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Die Wissensgesellschaft – angekommen in der Realität?

Die Wissensgesellschaft – angekommen in der Realität?
Autor:

L. Belyová, G. Sardemann

Link:
Quelle:

Nr. 3, 20. Jahrgang, S. 96-99

Datum: Dezember 2011

Tagungsberichte

Die Wissensgesellschaft – angekommen in der Realität?

Bericht von der Konferenz „Von der Informations- zur Wissensgesellschaft: Reloaded“
Prag, 15.–17. Juni 2011

von Lucia Belyová und Gerhard Sardemann, ITAS

Bereits 1999 fand in Prag die Konferenz „Von der Informations- zur Wissensgesellschaft. Demokratie – Partizipation – Technikfolgenbeurteilung“ statt, die den Übergang der Gesellschaft in eine Wissens- und Informationsgesellschaft zum Gegenstand hatte. Es sollten wünschenswerte und mögliche Visionen („Technikzukünfte“) im Bereich der Informationsgesellschaft entwickelt werden, wobei weniger deren technische Seite, sondern vielmehr die soziokulturellen Bedingungen und Möglichkeiten einer zukünftigen Gesellschaftsgestaltung ins Blickfeld genommen wurden. Für die diesjährige internationale Konferenz und Jahrestagung des „International Network on Cultural Diversity and New Media“ (CultMedia), die wiederum in Prag stattfand, wurde die damalige Thematik erneut aufgegriffen: „Von der Informations- zur Wissensgesellschaft: Reloaded. e-Partizipation – e-Identity – e-Society“. Dadurch wurde die Möglichkeit eröffnet, zunächst zu prüfen, was von den Überlegungen des Jahres 1999 Bestand hatte, was längst überholt und was neu hinzugekommen ist.

Organisiert wurde die Veranstaltung vom ITAS und vom Zentrum für Wissenschafts-, Technik- und Gesellschaftsstudien am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Mit 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus sieben europäischen Ländern sowie 24 Vorträgen und Präsentationen stieß sie auf großes Interesse.

Im Sinne der Forschungsschwerpunkte des mit ITAS-Unterstützung im Jahre 2002 gegründeten CultMedia-Netzwerks galt es, aktuelle Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien zu diskutieren. Darüber hinaus bestand der Fokus in der Vielfalt und Vielgestaltigkeit darauf bezogener Zukunftsvorstellungen sowie darin, exemplarisch deren Möglichkeiten und Grenzen auszuloten. Aus diesen Analysen sollten Schlussfolgerungen im Sinne von Orientierungen für einen rationale(re)n Umgang mit ihnen erarbeitet werden. Das Ziel bestand somit darin, das Reflexionsniveau von und bei Zukunftsbetrachtungen (Visionen) über und im Kontext von Technik zu erhöhen – ein Prozess, der in erster Linie multidisziplinär erfolgen sollte. Das gilt v. a. dann, wenn Technik nicht auf technische Sachsysteme („Artefakte“) reduziert, sondern als soziotechnisches und kulturelles Phänomen thematisiert wird.

1     Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft: 1999 revised

Die Vorträge des ersten Tages nahmen nicht nur im Titel einen direkten Bezug auf die erste Tagung, auch die Referenten hatten mehrheitlich schon zum damaligen Workshop beigetragen. Direkt im Anschluss an die Grußworte der Veranstalter wies Ladislav Tondl, der ehemalige Direktor des gastgebenden Prager Instituts, in seinem Vortrag auf die Risiken und Gefahren der Wissensgesellschaft hin. Am Beispiel der EHEC-Infektion erklärte er die negativen Auswirkungen fehlenden Wissens. Die positiven Auswirkungen einer breiten Informationsbasis zeigten sich dagegen in Nordafrika, wo gut informierte Bürger gegen ihre Regime demonstrierten. Er stellte aber die Frage, ob alle Nutzer von Wissen sich verantwortungsvoll genug für seine Anwendung zeigten.

Den wissenschaftlichen Zukünften und dem Zukunftswissen war der anschließende Vortrag von Armin Grunwald (Karlsruhe) gewidmet, wobei er den Plural, der im Zusammenhang mit „der Zukunft“ zunächst fehl am Platze erscheint, ganz bewusst einsetzte. Die Probleme bei der Erstellung sowie die Notwendigkeit von wissenschaftlichen Zukünften und eine mögliche Lösung durch die „Dekonstruktion“ der normativen Gehalte von Zukunftswissen wurden ausführlich thematisiert und diskutiert. Dabei wies Grunwald auf wissenschaftliche Zukunftsaussagen als „wenn-dann“-Strukturen hin, also wissenschaftliche Aussagen, die auch dann wahr blieben, wenn ein vorhergesagtes Ereignis nicht eintrete.

