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U. Dolata, J.-F. Schrape (Hg.): Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien. Radikaler Wandel als schrittweise Rekonfiguration

U. Dolata, J.-F. Schrape (Hg.): Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien. Radikaler Wandel als schrittweise Rekonfiguration
Autor: M. Hennig Link:
Quelle:

Nr. 2, 23. Jg., S. 88-90

Datum: Juli 2014
Rezensionen

Medien 2.0: Eine Revolution ohne Grenzen?

U. Dolata, J.-F. Schrape (Hg.): Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien. Radikaler Wandel als schrittweise Rekonfiguration. Berlin: edition sigma 2013, 382 S., ISBN 978-3-8360-3588-0, Euro 29,90

Rezension von Martin Hennig, Universität Passau, DFG-Graduiertenkolleg „Privatheit“

In der digitalen Welt findet derzeit ein struktureller Wandel statt, der sich mittlerweile über sämtliche Mediensektoren erstreckt. Er impliziert einschneidende soziotechnologische und ökonomische Entwicklungen, befördert lebensweltliche Transformationen und fungiert als veränderte Rahmenbedingung gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen. So korrelieren internetbasierte, teils mobile Informations- und Kommunikationsangebote etwa mit einer erhöhten Tendenz zur Herstellung sozialer Anschlussfähigkeit in medialen Kontexten (z. B. in Form der Omnipräsenz sog. Community-Funktionen) sowie der damit verbundenen, zunehmenden Virtualisierung sozial-kommunikativer Strukturen. Damit werden nicht zuletzt auch unsere Konzeptionen des Öffentlichen und des Privaten medial transformiert. Namentlich seit Beginn der im Rahmen des NSA-Skandals aufgerufenen Privatheitsdebatte scheint sich ein mit derartigen Wandlungsprozessen verbundenes, bislang eher diffuses gesellschaftliches Unbehagen nun gehäuft in dystopischen Gegenwartsbeschreibungen niederzuschlagen, welche einen sukzessiven Verlust an Möglichkeiten zur Rekonstruktion medialer Voraussetzungen von Gesellschaft kritisch adressieren (vgl. exemplarisch Lobo 2014). Gleichzeitig wird von Seiten virtueller Welten oder Social Web-Anwendungen jedoch nach wie vor auch ein immenses diskursives Potenzial bereitgestellt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang zum Beispiel an die zentrale Rolle sozialer Netzwerke bei der Koordinierung von Hilfsaktionen im Rahmen der Hochwasserkatastrophe 2013 in Deutschland.

Utopischen und dystopischen Perspektiven gemein ist dabei die Notwendigkeit zur kritischen Begleitung aktueller Entwicklungen. Diese ermöglicht zum einen Prognosen zukünftiger medialer Konstellationen, zum anderen die Modellierung eines ethischen Kompasses, welcher als dem digitalen Zeitalter angemessene Beurteilungsgrundlage gegenwärtige Verhältnisse nicht euphorisch überhöht. Um dies zu gewährleisten, ist nun zuvorderst eine realistische Einschätzung tatsächlicher Gegebenheiten notwendig, welche durch den oberflächlichen Gebrauch von Begrifflichkeiten wie „New Economy“ und „Medienrevolution“ stark erschwert wird, insofern diese rapide, irreversible und uneingeschränkt wirksame Prozesse konnotieren. Dass dem nicht zwangsläufig so ist, sich die durch das Internet angestoßenen Veränderungen vielmehr als „Prozesse sukzessiven und kumulativen Wandels“ (S. 8) begreifen lassen, davon berichtet das vorliegende Sammelwerk. Hier wird unaufgeregt untersucht, als wie tiefgreifend die Modifikationen in einzelnen Sektoren tatsächlich beschrieben werden können und welchen Verlauf die Transformationen im Einzelfall genommen haben. Den theoretischen Rahmen für die Aufsätze liefern einleitend die Herausgeber Ulrich Dolata und Jan-Felix Schrape mit Ausführungen bezüglich des Zusammenspiels verschiedener Modi graduellen Wandels innerhalb soziotechnischer Transformationsprozesse sowie zur Adaptionsfähigkeit bzw. -unfähigkeit dominanter Akteure, auf die dann ein Großteil der folgenden Artikel anhand konkreter Fallbeispiele zurückgreift. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Umstand, dass das Aufkommen des Internets in den meisten Mediensektoren nicht zu einem radikalen Bruch geführt habe, dass die Transformationsprozesse „eher von Ausdifferenzierung, Komplementarität und Koexistenz als von Auflösung und Austausch geprägt“ würden (S. 29).

