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Nutzerverhalten im Energiesystem. Erkenntnisse und Forschungsfragen aus der Psychologie

Nutzerverhalten im Energiesystem. Erkenntnisse und Forschungsfragen aus der Psychologie
Autor:

E. Matthies

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Quelle:

Nr. 2, 22. Jahrgang, S. 36-42

Datum: Juli 2013

Schwerpunkt: Energiewende 2.0 – vom technischen zum soziotechnischen System?

Nutzerverhalten im Energiesystem

Erkenntnisse und Forschungsfragen aus der Psychologie

von Ellen Matthies, Universität Magdeburg[1]

Effizienzsteigerungen im Energiesystem ergeben sich nicht allein aus technischen Entwicklungen. Energetische Sanierung, die Nutzung effizienterer Haushaltsgeräte oder der Kauf eines effizienten Pkws sind Felder mit Energiesparpotenzialen, in denen dem individuellen Akteur als Konsument eine wichtige Rolle zukommt. Es wird aufgezeigt, dass ein besseres Verständnis der Verhaltensweisen, die mit einer effizienteren Energienutzung verknüpft sind, dazu beitragen kann, Effizienzpotenziale überhaupt erst auszuschöpfen. Forschungsansätze zu den Feldern persuasive Technologie, Investitionsentscheidungen und Akzeptanz von neuen Technologien werden aufgezeigt. Abschließend wird reflektiert, welche „Schnittstellen“ im Energiesystem durch psychologische Forschung adressiert werden. Außerdem werden Herausforderungen für multidisziplinäre Forschung aufgezeigt.

1     Einleitung

Effizienzsteigerungen im Energiesystem ergeben sich nicht allein aus technischen Entwicklungen. Energieeinsparung durch energetische Sanierung, durch die Nutzung effizienterer Haushaltsgeräte oder eines spritsparenden Pkw sind Felder, in denen dem individuellen Akteur als Hausbesitzer und Konsument eine wichtige Rolle zukommt. Aus der Sicht derer, die technisch definierte Effizienzpotenziale in diesen Feldern heben wollen, stellt sich der individuelle Akteur aber oft als eine Störgröße dar, dessen Einfluss möglichst genau eingegrenzt und vorgeschrieben oder durch Regulierung komplett übergangen werden muss. Sprechende Beispiele hierfür sind hundert Seiten starke Handbücher für Mieter in energetisch sanierten Solarsiedlungen, mit detailreichen Hinweisen zum korrekten Lüften und zur Steuerung der Heizung, oder Leitsysteme zur automatisierten Regulierung der Beleuchtung, in denen die Nutzer lediglich als Impulsgeber berücksichtigt werden. Der vorliegende Beitrag will aber nicht der Frage nachgehen, welche negativen Phänomene aus der mangelnden Berücksichtigung des Bedürfnisses nach Handlungsfreiheit resultieren (Bell et al. 2005). Es soll vielmehr gezeigt werden, dass ein tieferes Verständnis des Energienutzungsverhaltens neben der Vermeidung von Akzeptanzproblemen v. a. dazu beitragen kann, Effizienzpotenziale besser auszuschöpfen.