Den Zusammenhang zwischen Internet, Demokratie und Öffentlichkeit anhand des Konzeptes transnationaler Öffentlichkeit, an der sich alle Individuen und Gruppen weltweit beteiligen können, stellte anschließend Rainer Winter (Klagenfurt) her. Einigkeit bestand darüber, dass neben den vorhandenen Potenzialen und positiven „demokratieaffinen“ Aspekten auch der Umgang mit offensichtlich negativen Aktivitäten im Netz stärker ins Blickfeld rücken müsse.

Aufbauend auf den Einführungsvorträgen diskutierten die Teilnehmer am zweiten Tag aktuelle Probleme an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Die Themen reichten von Transformationsprozessen der Wissenschaftslandschaft in der Tschechischen Republik (Adolf Filáček) über Wertvorstellungen als Aspekt der Wissensgesellschaft in der Slowakei (Pavel Fobel, Daniela Fobelová) bis hin zur Bedeutung der Grundlagenforschung. So stelle nach Vitaly Gorokhov (Karlsruhe) eine kurzsichtige und allein ergebnisorientierte Förderung die Existenz „wissenschaftlicher Schulen“ in Frage, deren Wichtigkeit gerade bei der Weitergabe von im Augenblick nicht anwendbarem Wissen nicht zu unterschätzen sei.

2     Das Menschenbild zwischen e-Identity und (Ge-)Wissensgesellschaft

Andrzej Kiepas (Katowice) wies in der Vormittagssession darauf hin, dass die Modernisierung im Zuge der Entwicklung hin zur Informationsgesellschaft einen reflexiven Charakter annehme. Durch Reflexion würden hierbei Bereiche erfasst, die früher relativ unabhängig davon waren, wie beispielsweise die Körperlichkeit des Menschen – ein Thema, das in einer der beiden parallelen Sessions des Nachmittags wieder aufgenommen wurde. Darin ging es um das „Menschenbild“ in der Wissensgesellschaft oder e-Society, die Gerhard Zecha (Salzburg) in den Mittelpunkt seines Vortrags stellte. Es ging aber auch um die Bedingungen, die Identität und Abgrenzung des Menschen in einer virtualisierten Welt bis hin zur Schaffung neuer Identitäten und künstlicher Wesen aus deren Ingredienzien. Diese virtuellen Welten wurden in weiteren Vorträgen anhand von Beispielen in Literatur, Film und Philosophie dargestellt. Mariola Sulkowska-Janowska (Katowice) brachte uns den „Homo Netus“ nahe, den Cyborg, der sich von „Fleisch“ befreit dazu aufschwinge, Gott nahe zu kommen. Thema ihres Vortrages war auch die Ästhetik der Cyber-Punk-Bewegung. In der Diskussion wurde nachgefragt, inwieweit man bei so viel „Fleischlosigkeit“ überhaupt noch von Ästhetik reden könne.

Andreas Böhn (Karlsruhe) stellte anhand von Philip Kerrs „The Gridiron“ und Frank Schätzings „Der Schwarm“ zwei literarische Dystopien der Gegenwart vor. Aus der Welt des Films wurde der Film Avatar vorgestellt. Hier wurden Zweifel daran angemeldet, dass ein Bezug der in den Büchern und Filmen ausgebreiteten Utopien und Dystopien zu realen Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung hergestellt werden könne. Einen konkreten Bezug zum Tagungsort stellte der Vortrag von Wendy Drozenová und Peter Machleidt (Prag) her, in dem es um Karel Čapeks Drama R.U.R. und den Mensch-Roboter-Vergleich ging. Der letzte Vortrag von Magdalena Wolek (Katowice) über die Identität des Menschen in den Neuen Medien spannte den Bogen wieder zurück zur philosophischen Betrachtungsweise.

Ausgangspunkt der zweiten Session war die digitale Identität und die Frage nach einer anderen Dimension von Sicherheit. Neben den kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten der Informationssicherheit (Anja Hartmann, Bonn) wurden mögliche Folgen der zunehmenden Entwicklung „intelligenter Umgebungen“ aufgezeigt (Stephan Lingner, Bad Neuenahr-Ahrweiler). Die zunehmende Technisierung der Umwelt führt in diesem Zusammenhang zu Einschränkungen der menschlichen Selbstsicherheit und Selbstbestimmung. Weiterhin wurden in der zweiten Session der Wandel der Partizipation und eine moderne Gewissensgesellschaft thematisiert. Die veränderten Anforderungen an die Qualität politischer Entscheidungsprozesse und den sichtbaren Wunsch nach veränderter Partizipation am Beispiel von Stuttgart 21 und Wikileaks erläuterte Klaus Kornwachs (Cottbus). Perspektiven einer Partizipationskultur standen im Mittelpunkt des Vortrags von Tadeusz Miczka, Urszula Żydek-Bednarczuk und Bogdan Zeler (Katowice). Abschließend plädierte Krzysztof Michalski (Rzeszów) für einen globalen Verzicht auf die Förderung der Wissensgesellschaft zugunsten der Förderung einer Gewissensgesellschaft.

