concentrating on achieving technical solutions to problems defined in terms amenable to such solutions“ (Sparrow/Sparrow 2006, S. 156; Krings et al. 2012).

Die Analyse der Diskurse weist vielfach darauf hin, dass der Drang, Pflegehandeln zu technisieren, aus vielfältigen Interessen wie Weiterentwicklung und Anwendung technischer Innovationen, die Erschließung neuer Märkte oder etwa die Erwirkung monetärer Einsparungspotenziale in der institutionalisierten Pflege gespeist wird. Freilich muss dies nicht schlecht geredet werden. Im Gegenteil gibt es eine Reihe technischer Ansätze, die konkret und gezielt an spezifischen Bedürfnislagen ansetzen und zu Entlastungen aller Beteiligten führen können. Schaut man sich jedoch die o. g. Argumentationslinien an, die in der Regel zur Durchführung dieser Strategien angeführt werden, so zeigt sich, dass die Erhaltung und Förderung der Autonomie von alten Menschen fast gebetsmühlenhaft in diesen Diskursen angeführt wird, ohne diese jedoch in ihren Kontexten konkret auszuweisen. Analytische Genauigkeit sowie das Ausdifferenzieren der Interessenslagen im Hinblick auf Techniknutzung und im Hinblick auf die Förderung der Selbstständigkeit von alten Menschen wären in diesen Debatten wichtig. Eine differenzierte Diskussion hätte vor dieser Perspektive auch größere Chancen, eben jene „philosophical questions“ (vgl. Eingangszitat) zu stellen, die in der letzten Lebensphase bedeutsam werden. Die dezidierte Behandlung dieser Fragen wäre nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für nachfolgende Generationen von hoher Bedeutsamkeit.

4    Autonomie als technisierte Handlungsstruktur

„As technology moves to the foreground, human caring and the human experience itself often move to the background, removing humans from the center of their own existence and detouring the practitioner from the human aspects of caring […].“ (Watson 2001)

Die Autonomie der alten Menschen wird von Wiegerling – wie eingangs eingeführt – als Handlungsrahmen verteidigt und ausgeführt. Allerdings bezieht er sich hier schon auf einen Handlungsrahmen innerhalb des technischen Pflegehandelns. So versteht er unter Autonomie den Einsatz technischer Pflege- und Unterstützungsmaßnahmen, die dem Zweck dienen sollen, die „physiologische und psychologische Funktionalität [der alten Menschen] zu wahren oder zu verbessern, um möglichst eigenständig handeln zu können“ (Wiegerling 2014, S. 72). Wo aus seiner Sicht „Entmündigung“ stattfindet, ist der Ort, wo alten Menschen keine Möglichkeit der Wahl zur Verfügung gestellt wird:

„Überall dort, wo dem Unterstützten Wahloptionen vorenthalten werden, wohlgemerkt Wahloptionen, die überschaubar sind […], findet ein erster Schritt zur Entmündigung statt, auch wenn diese Vorenthaltung zu seinem vermeintlich Besten geschieht.“ (ebd., S. 73)

Wiegerling spricht hier einen wichtigen Punkt an, der für die Diskurse um Technisierung im Rahmen pflegerischen Handelns relevant werden. Wie oben dargestellt, bezieht er sich zwar recht vage auf ein konkretes empirisches Feld, formuliert jedoch eine Grundanforderung an technische Unterstützungssysteme, die alte Menschen ermächtigen sollen, sich in ihren technischen Umgebungen selbstbestimmt zurechtzufinden. Tatsächlich ist diese Vorstellung im Rahmen dieser Diskurse häufig der Fall. So wird der Begriff der Autonomie regelmäßig dort angeführt, wo es darum geht, Lebensformen zu ermöglichen, die pflegebedürftigen Menschen erlaubt, so lange wie möglich ihren Grundbedürfnissen eigenständig nachzugehen. Formen des selbstständigen Lebens werden in diesem Kontext mit dem Begriff der Autonomie allerdings weitgehend gleichgesetzt und – in den meisten Fällen – in eine technisierte Handlungsstruktur überführt. Die Frage nach alternativen Handlungsstrukturen außerhalb des technischen Kontextes wird in der Regel kaum oder gar nicht gestellt.

Um die Autonomie eines Menschen in diesem Feld wahren zu können, scheint es jedoch unumgänglich, seine/ihre Interessen, Wünsche, Bedürfnisse aufzunehmen, zu artikulieren und in vielen Interaktionsschleifen in konkreten Situationen zur Gewissheit zu bringen. Diese Grundanforderung beinhaltet auch den Kern der Pflegewissenschaften. So wird hier in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Pflegehandelns“ die Relevanz des „elementaren Verstehens“ (Hülsken-Giesler 2008, S.26) in der Interaktion zwischen den Pflegenden und den zu pflegenden Personen als grundlegendes methodologisches Problem ausgewiesen. Ein Schlüsselproblem des Pflegehandelns bezieht sich hierbei auf die zentrale Frage, „welcher Zugang zum Anderen in der je konkreten Pflegesituation gewählt wird“ (ebd., S. 26). Dieser Zugang ist im Rahmen des Pflegehandelns komplex und bezieht „die menschlichen Lebensäußerungen der Sprache, des Handelns und des Erlebensausdrucks“ (ebd., S. 26) mit ein. Die Wahrnehmung der Lebensäußerungen von alten Menschen wird so in ihrer unerschöpflichen Vielfalt zur Herausforderung und gleichzeitig zur „Auseinandersetzung mit der spezifischen sprachlichen, körperlichen und leiblichen Seinsweise des Menschen“ (ebd., S. 26) selbst.

