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Konferenz: Problemstrukturierung in der inter- und transdisziplinären Forschung (Zürich, 27. - 28. November 2008)

Konferenz: Problemstrukturierung in der inter- und transdisziplinären Forschung (Zürich, 27. - 28. November 2008)
Autor:

M. Rossini

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Quelle:

Nr. 1, 18. Jahrgang, S.117-119

Datum: Mai 2009

Tagungsberichte

Was ist das Problem? Problemstrukturierung in der inter- und transdisziplinären Forschung

Bericht von der „Transdisciplinarity Conference 2008“
Zürich, 27. - 28. November 2008

Von Manuela Rossini, td-net for Transdisciplinary Research

Die Förderung der Exzellenz in der inter- und transdisziplinären Forschung und Lehre ist ein zentrales Anliegen des „td-net for Trandisciplinary Research“, einem Forum der Akademien der Wissenschaften Schweiz in Bern. Da es bisher an einer schweizweiten und europäischen Plattform für den regelmäßigen Wissensund Erfahrungsaustausch zwischen transdisziplinär Forschenden aus unterschiedlichen Themengebieten mangelte, wird das td-net in den kommenden Jahren mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz und jeweils in Zusammenarbeit mit einer Schweizer Hochschule eine Reihe internationaler Tagungen durchführen.[1] Neben der nationalen und internationalen Vernetzung soll die inter- und transdisziplinäre Forschung und Lehre insbesondere in methodologischer Hinsicht konsolidiert, gestärkt und um innovative Zugänge erweitert werden. Die Tagungen sollen als Kristallisationspunkt auf europäischer Ebene und darüber hinaus dienen.

1     „Alpha et Omega“ erfolgreicher Inter- und Transdisziplinarität

Der Auftakt wurde mit der Transdisciplinarity Conference 2008 gemacht, welche vom 27. bis 28. November 2008 mit dem Collegium Helveticum an der ETH/Universität Zürich organisiert wurde. Unter dem Titel „Problem Framing“ in Inter- and Transdisciplinary Research“ standen theoretische, praktische wie auch institutionelle Fragen während der ersten Phase des kollaborativen Forschungsprozesses im Vordergrund: Zu Beginn eines Projekts muss das Problemfeld unter Einbezug der unterschiedlichen Disziplinen und gesellschaftlichen Akteure identifiziert und strukturiert werden, um eine am Gemeinwohl orientierte Veränderung von gesellschaftlich relevanten Problemlagen zu erreichen. In diesem komplexen Prozess geht es sowohl um ein besseres Verständnis darüber, wie ein Problem entstanden ist (Systemwissen), um die mit dem Problem verbundenen Ziele, Normen und Wertvorstellungen (Zielwissen) sowie um die kollektive Erarbeitung von Verbesserungs- und Lösungsvorschlägen (Transformationswissen). Und nicht zuletzt geht es um die Beziehungen zwischen diesen drei Wissensformen.[2] Die Teilnehmenden wurden deshalb auch ermutigt, ihre theoretischen Überlegungen zum „Problem Framing“ anhand konkreter Fallbeispiele zu illustrieren und in Relation zu System-, Ziel- und Transformationswissen zu setzen.

Das „Problem Framing“ spielt in der inter- und transdisziplinären Forschung eine zentrale und entscheidende Rolle, da während dieser Phase der Problembestimmung und -formulierung die Weichen für die weitere Analyse und Bearbeitung des Problems gestellt werden, d.h. also schon früh festgelegt wird, wie ein Problem durch Früherkennungsstrategien aufgefangen werden könnte, was geforscht und welche Lösungen überhaupt ins Auge gefasst werden sollen. So bezeichnete Gertrude Hirsch Hadorn, Präsidentin des td-net, in ihrer kurzen Rede zu Tagungsbeginn das „Problem Framing“ auch als „Alpha et Omega“ erfolgreicher Inter-und Transdisziplinarität. Die Konferenz müsse allerdings zeigen, so betonte sie, ob ein gemeinsamer methodischer Bezugspunkt schon genügt, damit Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen und Problembereichen voneinander lernen können. Die Veranstaltung hatte somit auch einen experimentellen Charakter. Im Verlaufe der beiden Konferenztage wurde aber klar, dass sich dieses Experiment gelohnt hat: Auch wenn nicht alle Teilnehmenden ihre Beiträge auf das „Problem Framing“ zugeschnitten hatten und sich die gleichzeitige Orientierung an den drei Wissenstypen als zu viel des Guten erwies, so wurde dennoch klar, dass durch ein methodologisches Querschnittsthema das gegenseitige Lernen über Problembereiche hinweg große Aussichten auf nachhaltigen Erfolg hat. Dies wurde vor allem auch in den Plenarvorträgen der in- und ausländischen RednerInnen bestätigt.