3     Perspektiven der Wissensgesellschaft – von Habermas bis UniClass

Die erste Session am letzten Veranstaltungstag hatte das Thema Bildung und Beruf in der Wissensgesellschaft insbesondere die Lebenswegplanung von Jugendlichen im Fokus. Bernd Meier (Potsdam) wies darauf hin, dass der schnelle Wechsel von Berufstätigkeiten und Entkopplung von Berufsausbildung und Qualifikationsanforderungen zu einer „Entberuflichung“ der Erwerbsarbeit geführt habe. In einem weiteren Vortrag berichtete Björn Egbert (Potsdam) über das Projekt UniClass, das die Empfehlungen der EU zur Förderung unternehmerischen Denkens und Handelns im Bildungssystem aufgreift. Einen Bezug zur Wirtschaft stellte auch Karel Mráček (Prag) in seinem Vortrag zu strategischen Ansätzen und Optimierungskriterien der FuE-Förderung in der EU und insbesondere der Tschechischen Republik her. Andreas Metzner-Szigeth (Münster) gab in seinem Vortrag einen Einblick in den Forschungsalltag und stellte seine Untersuchungen im status nascendi zum Verhältnis zweier wissenschaftlicher Communities vor, wobei es insbesondere darum geht, festzustellen, inwieweit sich beide voneinander abgrenzen oder sich gegenseitig befruchten.

Als Einstieg in die parallel laufende Session thematisierte Annely Rothkegel (Saarbrücken) die gemeinschaftsbildende Funktion von Kommunikationskulturen und stellte drei Ebenen der Wissensvermittlung dar. Im Anschluss nutzte Martin Endreß (Trier) die Studie von Jürgen Habermas über den Strukturwandel der Öffentlichkeit, um daran die Grundzüge eines neuen Strukturwandels in der Gesellschaft aufzuzeigen. Dabei warf er die Frage auf, welche Reichweite und welche Grenzen Habermas‘ klassische Öffentlichkeitstheorie für die Analyse aktueller Strukturveränderungen habe. Im Zentrum von Olga Röschs (Wildau) Vortrag stand die Betrachtungsweise der Wissensgesellschaft aus Sicht der Kulturwissenschaft. Für die produktive Zusammenarbeit zwischen Technikern und Naturwissenschaftlern einerseits sowie Geisteswissenschaftlern andererseits betonte sie die Notwendigkeit eines Wandels von der Wissens- zur Bildungsgesellschaft.

Die Zusammenstellung macht die ungeheure Vielfalt der Themen deutlich, die auf dieser Konferenz angeschnitten wurden. Es ist dies sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass sich das CultMedia-Netzwerk aus Mitgliedern der unterschiedlichsten Fachrichtungen aus mehreren Nationen zusammensetzt. Die Konferenz ermöglichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, ihre Überlegungen und Erfahrungen zum Wandel von Informations- zur Wissensgesellschaft auf internationalem Niveau zu präsentieren und zu diskutieren, wobei gerade aufgrund der heterogenen Teilnehmerzusammensetzung manche hochfliegenden Gedankengänge auf eine gewisse Art „geerdet“ wurden. Die Konferenz trug wesentlich zur weiteren Entwicklung der internationalen wissenschaftlichen Kontakte bei. Die Themen und Ergebnisse der Konferenz wurden von den jeweiligen Leitern der Veranstalter Armin Grunwald (Karlsruhe) und Adolf Filáček (Prag) zusammengefasst. Darüber hinaus skizzierte Andrzej Kiepas (Katowice), der designierte Leiter des CultMedia-Netzwerkes, die weiteren Entwicklungen und Perspektiven des Netzwerks.

4     Auf Wiedersehen und „Na shledanou Herr Banse!“

Der Abschluss der Veranstaltung wurde der Verabschiedung von Gerhard Banse gewidmet. Das Sonderprogramm, begleitet durch eine musikalische Einlage des M. Nostitz Quartet, stellte die persönliche Zusammenarbeit mit seinen Mitstreitern, Kollegen, Doktoranden und Freunden in den Vordergrund. Auf unterschiedliche Art und Weise – als Gitarrenvortrag, Bildergeschichte, Laudatio, in der Entwicklung eines Roboters „e-Banse“, als Danksagung und Präsentation – wurden die Erinnerungen und Erfahrungen seines wissenschaftlichen Weges wachgerufen. Diese sehr persönliche Verabschiedung lieferte den Beweis dafür, dass CultMedia nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein menschliches Netzwerk ist.