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Allererste Eindrücke zur NTA2-Konferenz

Allererste Eindrücke zur NTA2-Konferenz
Autor:

A. Grunwald

Link:
Quelle:

Nr. 3, 15. Jahrgang, S. 132-134

Datum: Dezember 2006

Netzwerk TA

Allererste Eindrücke zur NTA2-Konferenz

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von Armin Grunwald, ITAS

Vom 22. bis 24. November 2006 fand in Berlin die NTA2, die zweite Konferenz des Netzwerks TA statt. Unter dem Titel „Technology Assessment in der Weltgesellschaft“ trafen sich in der Neuen Mälzerei des Umweltforums in Friedrichshain etwa 140 Wissenschaftler und Praktiker aus der Technikfolgenabschätzung (TA) und verwandten Bereichen. Noch ganz unter dem Eindruck der Konferenz entstanden, kann dieser kurze Bericht keine fundierte Analyse sein. Dazu ist die Distanz noch zu gering. Es geht stattdessen darum, einige „frische“ und sicher sehr subjektive Eindrücke zu formulieren.

Die Konferenz war in vollem und bestem Sinne eine Konferenz des Netzwerks TA. Bereits in den Phasen der Themenfindung, der Vorbereitung und der Finanzierung hatte sich dies gezeigt. Neben der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung haben sich an der Konferenz beteiligt: das Institut für Technikfolgenabschätzung in Wien, die TA-Swiss, das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld, die FernUniversität Hagen, das Zentrum für interdisziplinäre Technikforschung der TU Darmstadt, das Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin sowie das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe. Die produktive Kraft des Netzwerkgedankens erwies sich auch in den Arbeitsgruppentreffen, die vor Beginn der eigentlichen Konferenz stattfanden. Den durchweg gut besuchten Arbeitsgruppen „TA und Governance“, „Nutzpflanzen“ und „IuK“ (letztere befasst sich mit dem Aufbau einer Netzwerkinfrastruktur durch Methoden der eScience) wird sich in Zukunft eine AG „TA und Wirtschaft“ zur Seite gesellen.

Passend zum Thema der „Weltgesellschaft“ wurde die Konferenz mit einem öffentlichen Abendvortrag von Klaus Töpfer, dem langjährigen Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, eröffnet. Er stellte die Rolle von Technik bei globalen Umweltveränderungen in den Mittelpunkt. Angesichts aktueller Entwicklungen, vor allem in China, wies er eindringlich auf die Verantwortung der (klassischen) Industrieländer hin. Es müsse darum gehen, durch Vorreiterfunktionen in Bezug auf die CO2-Reduktion und durch innovative Technologie Modelle zu entwickeln, die von Schwellen- und Entwicklungsländern übernommen werden könnten. Mehrmals betonte er die Bedeutung der TA - z. B. im Hinblick auf systemische Technikfolgeneffekte. Klaus Töpfer verhehlte nicht seine Zweifel daran, dass die globalen Umweltprobleme durch technische Effizienzsteigerung gelöst werden könnten, und betonte demgegenüber die Notwendigkeit, auch das Konsumverhalten und die Doktrin des quantitativen Wachstums in Frage zu stellen.

Von der Seite der parlamentarischen TA näherte sich Ulla Burchardt, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, dem Thema der Weltgesellschaft. Nach einer Vorstellung des TA-Modells des Deutschen Bundestages, welche sich im Büro für Technikfolgenabschätzung und seiner Kopplung an den Forschungsausschuss realisiert, fragte sie nach der demokratischen Legitimation von Governance-Prozessen auf der europäischen und der globalen Ebene. Als wesentliche Aufgabe von TA in der Weltgesellschaft bezeichnete sie die Arbeit an der Überwindung der digitalen Spaltung, um einen gerechten Zugang zu Wissen global zu ermöglichen.

Am Beispiel der Siemens-Forschung stellte Dietmar Theis (Siemens AG) dar, wie weitgehend Technikentwicklung bereits globalisiert stattfindet. Dabei wies er auch auf die Schwierigkeiten in praktischer Hinsicht hin, die dabei z. B. aufgrund kultureller Verschiedenheiten auftreten können. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der strategischen Befassung mit Zukunft im Konzern durch die unternehmensinternen Abstimmungsprozesse „Pictures of the Future“ und „Horizons2020“, wodurch sich auch Parallelen zur TA ergaben.