2     Denkanstöße – Theorie und Praxis

Den Eröffnungsvortrag zum Thema allgemein hielt Brian Wynne (CESAGen – Centre for Economic and Social Aspects of Genomics, University Lancaster). Mit seinem Beitrag „Why ‘Problem Framing’ is a Problem“ wollte Wynne vor allem zu einem höheren Grad an Reflexivität und einer daraus resultierenden Flexibilität des Forschungsprozesses anregen: Forschende seien sich oft der sie leitenden Annahmen bei der Problemdefinition und -strukturierung nicht oder zu wenig bewusst. Selten würde (selbst-)kritisch darüber nachgedacht, dass in einer bestimmten Art des wissenschaftlichen und relativ unflexiblen „Problem Framing“ bereits das Problem liegt: Was Forschende als ein Problem identifizieren – „Risiko“ ist ein gutes Beispiel – sei meistens nicht das Problem der Betroffenen; d. h. für die gesellschaftliche, nicht akademische Öffentlichkeit stellen sich oft ganz andere Fragen als für die Wissenschaften. Wynne plädierte deshalb für ein ständiges „Reframing“, gerade auch in der inter- und transdisziplinären Forschung und Lehre, bei dem Kritik von „außen“ aufgenommen wird, um die selbstverständlich gewordenen Prämissen zu überdenken und die Forschung dementsprechend anders zu gestalten.

Die vier weiteren Plenarvorträge wurden durch renommierte ForscherInnen zum „Problem Framing“ in je einem der Schwerpunktbereiche der Tagung gehalten: „Gesundheit“ durch Marcel Tanner (Schweizer Tropeninstitut, Basel), „Soziale Integration“ durch Pasqualina Perrig-Chiello (Institut für Psychologie, Bern), „Landnutzung“ durch Bernard Hubert (Institut National de Recherche Agronomique, Paris) und „Kultureller Wandel“ durch Sally Jane Norman (Culture Lab, Universität Newcastle). Pasqualina Perrig-Chiello konzentrierte sich in ihrem Vortrag „Social Integration – A Matter of Age and Gender“ auf eine der Hauptherausforderungen beim „Problem Framing“, nämlich auf die Integration verschiedener Perspektiven und die Partizipation von Personen aus unterschiedlichen sozialen „Systemen“ (Familie, Gemeinde, Pflegepersonal) bei gesellschaftlichen Einschlussverfahren. Dabei kritisierte sie vor allem die unzureichende Berücksichtigung der Analysekategorien „Alter“ und „Geschlecht“.

In seiner Präsentation innovativer „Approaches in „Problem Framing“ in Health Research Development“ zeigte Marcel Tanner eindrücklich den Mehrwert transdisziplinärer Zugänge in den von ihm geleiteten Projekten: Die Kombination von epidemiologischen, soziokulturellen und umweltwissenschaftlichen Konzepten und Perspektiven ermöglichte eine Inwertsetzung, die in gesellschaftlich breit akzeptierte, geeignete, bezahlbare und vor allem nachhaltige Aktivitäten im Gesundheitswesen übersetzt werden konnte. Auch Bernard Hubert ging es in seinem Beitrag „Learning and Knowing for Change: The Role of Intermediate Concepts in Land Use Research“ um die Veränderung konventioneller Sichtweisen und Praktiken mittels kollektiver Forschungsprojekte mit heterogen zusammengesetzten Stakeholdergruppen. Sein Fallbeispiel waren die ökologischen Restaurationsarbeiten im Lac de Grand-Lieu, im Verlaufe derer die verschiedenen Akteure sogenannte „intermediary concepts“ entwickelten, welche die kollektive Gestaltung der Prozesse vereinfachten und zu neuen Einsichten und Ergebnissen führten, die ohne eine transdisziplinäre Zusammenarbeit nicht zustande gekommen wären.

In ihrem Vortrag mit dem doppeldeutigen Titel „Cultural Change: The Art of Shifting Goal Post“ brachte Sally Jane Norman überzeugend und engagiert bisher in der von den Natur- und Technikwissenschaften dominierten inter- und transdisziplinären Forschung und Lehre noch wenig integrierte WissensproduzentInnen ins Spiel, nämlich KünstlerInnen und DesignerInnen als gleichberechtigte AkteurInnen bei der gesellschaftlich, politisch und ethisch verantwortlichen Erfindung und Gestaltung von digitalen Technologien sowie dem Umgang mit diesen.