Die Psychologie – insbesondere die angewandte Sozialpsychologie und Umweltpsychologie – befasst sich seit über dreißig Jahren damit, die Motivation für umweltschonendes Alltagshandeln zu erklären. Dabei wurden bereits in den 1970er und 1980er Jahren mit dem Energiekonsum verknüpfte Handlungsfelder in Haushalten in den Blick genommen. Es interessierten einerseits die Bedingungen und Motive für einen sparsamen Energiekonsum (z. B. Black et al. 1985), und darüber hinaus die Wirksamkeit von verschiedenen Maßnahmen zu seiner Steuerung (Seligmann/Darley 1977; einen Überblick über neuere Studien geben Abrahamse et al. 2005). Ausgelöst wurde das Interesse am individuellen Energiekonsum in den USA durch die erste Ölkrise in den 1970er Jahren. Nachdem das Thema in den 1990er Jahren in den USA wieder verebbte, wurde es um die Jahrtausendwende in Europa aufgegriffen, insbesondere in europäischen Forschungsteams, diesmal unter der Perspektive des Klimaschutzes. Damit war nicht mehr nur das Nutzerverhalten von Bedeutung, sondern vor dem Hintergrund der technischen Entwicklungen (Stichwort Effizienzrevolution) waren Kaufentscheidungen und Investitionen bedeutsamer geworden (z. B. für effizientere Geräte, neue Heizungstechnik), sowie die Akzeptanz erneuerbarer Energien und damit verknüpfte Veränderungen. Im Zusammenhang mit dem Umbau des Energiesystems in Ländern wie Deutschland erfahren diese vielfältigen neuen Rollen der Konsumenten und Bürger im Energiesystem ein zunehmendes wissenschaftliches Interesse aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven. Ein wichtiges Thema ist die Einbeziehung von Bürgern in Entscheidungsprozesse mittels partizipativer Verfahren (Schweizer/Renn in diesem Schwerpunkt). Weiter spielen Fragen nach wirksamen Steuerungsinstrumenten eine zentrale Rolle. Gerade hier hat die Psychologie zu einer multidisziplinären Forschung viel beizutragen, da sie sich für das Individuum in seiner konkreten Handlungs- und Entscheidungssituation interessiert, und dadurch auf wichtige Beschränkungen – aber auch Potenziale – von Technik und Steuerungsansätzen aufmerksam machen kann. Mit Blick auf die anstehenden Veränderungen im Energiesystem, die vielfach direkt das Leben Einzelner betreffen werden, möchte ich vier Forschungsbereiche beleuchten, in denen innerhalb der letzten fünf Jahre ein deutlicher Entwicklungsschub stattgefunden hat: Die Identifikation von psychologischen Schlüsselfaktoren für das Stromsparen in Haushalten, die Wirkungen persuasiver Technologie, sowie die Analyse von Einflussfaktoren auf Investitionsentscheidungen und Akzeptanz von neuen Technologien im Haushalt.

2     Schlüsselfaktoren für das Energiesparen in Haushalten

In einer 2010 von PsychologInnen durchgeführten repräsentativen Studie für Deutschland berichteten 64 Prozent der Befragten über regelmäßige stromsparende Verhaltensweisen (z. B. Vermeiden von Standby-Verlusten). 51 Prozent der Befragten äußerten sogar die feste Absicht, weiterhin Strom in ihrem Haushalt einsparen zu wollen (Krömker/Dehmel 2010). Im Rahmen einer aktuellen, vom Magdeburger Team durchgeführten Studie im Rahmen der Helmholtz-Allianz ENERGY TRANS zeigt sich (Erhebung von 2013), dass Bereitschaft und Absichten heute sogar noch weiter verbreitet sind. Gleichzeitig zeichnet sich aber kaum eine Reduktion des Pro-Kopf-Verbrauchs in den Haushalten ab (Statistisches Bundesamt 2012). Mittlerweile konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass im Gegensatz zur Prognose des absoluten Verbrauchs – hier sind soziodemographische Kenngrößen wie Haushaltsgröße und Einkommen entscheidend – für die Vorhersage von stromsparenden Aktivitäten und Veränderungen im Verbrauch v. a. soziokognitive Faktoren relevant sind (Gatersleben et al. 2002; Thøgersen/Grønhøj 2010; Abrahamse/Steg 2009). Wichtig sind hier insbesondere Kontrollüberzeugungen, d. h. die Einschätzung, inwiefern es sinnvoll und effektiv ist, Strom zu sparen, bzw. Selbstwirksamkeitserwartungen. Unter Selbstwirksamkeit verstehen PsychologInnen die Erwartung des Individuums, die Verhaltensänderung oder das neue Verhalten auch tatsächlich umsetzen zu können. Förderbar sind solche psychischen Faktoren durch das gezielte Aufzeigen von Einsparmöglichkeiten (bereits 2002 berichteten Gatersleben et al. von inadäquatem Wissen der Verbraucher; Krömker/Dehmel berichten für Deutschland 2010 Ähnliches), durch die Vermittlung von Kompetenzen (etwa Erinnerungshilfen für wiederkehrende Verhaltensweisen), sowie durch das Vereinfachen von Verhaltensänderungen bzw. durch Einfachheit von neuen stromsparenden Verhaltensweisen (z. B. Abschalten sämtlicher Geräte mittels eines einzigen Schalters). Die Umsetzung von Verhaltensweisen mit großem Einspareffekt (etwa die veränderte Nutzung von Heizung oder Klimaanlage; veränderte Nutzung von Kühlgeräten), die gleichzeitig nicht zu schwierig sind, können zu schnellen Erfolgen führen und damit die Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugungen stärken und zu weiteren Anstrengungen motivieren.

