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Technikfolgenabschätzung im Abseits? Zur Schließung der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg

Technikfolgenabschätzung im Abseits? Zur Schließung der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg
Autor: G. Fuchs Link:
Quelle: Nr. 2, 12. Jahrgang, S. 83-90
Datum: Juni 2003

TA-Institutionen und TA-Programme

Technikfolgenabschätzung im Abseits? Zur Schließung der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg

von Gerhard Fuchs, Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart

Am 18. November 2002 beschloss die Landesregierung von Baden-Württemberg im Verlauf der Beratungen zur Haushaltskonsolidierung, die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (TA-Akademie) zu schließen. Diese Entscheidung kam überraschend: Anlässlich der 10-Jahres-Feier der TA-Akademie im Frühsommer 2002 hatten der zuständige Wissenschaftsminister und andere hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft die Bedeutung der TA-Akademie für das Land hervorgehoben. Der Artikel skizziert kurz die Geschichte der Akademie, ihre wesentlichen Errungenschaften, geht Gründen für die Schließung nach und diskutiert Konsequenzen für die TA-Landschaft.

1     Einleitung

Der baden-württembergische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Frankenberg, konstatierte im April 2002: "Um die Risiken moderner Technik einschätzbar zu machen und ihre Chancen konsequent nutzen zu können, benötigen wir einen breiten und gut organisierten öffentlichen Diskurs über Technikfolgen. Zu diesem Diskurs leistet die Akademie für Technikfolgenabschätzung wertvolle Beiträge, mit denen sie sich national und international einen Namen gemacht hat". [1] Diese Einschätzung beruht nicht zuletzt auf einer vom Deutschen Wissenschaftsrat durchgeführten Evaluation der TA-Akademie und wurde durch Hunderte von Solidaritätsbriefen aus aller Welt eindrucksvoll untermauert (vgl. http://www.ta-akademie.de), die nach der Schließungsentscheidung bei der Akademie, dem Minister bzw. dem Ministerpräsidenten eingingen. Die unbestrittene fachliche Wertschätzung der TA-Akademie hat sie allerdings nicht davor bewahrt, Opfer der Haushaltskonsolidierung zu werden.

Vorliegender Beitrag möchte eine kurze Bilanz ziehen, den Gründen für die überraschende Schließung der TA-Einrichtung nachgehen, den Blick aber auch in die Zukunft richten. Die folgenden Ausführungen stammen von einem "Betroffenen", einem Mitarbeiter der TA-Akademie, der seit 1994 dort beschäftigt ist. Es ist eine notwendigerweise subjektiv gefärbte Betrachtung, geprägt von den Erfahrungen insbesondere auch des Bereichs 4 "Technik, Organisation, Arbeit", in dem der Autor arbeitet. Der Beitrag erhebt nicht den Anspruch, eine objektive oder offizielle Geschichte der TA-Akademie präsentieren zu wollen, sondern versteht sich eher als Beitrag zur Diskussion um Vergangenheit und Zukunft der Technikfolgenabschätzung.

2     Auftrag und Selbstverständnis der TA-Akademie

Die Vorgeschichte der TA-Akademie ist im Kontext der allgemeinen Diskussion um Technikfolgenabschätzung in der Bundesrepublik zu sehen. Dies gilt insbesondere für den satzungsmäßig abgesicherten Auftrag, Technikfolgen zu erforschen und diese Folgen zu bewerten. Der Bezug zur allgemeinen politischen Diskussion um die Institutionalisierung von TA wurde nicht zuletzt durch Personen gewährleistet. An erster Stelle ist hier sicherlich Professor Josef Bugl zu nennen, der bereits die erste Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Technikfolgenabschätzung leitete, an den Diskussionen zur Gründung der TA-Akademie intensiv beteiligt war und dann (als Vertreter des Landesverbands der baden-württembergischen Industrie/LVI) zum Kuratoriumsvorsitzenden gewählt wurde.

Es gab aber auch spezifisch baden-württembergische Schwerpunktsetzungen. So wurde die Notwendigkeit gesehen, eine starke Anwendungsorientierung zu garantieren, die Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen in die Akademiearbeit sicherzustellen, den Bezug zu den besonderen Problemen des Wirtschaftsstandortes zu gewährleisten und insbesondere die diskursive Komponente der TA stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Letzteres wurde explizit in der Satzung niederlegt, die postuliert, dass die Akademie den gesellschaftlichen Diskurs über TA zu initiieren und zu koordinieren habe. Bereits im Vorfeld der Gründung der TA-Akademie wurde damit sehr deutlich gemacht, dass die Stiftung zwar wissenschaftliche Zwecke verfolgt, es sich bei ihr aber nicht um eine rein forschende Einrichtung handeln solle, die wissenschaftliche Ziele um ihrer selbst willen verfolgt. Das Wissen der Experten aus Wissenschaft und Forschung sollte ergänzt werden um das Wissen von Laien und Praktikern. Deren Vorstellungen sollten in die angedachten Prozesse der Technikfolgenabschätzung und -bewertung mit einbezogen werden. Schließlich wurde die TA-Akademie als eine unabhängige Institution in der Form einer Stiftung konzipiert, die nicht lediglich Beratungsorgan einer Institution wie Parlament oder Regierung sein sollte. Auch dies unterscheidet sie von den meisten vergleichbaren Einrichtungen. Am 24. Juni 1991 verabschiedete die Landesregierung die in diesem Sinne ausgelegte Satzung.