Diese Perspektiven weisen zum einen auf die Wahrnehmungsform selbst hin, die „Verschränkung von körperlicher und emotionaler Arbeit“ (ebd., S. 26), denen sich die Pflegenden selbst aussetzen (müssen). Sie weisen jedoch auch auf Formen der Interaktionen hin, das heißt, die Lebensäußerungen der Gepflegten wirken ihrerseits auf die Handlungsstrukturen der Pflegenden zurück und vice versa. Obgleich Sprache und Kommunikation als wesentliche Form der Interaktion zwischen Pflegenden und Gepflegten gelten, scheint es zentral, pflegerisches Handeln als „leibliches Tun“ (Schnell 2005, S. 38) zu begreifen. Erst diese Form des Handelns ermöglicht einen Zugang zum Anderen und somit auch einen Zugang zu denjenigen Situationen, die über selbstständiges Tun letztendlich verhandeln und entscheiden (Manzei 2003).

Technik steht diesem Binnenverhältnis zunächst diametral gegenüber, was von Seiten der Pflegewissenschaften zwischen den Polen der „Mimesis und Maschinenlogik“ aufgespannt wird (Hülsken-Giesler 2008; Manzei 2003). Die allmähliche Verschiebung von der sinnlichen zur technisch vermittelten Wahrnehmung im Bereich der Pflege bringt hier „zwar einen Zuwachs an Präzision, Verlässlichkeit und Intersubjektivität mit sich, auf der anderen Seite setzt sie aber eine Distanz zum Wahrgenommenen“ und hat insofern „Rückwirkung auf die Alltagspraxis und Selbsterfahrung des Menschen“ (Böhme 1998, in: Hülsken-Giesler 2008, S. 278) selbst.

Ohne in die Details der Eingriffstiefen technisch vermittelter Handlungs- und Kontextstrukturen einzutauchen, weisen diese knappen Ausführungen eindringlich darauf hin, dass die Wahrnehmung und Interpretation der individuellen Bedürfnisse von alten und pflegebedürftigen Menschen nach Selbstständigkeit eines weiten Zugangs bedarf. Die Erarbeitung dieses Zugangs zu den betroffenen Menschen scheint weitreichender zu sein als die Beantwortung von spezifischen Akzeptanzfragen im Zugang auf technische Systeme. Sie schließen diese jedoch auch nicht aus, sondern sollten als ein Aspekt in das ganzheitliche Gefüge individueller Bedürfnisse eingebettet werden. Eine Erweiterung der Perspektive könnte so – mindestens in der wissenschaftlichen Praxis – genutzt werden, um das Verhältnis Mimesis und Maschinenlogik in aktuellen Gesellschaften noch weiter auszukundschaften. Das neu zu erschließende Feld des Pflegehandelns bietet sich hier mit ihren inhaltlichen und methodologischen Herausforderungen in besonderem Maße an.

Literatur

Adorno, T.W., 2003: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Frankfurt a. M.

Aulenbacher, B.; Bereswill, M.; Löw, M. et al. (Hg.), 2006: FrauenMännerGeschlechterforschung. Münster

Habermas, J., 2002: Die Zukunft der menschlichen Natur. Frankfurt a. M.

Hülsken-Giesler, M., 2008: Der Zugang zum Anderen. Zur theoretischen Rekonstruktion von Professionalisierungsstrategien pflegerischen Handelns im Spannungsfeld von Mimesis und Maschinenlogik. Osnabrück

Fraunhofer Magazin, 2014: Länger selbstständig leben. In: weiter.vorn 2 (2014), S. 44–45

Klinger, C., 2003: Ungleichheit in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht. In: Knapp, G.-A.; Wetterer, A. (Hg.): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. Münster, S. 14–48

Knapp, G.-A.; Wetterer, A. (Hg.), 2001: Die soziale Verortung der Geschlechter. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik. Münster

Krings, B.-J.; Böhle, K.; Decker, M. et al., 2012: ITA-Monitoring „Serviceroboter in Pflegearrangements“. Kurzstudie. Karlsruhe: ITAS Pre-Print

Manzei, A., 2003: Körper – Technik – Grenzen. Kritische Anthropologie am Beispiel der Transplantationsmedizin. Münster

Mol, A.; Moser, I.; Pols, J. (Hg.), 2010: Care in Practice. On Tinkering in Clinics, Homes and Farms. Bielefeld

Sandel, M.J., 2008: Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik. Berlin (englische Ausgabe 2007)

Schnell, M.W., 2005: Sprechen – warum und wie? In: Abt-Zegelin, A.; Schnell, M.W. (Hg.): Sprache und Pflege. Bern, S. 9–24

Sparrow, R.; Sparrow, L., 2006: In the hands of machines? The future of aged care. In: Minds and Machines 16 (2006), S. 141–161

Watson, J., 2001: Foreword. In: Loscsin, R.C. (Hg.): Advancing Technology, Caring, and Nursing. Westport, CT, S. XIII–XV

Wiegerling, K., 2014: Entlastung versus Entmündigung. Assistenz- und Pflegesysteme in Zeiten des demographischen Wandels. In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis 23/1 (2014), S. 69–74

Wolbring, G., 2014: Disabilities Studies and the Discourse on Enhancement. In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis 23/1 (2014), S. 75–78

Weinberger, N.; Decker, M.; Krings, B.-J., 2014: Pflege von Menschen mit Demenz – Bedarfsorientierte Technikgestaltung. In: Schultz, T., Putze, F. (Hg.): Technische Unterstützung für Menschen mit Demenz. Tagungsband (noch nicht veröffentlicht)

Kontakt

Bettina-Johanna Krings, M.A.
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstraße 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-26347
E-Mail: bettina-johanna.krings∂kit.edu