Wie bereits oben angedeutet, ist Stromsparen ein komplexer, mehrstufiger Lernprozess, der Wissen voraussetzt, Auswahlentscheidungen und Schwerpunktsetzungen erfordert, sowie die Bereitschaft, über eine erste Phase hinweg, Aufwand in Kauf zu nehmen. Danach stellen sich Automatismen ein und das neue Verhalten fällt wieder leichter. Umfassende Überlegungen hierzu finden sich bei Bamberg für den Bereich Mobilität (2007) und Matthies et al. (under review) für den Bereich Stromkonsum. Die Bestimmung von Einsparpotenzialen für Haushalte basiert derzeit auf technischen Daten und bezieht sich auf Geräteklassen, aber nicht auf Alltagshandlungen und deren Funktion. Hier gibt es einen erheblichen Forschungsbedarf, den die Umweltpsychologie mit ihrem Fokus auf Alltagshandeln im Kontext gut bedienen könnte (vgl. Kaufmann‐Hayoz 2006). Weitgehend ausgespart in der bisherigen Forschung ist auch die Betrachtung des Energiekonsums im sozialen Kontext. Es gibt zwar Hinweise aus Studien, dass bestimmte Haushaltskonstellationen (etwa Leben mit Jugendlichen) mit einem erhöhten Energiebedarf verbunden sind (Thøgersen/Grønhøj 2010), aber eine systematische Erforschung von Energiesparentscheidungen in Haushalten als sozialen Systemen ist bisher nicht erfolgt.

3     Unterstützung von effizientem Energiekonsum durch Feedback und persuasive Technologie

Als persuasive Technologie werden interaktive Computersysteme verstanden, die den Menschen dabei unterstützen sollen, seine Einstellungen oder sein Verhalten zu ändern. Hierunter können sog. interaktive Smart Meter gefasst werden (das sind digitale Systeme, die den aktuellen Energieverbrauch im Haushalt rückmelden und auch ein Aufbereiten der Verbräuche, z. B. nach Geräten, oder Vergleiche über ein interaktives Display ermöglichen) oder intelligente Steuerungssysteme für die Heizung, die bei suboptimalen Verbräuchen warnen und dazu auffordern, das Verhalten (die gewählte Einstellung) zu verändern. Smart Meter wurden von der EU zwar bereits 2006 als Maßnahme zum Energiesparen in Haushalten vorgeschrieben (Europäisches Parlament 2006), allerdings ohne einen Standard zu deren Gestaltung vorzugeben. Die Befunde zu den mit Feedback erzielten Einsparungen variieren stark – zwischen zwei und 20 Prozent (vgl. Abrahamse et al. 2005; Vine et al. 2013). Und es gibt zwar mittlerweile einen Konsens darüber, dass bestimmte Merkmale Smart Meter effektiver machen (z. B. Häufigkeit und Unmittelbarkeit der Rückmeldung oder Bedeutungshaftigkeit; vgl. Vine et al. 2013), aber ein umfassendes Verständnis des Veränderungsprozesses beim Stromsparen im Haushalt, an dem sich die Gestaltung eines optimalen Smart Meters ausrichten könnte, fehlt bislang. Hier ergibt sich ein dringender Forschungsbedarf, der im Rahmen von ENERGY-TRANS angegangen wird (vgl. Matthies et al. under review).

Die Tradition der psychologischen Forschung der letzten Jahre würde hier vielfältige Differenzierungen nahelegen. So macht es einen Unterschied, ob wiederkehrendes Nutzungsverhalten (Nutzung von Licht, Steckerleisten, Backofen, Waschmaschine) oder einmalige Konsumentscheidungen (Neukauf von Kühlschrank, Waschmaschine, Backofen, etc.) gefördert werden sollen (Gardner/Stern 2002; Oulette/Wood 1998). Relevant dürfte auch die Frage sein, für welche Zielgruppen ein Smart Meter geeignet ist. In Deutschland beispielsweise hat über die Hälfte der Haushalte die Absicht, Strom zu sparen (Krömker/Dehmel 2010). Diese Gruppe dürfte von Rückmeldesystemen stärker profitieren als bisher „unmotivierte“. Eventuell lässt sich durch eine entsprechende Gestaltung aber auch – ganz im Sinne einer persuasiven Technologie – die Motivation zum Stromsparen überhaupt wecken.[2]