3     Ausgezeichnete Forschung

Im Rahmen der Veranstaltung wurde am Abend des ersten Konferenztages erstmals der „swissacademies award for transdisciplinary research“ durch das td-net vergeben. Der mit 75.000 Franken höchstdotierte Forschungspreis der Akademien der Wissenschaften Schweiz, der ebenfalls durch die Stiftung Mercator Schweiz zur Verfügung gestellt wird, wird alle zwei Jahre verliehen. Der diesjährige Sieger ist das Forschungsprojekt „Novaquatis: A New Approach to Urban Water Management“. Das Projekt unter der Leitung von Tove Larsen und Judit Lienert an der Eawag, dem Wasserforschungs-Institut des ETH-Bereichs, verfolgt mit der NoMix-Technologie zur Urinbehandlung einen innovativen systemischen Zugang im Gewässerschutz und setzt einen neuen Standard für haushaltsorientierte Technologien. Wie uns die Projektleiterinnen mitteilten, wurde besonders viel Zeit in das „Problem Framing“ investiert. Dass sich dieser Aufwand also lohnt, zeigt nicht nur der Preis, sondern wurde auch in den Beiträgen der Teilnehmenden der Konferenz bestätigt.

Die in den Plenarvorträgen behandelten Forschungsbereiche sowie thematisch offene Felder wurden auch in einzelnen Präsentationen sowie in drei interaktiven Workshops diskutiert, wobei jeweils eine gute Mischung von theoretischen und praktischen Überlegungen beobachtet werden konnte: Das an der ETH Zürich angesiedelte „International Transdisciplinary Net on Case Studies for Sustainable Development“ diskutierte Kernfragen des „Problem Framing“ anhand konkreter Projekterfahrungen; eine Literaturwissenschaftlerin und ein Psychosomatiker involvierten die Teilnehmenden in die Diskussion um den Mehrwert des Einbezugs von Narrativen in die medizinische Ausbildung und informierten kurz über das gemeinsame Projekt, ein entsprechendes Programm an der Universität Basel zu etablieren. Und in einem dritten Workshop zeigten zwei Doktoranden des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe mittels des von ihnen erfundenen „Planspiels TA“, wie „Problem Framing“ als Verbindungsbrücke zwischen Lehre und Forschung dienen kann.

Zum Abschluss der Tagung moderierte der Gastgeber und Leiter des Collegium Helveticum, Gerd Folkers, eine Podiumsdiskussion, bei der die mehrheitlich aus dem Kreis der HauptreferentInnen ausgewählten Teilnehmenden zu den durch den Moderator identifizierten Tabuthemen der inter- und transdisziplinären Forschung und Lehre befragt wurden: Mangel an Karrieremöglichkeiten, Evaluation und Qualitätskontrolle, Umgang mit durch neues Wissen entstandenes Nicht-Wissen, Interaktion von Kunst und Wissenschaft. Auch diese Schlussveranstaltung sprach dafür, sich in der nächsten Transdisciplinarity Conference intensiver mit Methoden, soziokulturellen Werten und institutionellen Faktoren, welche die integrative Forschung fördern oder behindern, auseinanderzusetzen und vergleichend zu diskutieren.

Rückblickend kann gesagt werden, dass das Thema „Problem Framing“ für die erste Tagung des td-net eine gute Wahl war. Mit etwa 100 Teilnehmenden aus Europa (mehrheitlich aus dem deutschsprachigen Raum) sowie Gästen aus den USA, Kuba, Südafrika, Neuseeland und Indien entsprach die Transdisciplinarity Conference 2008 sicherlich einem Bedürfnis nach Austausch der nationalen und internationalen Forschungsgemeinschaft. Das Treffen war nicht zuletzt auch ein schöner Erfolg im Hinblick auf das Ziel der kontinuierlichen und langfristigen Vernetzung und Stärkung der inter- und transdisziplinären Forschung und Lehre.[3]

Anmerkungen

[1]  Die Transdisciplinarity Conference 2009 (19. - 10. November) wird dem Thema „Integration“ gewidmet sein. Die Tagung wird gemeinsam mit dem Geographischen Institut der Universität Bern gestaltet werden.

[2]  Näheres zu den Beziehungen der drei Wissensformen findet sich bei Pohl, Chr.; Hirsch Hadorn, G., 2006: Gestaltungsprinzipien für die transdisziplinäre Forschung. München und bei Hirsch Hadorn, G. et al. (Hg.), 2008: Handbook of Transdisciplinary Research. Berlin.

[3]  Das Programmheft, die Dokumente zur Preisverleihung, eine Bibliographie wichtiger Literatur sowie viele weitere nützliche Informationen sind auf der Homepage des td-net zugänglich, wo man sich auch in die Mailing-Liste einschreiben kann: http://www.transdisciplinarity.ch.