1     Individuelle Entwicklungen vs. bereichsübergreifende Tendenzen

Der erste Teil des Bandes widmet sich den spezifischen Entwicklungen innerhalb einzelner Mediensektoren. Gert Hautsch referiert überblicksartig die Entwicklung von Macht- und Kapitalstrukturen in der deutschen Medienwirtschaft. Der gut recherchierte Beitrag ist vor allem darstellender Natur, gerade die Ausführungen zu denjenigen Sektoren, die im weiteren Verlauf leider keine Rolle mehr spielen (Fernseh-, Zeitschriftenmarkt etc.), hätten etwas detaillierter ausfallen dürfen. Dafür widmen sich im Anschluss gleich zwei informative Beiträge der krisenhaften Transformation der Musikindustrie, die sich laut Autoren nur durch geringe „Antizipations- und Adaptionsfähigkeit“ (S. 83) auszeichne, weswegen die dominierenden Akteure im Sektor ihre bisherige Führungsrolle zum Teil an bislang periphere Akteure wie Apple abgeben mussten. Ulrich Dolata beschreibt zuerst die globalen Entwicklungen, vor deren Hintergrund Kristian Kunow die teils dysfunktionalen Krisenbewältigungsstrategien konkreter Tonträgerunternehmen rekapituliert und dabei überzeugend nachweist, dass die etablierten Firmenkompetenzen (Veröffentlichungs- und Auswertungsroutinen) im Krisenzeitraum einen negativen Effekt auf die Adaptionsfähigkeit der Anbieter ausgeübt hätten. In den beiden folgenden Beiträgen geht es dann um den Bereich der Printmedien, doch während Jan-Felix Schrape die Situation des deutschen Buchhandels analysiert, betrachten Heidemarie Hanekop und Volker Wittke den Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems durch das Internet. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede. Insbesondere im Online-Buchhandel konnten sich neue Akteure wie Amazon etablieren und eine Vormarktstellung einnehmen, wohingegen Akteure und Institutionen im wissenschaftlichen Publikationssystem aufgrund ihres frühzeitigen Rückgriffs auf Internettechnologien im Wesentlichen bestehen konnten, während sich die sektoralen Strukturen schrittweise rekonfigurierten (z. B. in Form der Etablierung von Open-Access-Journalen). In beiden Artikeln werden somit hinlänglich bekannte Entwicklungen in den übergreifenden theoretischen Rahmen des Bandes eingepasst.

2     Ökonomische Folgen

Der zweite Schwerpunkt der Publikation rekapituliert die ökonomischen Folgen des Medienwandels. Sabine Pfeiffer untersucht in ihrem theoretischen Artikel, inwiefern die zentralen ökonomischen Kategorien der Wertschöpfung und Arbeit auch innerhalb der Internetökonomie noch Relevanz besitzen. Dabei kommt sie zu dem wenig überraschendem Ergebnis, „dass die eigentliche Quelle der Wertschöpfung […] unverändert die menschliche Arbeit ist“ (S. 194), nur deren Sichtbarkeit abnehme. Danach nehmen sich Thomas Döbler und Anna-Maria Wahl Geschäftsmodelle auf dem deutschen Mobile-Markt vor. Aufbauend auf einer selbst durchgeführten empirischen Studie, welche die geringe Zahlungsbereitschaft der Nutzer für Onlineinhalte dokumentiert, werden überblicksartig unterschiedliche Interessen und Erlösmodelle der zentralen Handlungsträger (Mobilfunkanbieter, App-Market-Betreiber, Entwickler usw.) rekapituliert, wobei die Ausführungen hier leider nicht in einer theoretischen Einbettung kulminieren, weswegen der Artikel aus dem Rest des Bandes etwas herausfällt. Dasselbe gilt für den nächsten Beitrag von Gerhard Fuchs, welcher unterstreicht, dass der Prozess der Digitalisierung nicht etwa zu einer Abnahme der Bedeutung räumlicher Nähe in der Medienindustrie geführt habe: Nach wie vor seien sowohl die Global Player, als auch kleinere Unternehmen in Clustern organisiert. Hier stellt sich allerdings die Frage nach der Funktion des Aufsatzes im Gesamtzusammenhang des eher an spezifischen sektoralen Entwicklungen interessierten Bandes. Derlei behandelt im Anschluss jedoch Gerd Möll, der am Beispiel des Onlinepokers nach soziotechnischen Veränderungen innerhalb der mediatisierten Glücksspielindustrie fragt. Detailliert und differenziert werden an dieser Stelle unterschiedliche Analyseebenen des Transformationsprozesses unterschieden (regulativ-rechtliche Rahmenbedingungen, technische Innovationen, die Ebene der Spieler usw.), anhand derer der Autor die Entwicklung des globalen Pokerbooms und daran anschließende Prozesse nachzeichnet.