4     Fördern von Investitionsentscheidungen

Es ist wohl unstrittig, dass im Bereich Heizungswärme und Warmwasser die größten Einsparpotenziale für fossile Energie in privaten Haushalten liegen. Insbesondere die Sanierung der Gebäudehülle, Erneuerung von Heizungssystem und der Einsatz erneuerbarer Energiesysteme (z. B. Solarthermie) erlauben es, den Energiekonsum zu reduzieren. Allein für Ein- und Zweifamilienhäuser werden diese Einsparpotenziale auf weit über 20 Prozent geschätzt (Weiß/Dunkelberg 2010). Teilweise sind Maßnahmen der energetischen Optimierung bereits durch EU-Richtlinien vorgegeben (etwa bei Anbauten oder Dachsanierungen), der Entscheidungsspielraum der Haushalte ist auf absehbare Zeit aber vermutlich noch groß und wird nach wie vor über Anreizsysteme (vergünstigte Kredite, Zuschüsse) geregelt. Solche Anreizstrukturen allein reichen allerdings kaum aus, um entsprechende Investitionen tatsächlich umfangreich anzuregen (vgl. Miller/Ford 1985; eine aktuelle Studie hierzu liefern Hübner/Müller 2012).

Eine psychologische Perspektive auf Entscheidungsprozesse und die Diffusion von Innovationen kann hier hilfreich sein. Kastner et al. (2011) konnten zeigen, dass die Form von Förderangeboten im Sinne der Entscheidungstheorie verstanden werden kann, und hier bisher kaum genutzte Optimierungspotenziale liegen (z. B. Vorfinanzierung statt Zuschuss). Sopha et al. (2011a, b) konnten zeigen, dass psychologische Faktoren (etwa subjektive Normen, also Erwartungen des sozialen Umfeldes) durchaus relevant sind, und dass die Informationen aus sozialen Netzwerken diffusionsfördernd wirken.

5     Akzeptanz neuer Möglichkeiten im Energiesystem: E-Mobilität und Smart Home

Zwischenspeicherung in Haushalten und das Verschieben von Verbräuchen in lastarme Zeitfenster sind weitere Potenziale, die zur Energieeffizienzoptimierung führen können. Sogenannte Smart-Home-Systeme erlauben es, Haushaltsgeräte lastabhängig zu steuern, etwa bestimmte Geräte (Waschmaschine, Geschirrspüler) automatisiert in lastarmen Zeiten einzuschalten. Auch wenn die konkrete Ausgestaltung dieser Technologien noch nicht abgeschlossen ist, so zeichnen sich bereits Fragen ab, an deren Beantwortung sich die Umweltpsychologie beteiligen sollte (vgl. auch Paetz et al. 2012), etwa die Frage, in welchem Maß Haushaltsgeräten ein „Eigenleben“ zugestanden werden kann (selbsttätiges Abschalten des Kühlschranks am Tage oder Anschalten der Waschmaschine in der Nacht), oder welches Maß an Mitsteuerung nötig ist und wie diese erfolgen könnte. Diese Fragen sind teilweise verknüpfbar mit den bereits oben entwickelten Überlegungen dazu, wie eine bestmögliche Unterstützung beim Energiesparen im Haushalt aus psychologischer Sicht gelingen kann.

Elektrofahrzeuge werden als eine Möglichkeit gesehen, überschüssige Energie direkt in den Haushalten zwischenzuspeichern. Erste Untersuchungen zur tatsächlichen Nutzung von Elektrofahrzeugen in Privathaushalten haben ergeben, dass diese eher als zusätzliches Fahrzeug angeschafft werden (zumindest in Norwegen, wo die Studie durchgeführt wurde) und nicht zur Reduktion gefahrener Pkw-Kilometer eines Haushaltes beitragen (Klöckner et al. 2013). In Deutschland gibt es wegen der fehlenden Marktdurchdringung noch keine großen Feldstudien. Die Akzeptanz und Aufnahme dieser Technologie wird eher kritisch eingeschätzt (z. B. Götz et al. 2011). Wichtige Blockade ist die als eingeschränkt wahrgenommene Reichweite. Dies scheint v. a. Nichtnutzer zu betreffen: Probenutzer von Elektrofahrzeugen („early adopters“ wie in der Studie von Franke/Krems 2013) fanden die mit einer Batterieladung fahrbare Reichweite hinreichend komfortabel. Franke und Krems konnten die Zufriedenheit auch aus psychologischen Variablen erklären. Selbstwirksamkeit und Kontrolle dürften auch hier sinnvolle Prädiktoren für eine positive Akzeptanz solcher Fahrzeuge sein.