Das Thema „Technology Assessment in der Weltgesellschaft“ wurde in den fachlichen Sektionen auf ganz verschiedene Weise und in sehr unterschiedlichen Fallbeispielen erörtert. In drei parallelen Sektionen zu den Themen „Globale Technik“, „Globale Politik“ und „TA in der globalen Welt“ wurden rund 30 Vorträge gehalten und diskutiert. Das breite Themenspektrum dieser Vorträge wurde oft in den Pausengesprächen thematisiert und zum großen Teil in anerkennender Weise als Bereicherung empfunden. Gelegentlich wurde jedoch auch die Frage aufgeworfen, ob nicht mit dieser Breite eine analytische Undeutlichkeit in Bezug auf die zentralen Konzepte der Konferenz, nämlich „TA“ und „Weltgesellschaft“ verbunden sei. Ohne Zweifel war es stimulierend und ermöglichte eine Fülle neuer Einsichten, wenn, um nur wenige Beispiele zu nennen, die Weltgesellschaft in Regimes der Gepäckverteilung an Flughäfen und im dortigen Umgang mit Pannen gefunden wurde, wenn der Fall des koreanischen Stammzellforschers und Fälschers Hwang vor dem Hintergrund einer Ethisierung der Folgendebatte interpretiert wurde, oder wenn die Überwindung der globalen digitalen Spaltung auf lokaler Ebene konzeptualisiert wurde. In dieser thematischen (und teils auch methodischen) Verschiedenheit das Gemeinsame und das mit TA Verbindende herauszuarbeiten und auf diese Weise auch den „Kern“ der TA zu profilieren, bleibt sicher eine Aufgabe weiterer Arbeit.

Zum Format bereits der NTA1-Konferenz im Jahr 2004 gehörte eine dem wissenschaftlichen TA-Nachwuchs gewidmete Postersession mit mündlicher Kurzpräsentation. Bei der NTA2 wurden nunmehr insgesamt 24 (!) Arbeiten aus Forschung und Praxis präsentiert. Das Modell der Kurzpräsentation vor dem Plenum erwies sich wieder als exzellentes Verfahren, das Interesse der Teilnehmer gezielt auf bestimmte Poster zu lenken und die Postersession entgegen den Üblichkeiten auf vielen Konferenzen deutlich aufzuwerten.

Eine kleine und lockere Gesprächsrunde mit Podium war am Ende der Tagung den „Beobachtungen“ gewidmet, die während der Konferenz gemacht worden waren. Nicht verwunderlich, wurde die bereits genannte Themenvielfalt der Konferenz thematisiert - vorwiegend wiederum positiv, aber auch mit einem Fragezeichen, ob nicht das TA-Spezifische und Verbindende nicht teils hätte besser herausgearbeitet werden sollen. Es wurde auch die Meinung geäußert, dass mit NTA1 und NTA2 sowie dem Netzwerk eine eigene TA-Community, die in der Lage ist, eine „Heimat“ zu bilden, gerade erst im Entstehen sei.

Zum Abschluss der Konferenz gehörte natürlich auch die Frage nach dem weiteren Weg des Netzwerks. Neben den klaren Argumenten für eine Internationalisierung wurde auch der Eigenwert einer vorwiegend deutschsprachigen Plattform betont. Eine weitere Ausdehnung der Arbeitsgruppentätigkeit wurde als wünschenswert bezeichnet, ebenso wie eine (noch) stärker interaktive Veranstaltungsform bei der nächsten NTA. Vielleicht sei es möglich, über pointierte Statements und Beziehung durchaus kritischer Positionen sowohl die interne Diskussion weiter zu beleben als auch die Öffentlichkeit zu erreichen.

Genau zwei Jahre nach Netzwerkgründung und der NTA1 erwies sich die Konferenz insgesamt als ein weiterer (und großer!) Schritt auf dem Weg zu einer stabilen TA-Community. Nach diesen beiden Konferenzen und einer Menge von Aktivitäten im Netzwerk in diesem Zeitraum darf davon gesprochen werden, dass das Label „TA“ in der Lage ist, eine „Heimat“ und ein Dach zu bieten für eine Vielzahl von Forschungs- und Beratungsaktivitäten an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass es für viele jüngere Wissenschaftler attraktiv ist, ihre Thesen auf einer TA-Konferenz wie dieser vorzustellen und zu diskutieren. Nachwuchsmangel scheint also kein Thema zu sein und wenn ich versuche, das Durchschnittsalter der Konferenzteilnehmer zu schätzen, kann fast von einem Generationswechsel gesprochen werden.

Diese Zeilen sind entstanden auf der Heimfahrt direkt nach Ende der Konferenz. Der Zustand des Autors schwankte dabei zwischen Müdigkeit und Beschwingtheit. Nach der NTA2 ist vor der NTA3.

 

Das Netzwerk TA

Das „Netzwerk TA“ ist ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Experten und Praktikern im breit verstandenen Themenfeld TA. Dieser Kreis setzt sich zusammen aus den (teils überlappenden) Bereichen Technikfolgenabschätzung, Praktische Ethik, Systemanalyse, Risikoforschung, Technikgestaltung für nachhaltige Entwicklung, Innovations-, Institutionen- und Technikanalyse, Innovations- und Zukunftsforschung und den dabei involvierten wissenschaftlichen Disziplinen aus Natur-, Technik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, den Politik- und Rechtswissenschaften sowie der Philosophie.

Die Mitglieder des Netzwerks vertreten die verschiedenen Ausprägungen der TA und decken das weite Spekt-rum zwischen Theorie und Praxis, zwischen Forschung und Beratung sowie zwischen den verschiedenen wissen-schaftlichen Disziplinen ab. Sie verstehen die dadurch entstehende Vielfalt als Chance, themenbezogen Kompe-tenzen und Erfahrungen zu bündeln und auf diese Weise zu einer optimalen Nutzung der Ressourcen beizutragen (http://www.netzwerk-ta.net).