3     Öffentlichkeit im Wandel?

Der dritte Teil des Buches schließlich widmet sich dem Bereich der Öffentlichkeit. Hier wird der medienstrukturelle Wandel, welcher unter dem Oberbegriff „Web 2.0“ firmiert, in Anlehnung an Jürgen Habermas (1990) danach befragt, inwiefern „Online- und Mobiltechnologien […] zum allgemeinen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (S. 7) beitragen. Bereits der Titel des ersten Beitrags von Jan-Felix Schrape gibt dabei den Tenor vor: „Komplementarität statt Konkurrenz“ (S. 277). Der Autor untersucht, ob Social Media und Massenmedien unterschiedliche Rollen in der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion spielen. Innerhalb des systemtheoretischen Untersuchungsrahmens kommt Schrape dabei zu dem Schluss, dass die Gesellschaft nach wie vor auf „erwartungssichere und übergreifend rezipierte Selektionsstellen“ (S. 296) angewiesen bleibe, während das Potenzial von Social Media eher auf einer Meso-Kommunikationsebene liege. Einen ähnlich komplementären Zusammenhang konstatieren auch Julius Reimer und Max Ruppert, die am Beispiel des sog. „GutenPlag Wiki“, also desjenigen Social Web-Phänomens, welches zum Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Gutenberg führte, das Verhältnis der dort aktiven Medienakteure zu den traditionellen Massenmedien analysieren. Im Untersuchungsbeispiel scheinen beide Seiten bei der Herstellung von Öffentlichkeit voneinander profitiert zu haben, was mit der Aufhebung der tradierten Trennung von journalistischen Leistungs- und Publikumsrollen in Zusammenhang gebracht wird. Im Anschluss stellt Sascha Dickel zur Diskussion, inwiefern Facebook-Kommunikation als Antwort auf die informationellen, sozialen und zeitlichen Herausforderungen des Internetzeitalters verstanden werden könne. Anhand der Praktik des „Teilens“ von Inhalten macht Dickel in seinem innovativen Beitrag deutlich, dass derartige Strategien nicht nur als Problem, z. B. in Bezug auf Privatheit, sondern auch als Bewältigungsmaßnahme, etwa als „konservative Rückkehr zu personaler Identität und Autorschaft“ (S. 349), interpretierbar seien. Den Band beendet ein Beitrag von René König, welcher die Ergebnisse diverser Fallstudien bezüglich des Potenzials neuer Informationstechnologien in der Wissenschaftskommunikation subsumiert. Dabei wird deutlich, dass die meisten Akademiker noch nicht als intensive Nutzer des Web 2.0 (vgl. S. 373) gelten können, auch wenn das Potenzial der Technologien, vor allem in der Wissensdistribution, nach König nicht unterschätzt werden sollte.

4     Kontinuierliche Revolution

Der gesamte Band wirft abseits von diversen utopischen/dystopischen Gegenwarts- bzw. Zukunftsbeschreibungen einen detaillierten Blick auf einzelne sektorale Entwicklungen und stellt den theoretischen und analytischen Hintergrund zur kritischen Beurteilung gegenwärtiger medialer Transformationen bereit. Insbesondere der letzte Teil beinhaltet eine Reihe aufschlussreicher und theoretisch fundierter Analysen, wohingegen das Potenzial des ersten Abschnitts etwas unter seiner inhaltlichen Verengung leidet. Es ist schade, dass der Fokus dort stark auf dem Print- und Musikbereich liegt, während andere Sektoren, wie die Fernseh- oder Computerspieleindustrie, komplett vernachlässigt werden. Deren Untersuchung hätte den ansonsten empfehlenswerten Band noch abgerundet, der im Zeitalter einschneidender Bereichstransformationen den Blick auch gerade auf die sichtbaren Kontinuitäten innerhalb sich verändernder Medienumwelten und Lebenswirklichkeiten wendet. Eine entsprechende Fortsetzung wäre in Anbetracht der wünschenswerten Kontinuität derartiger Publikationen willkommen.

Literatur

Habermas, J., 1990: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M.

Lobo, S., 2014: Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. FAZ.NET; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html (download 11.1.14)