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Policy Analyse trifft STS

Policy Analyse trifft STS
Autor:

D. Allhutter

Link:
Quelle:

Nr. 3, 22. Jahrgang, S. 80-81

Datum: November 2013

Tagungsberichte

Policy Analyse trifft STS

Kurzbericht von der „8th International Conference in Interpretive Policy Analysis“ (IPA)

Wien, Österreich, 3.–5. Juli 2013

von Doris Allhutter, ITA Wien

Unter dem Titel „Societies in Conflict“ brachte die diesjährige IPA rund 400 TeilnehmerInnen zusammen, die sich in mehr als 60 Panels den Themen Demokratie und partizipative Governance von Umwelt- und Technikkontroversen widmeten. Im Zentrum stand damit auch das Verhältnis zwischen Politik, ExpertInnen und der Öffentlichkeit. Die Konferenz wurde an der Universität Wien abgehalten und dort vom Institut für Politikwissenschaft, der Life-Science-Governance Research Platform und dem Institut für Wissenschaftsforschung organisiert. Wie auch schon in den Jahren zuvor, verortete sich die IPA diesmal explizit an der Schnittstelle zwischen interpretativer Policy Analyse und der Wissenschafts- und Technikforschung – zwei Forschungsfelder, die sich in ihrem Anspruch einer historisch und gesellschaftlich kontextualisierten Interpretation von politischen und soziotechnischen Prozessen treffen.

1    Kritische Sensibilität

Als prominente VertreterInnen dieser beiden Felder griffen John Law und Deborah Stone in ihren beiden Keynotes Fragen der Unsicherheit oder politischen Unentscheidbarkeit in krisenhaften Situationen und emotional aufgeladenen Kontroversen auf.

Zur Eröffnung der Konferenz führte John Law anhand des Beispiels der epidemischen Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche im Jahr 2001 in Großbritannien in die Actor-Network-Theory (ANT) ein. Sie sei ein Werkzeug kritischer Sensibilität: Sowohl in einem analytischen wie auch einem politischen Sinn ermöglicht sie uns, ein vorgefasstes Denken über die Welt und Politik beiseite zu legen und zu sehen, auf welche Weise die Welt heterogen und relational ist. Was kann ANT also der Politik anbieten? Politik agiere auf Basis der Annahme, dass es eine einzige Realität gibt. Tatsächlich bringe sie aber vielschichtige Realitäten materiell hervor. Die ontologische Vielschichtigkeit von Krisen macht politische Entscheidungsfindung sicher nicht einfacher, aber sie können in ihrer Komplexität erfasst und kontextspezifischer adressiert werden.

Deborah Stone fragte am zweiten Konferenztag, was die Interpretative Policy Analyse in konflikt- und krisenhaften Situationen anbieten kann. Politische Kontroversen seien stets konflikthaft und emotional aufgeladen. Eine Politikanalyse, die in der Lage ist, die Politik der Gefühle sichtbar und Emotionen als Quelle von Wissen nutzbar zu machen, eröffne Raum für die Selbstreflexion von politischen AkteurInnen und ForscherInnen, so Stone. Entgegen einer Priorisierung des Rationalen, ermögliche ein interpretativer Zugang darüber hinaus, Emotionen nicht als individuelles Problem, sondern als Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen zu begreifen. Auf diese Weise könnten strukturell verankerte Kontroversen analytisch zugänglich gemacht und im Sinne eines politischen und gesellschaftlichen Wandels gelöst werden.

2    Eine Politik der Unentscheidbarkeit?

Das Thema „Unsicherheit“ war zentral und wurde auf der Konferenz als ein Dilemma diskutiert, das uns gleichermaßen in der TA wie in den STS und der Politikwissenschaft beschäftigt: Politische AkteurInnen sollen in unsicheren Entscheidungssituationen dennoch handeln und fällen oft kontroverse Entscheidungen. Wie gehen wir mit dieser Situation in der Analyse und in der Praxis um? Können wir so etwas wie eine „Politik der Unentscheidbarkeit“ formulieren? Und wie ist in diesem Kontext der „democratic turn“, also die stärkere Einbeziehung von BürgerInnen, zu beurteilen?

In kurzen Beiträgen nahmen dazu u. a. Nico Carpentier, Kurt Imhof, Barbara Prainsack und Herbert Gottweis Stellung. Die Kommunikationstechnologien nähmen heute eine besondere Rolle in politischen Prozessen ein, so der Tenor. Ihnen komme sowohl im Verhältnis zwischen ExpertInnen und der Öffentlichkeit als auch in der Analyse partizipativer Prozesse eine immer zentralere Stellung zu.

Unentscheidbarkeit und sozialer Konflikt seien durch die Vielfalt an Stimmen, die in der partizipativen Medienkultur laut werden, sichtbarer als zuvor. Dies trage zu politischer Unentschlossenheit bei, denn hegemoniale Positionen könnten schwerer durchgesetzt werden. Die Unmöglichkeit zu entscheiden sei Teil der Unsicherheit, die mit den neuen globalen Herausforderungen einhergeht. Sie werde aber auch zur politischen Strategie, so Carpentier. Etwas als „unentscheidbar“ zu labeln, könne bestimmten politischen AkteurInnen Legitimität und Macht verleihen, betonte auch Prainsack.

Jacques Derrida bezeichnete das Moment der Unentscheidbarkeit als etwas, das eine bestimmte Entscheidung erst möglich macht, indem es jede Entscheidung als eine Intervention in die Welt begreift. In diesem Sinne können TA, STS und Politikwissenschaft in politischen sowie Umwelt- und Technikkontroversen nicht eine „richtige“ Lösung präsentieren, dennoch aber vielschichtige Sichtweisen und Entscheidungen anbieten, die Wissenschaft als hervorbringende Intervention verstehen.

3    Ausblick: IPA 2014

Thematisch wieder interessant für die TA-Community ist auch die kommende IPA 2014, die sich unter dem Titel „Governance and Beyond“ mit der Rolle von Wissen, Technologien und Kommunikation in einer globalisierten Welt und ihren lokalen Effekten auseinandersetzen wird. Die Konferenz wird im Juli 2014 in Wageningen, Niederlande, stattfinden. Der Call for Papers ist offen: http://www.ipa2014.nl/.