6     Fazit

Im Beitrag werden Themen an der „Schnittstelle“ Mensch-Technik-Interaktion mit dem Ziel der Bestimmung und Hebung von Effizienzpotenzialen in den Blick genommen, insbesondere die Bereitschaft der Konsumenten, sich mit neuen Technologien aktiv akzeptierend auseinanderzusetzen. Ausgehend von dem, für Deutschland stabilen Befund, dass Menschen hoch motiviert sind, im Haushalt Energie und insbesondere Strom zu sparen, interessiert aus psychologischer Perspektive die Frage, wie Menschen durch intelligente Steuerung und persuasive Technologie im Haushalt optimal unterstützt werden können. Hier erschließen sich aus problemorientierter Perspektive heraus neue und durchaus relevante Effizienzpotenziale. Sollen die Potenziale zur Energieeinsparung in Haushalten künftig weitgehend ausgeschöpft werden, bedarf es einer genauen Bestimmung des Impacts der wichtigsten Verhaltensweisen und Entscheidungen im Vergleich zu Alternativen. Darüber hinaus muss – auf theoretischer Grundlage oder basierend auf der Evaluation bestimmter Veränderungsinstrumente – auch die Plastizität, also die Veränderbarkeit dieser Verhaltensweisen bestimmt werden (Dietz et al. 2009). Beides erfordert eine genaue Kenntnis der relevanten Alltagshandlungen und ihrer Funktion im Haushalt, differenziert nach unterschiedlichen Verbrauchergruppen.

Die Identifikation dieser Potenziale ist nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit zu leisten. Bei der Bestimmung von Potenzialen müssen neue Technologien aus Perspektive der Nutzer auf Grundlage psychologischen Wissens über Verhaltensänderungsprozesse oder soziale Diffusion betrachtet werden, und ebenso muss bei der Entwicklung von Politikinstrumenten „eingeschränkte“ Rationalität und die Plastizität des Verhaltens berücksichtigt werden. Die Beiträge, die die Umweltpsychologie hier liefern kann, liegen zum Teil bereits vor, viele Fragen, die erst im Zusammenhang mit neueren Entwicklungen auftauchen, sind zunächst interdisziplinär genauer zu bestimmen und müssen dann disziplinär bearbeitet werden (etwa durch experimentelle Studien).

Der Mehrwert einer interdisziplinären Erforschung des Energiesystems liegt auf der Hand, wenn wir problemorientiert bzw. lösungsorientiert denken. Nur im Zusammenspiel aller relevanten Disziplinen können Potenziale in diesem System identifiziert und bewertet werden.

Anmerkungen

[1]  Ich danke Malte Nachreiner und Ingo Kastner für die unterstützende Mitarbeit an diesem Beitrag.

[2]  Vielversprechend sind hier soziale Vergleiche (Schultz et al. 2007). Midden und KollegInnen befassen sich mit dem wichtigen Thema der Reaktanz durch technische Persuasion (Ham/Midden 2010; Roubroeks et al. 2011). Bolderdijk und Steg (2013) zeigen in einer aktuellen Studie, dass öffentliche Rückmeldesysteme am Arbeitsplatz zu negativen Reaktionen führen können. Roubroeks et al. (2011) konnten zeigen, dass neutrale Rückmeldung über suboptimale Einstellungen (z. B. durch Farben oder neutrale Texte) weniger Reaktanz erzeugen als Rückmeldungen, die als sozial interpretiert werden. Dick et al. (2013) schließlich fokussieren den Aspekt der Selbstbestimmung (Deci/Ryan 1985) und machen den Vorschlag, dass die Nutzer in die Gestaltung solcher persuasiver Systeme einbezogen werden sollen, z. B. Oberfläche und Rückmeldeform selbst gestalten. Dies führe nicht nur zur Auswahl der individuell hilfreichsten Funktionen, sondern ermögliche auch kognitive Kontrolle und Identifikation.

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