Aus der konkreten Praxis heraus hat sich an der TA-Akademie in der Folgezeit ein Arbeitsmodell entwickelt, das sich durch die folgenden Merkmale charakterisieren lässt: Innerhalb der Projekte wird eine interdisziplinäre Arbeitsweise (insbesondere eine Kooperation zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften) praktiziert. Eigenständige (empirische) Forschung findet allerdings primär im sozialwissenschaftlichen Bereich statt. Neben der Erbringung eigener Forschungsleistungen geht es um die Erstellung von ausgewogenen, unparteiischen und wissenschaftlich fundierten Expertisen. Die Arbeiten werden in einem Netzwerk mit externen Wissenschaftlern und Wissenschaftsorganisationen durchgeführt. Entsprechend dem jeweiligen Projekttyp und -ziel werden Entwickler, Nutzer, Gestalter und weitere Betroffene des technischen Wandels in die Identifikation, Abschätzung und Bewertung von Problemen, Situationsanalysen und Handlungsoptionen einbezogen (Diskursorientierung). Der besondere Fokus liegt auf Problemstellungen und entscheidungsrelevanten Themen für das Land Baden-Württemberg, insbesondere wenn Mittel der Stiftung eingesetzt werden. Eine Ausdehnung der Tätigkeit auf nationale, europäische und globale Fragen findet insbesondere im Rahmen von Drittmittelprojekten statt.

3     Die TA-Akademie 1992-2003

Das skizzierte Arbeitsmodell der TA-Akademie hat sich in ihrer mehr als zehnjährigen Geschichte herauskristallisiert und während dieser Zeit einige Modifikationen erfahren. Die elf Jahre TA-Akademie lassen sich meines Erachtens in drei Phasen einteilen: eine erste Phase gekennzeichnet von Aufbruch und Expansion, eine zweite Phase der Stabilisierung und eine dritte Phase der Umstrukturierung, die dann in die Abwicklung mündete.

3.1     Phase eins: Aufbruch und Expansion

Die TA-Akademie nahm offiziell ihre Arbeit am 1. April 1992 auf. Die erste Phase stand im Zeichen des Aufbaus und war von einer großen Euphorie getragen. Wesentliche Strukturen, die bis heute existieren, wurden festgelegt. Vier wissenschaftliche Abteilungen entstanden, die jeweils von einem Direktor geleitet wurden. Professor Hans Mohr verantwortete den Bereich Biotechnologie, Ökologie, Gesundheit; Dr. Dietmar Schade war für Technik, Funktionalität, Lebensqualität zuständig, Professor Ortwin Renn für Technik, Gesellschaft, Umweltökonomie sowie PD Hans-Joachim Braczyk für Technik, Organisation, Arbeit. Daneben gab es den Querschnittsbereich Diskurs und Öffentlichkeitsarbeit. Drei der vier wissenschaftlichen Bereiche behielten ihre Ausrichtung bis heute. Die besondere Bedeutung des Bereichs Diskurs wird auch dadurch deutlich, dass er im Lauf der Jahre Gegenstand mehrerer Umorganisationen war. Kontrolliert und beraten wird die TA-Akademie von den Stiftungsorganen Stiftungsrat, der im Wesentlichen aus Vertretern der Politik (Landtag/Regierung) zusammengesetzt ist, und dem Kuratorium, in dem Wissenschaft und gesellschaftliche Gruppen dominieren.

3.2     Phase zwei: Stabilisierung

Phase zwei stand im Zeichen einer Konsolidierung und Veralltäglichung. Dies bezieht sich nicht nur darauf, dass nun deutlich wurde, dass die ursprünglich vorgesehenen Ausbauziele für die TA-Akademie revidiert werden mussten. Eine Plafondierung bei ca. 50 Planstellen und einem Etat von ca. 5,4 Mio. Euro (2001) wurde festgelegt. Veralltäglichung bedeutete auch, dass nach dem schnellen Aufbau des Themenspektrums in der Expansionsphase nun diskutiert wurde, ob eine Beschränkung auf Kernthemen nicht die zu bevorzugende Strategie sei. Dies führte zu einer Konzentration auf vier Themenfelder, die quer zu den wissenschaftlichen Bereichen lagen. Veralltäglichung ferner in der Hinsicht, dass es nun galt, sich mit den üblichen Problemen von Organisationsentwicklung auseinander zu setzen. Eine erste Evaluation sollte hier weiterhelfen, die im Auftrag des Direktoriums im Jahre 1996 zur Frage der "Umsetzung des diskursiven Auftrages und Möglichkeiten zur Verbesserung der internen und externen Kommunikation" durchgeführt wurde. Die Evaluation bestätigte grundsätzlich die Arbeitsweise der TA-Akademie und entwickelte Vorschläge zur weiteren Optimierung der akademieinternen wie -externen Kommunikation. Veralltäglichung bedeutete schließlich, dass zum ersten Mal ein Vorstandsmitglied ersetzt wurde. Professor Mohr beendete aus Altersgründen seine Tätigkeit an der Akademie und an seine Stelle wurde Professor Karlheinz Ballschmitter (Ökotoxikologe, Universität Ulm) vom Wissenschaftsminister berufen. Diese Berufung zeigte sehr deutlich, wie schwierig es ist, solche Übergänge, die mit thematischen Veränderungen und neuen Schwerpunktsetzungen (Technik, Gesundheit, Umweltqualität) verbunden sind, gleichermaßen für Beschäftigte wie die Leitung produktiv zu gestalten.

3.3     Phase drei: Umstrukturierung und Abwicklung

Die Phase der Umstrukturierung und die Diskussionen um die Weiterentwicklung der TA-Akademie wurden eingeläutet durch den Tod des Leiters von Bereich 4, Professor Hans-Joachim Braczyk, der nach langer Krankheit Ende 1999 verstarb. Eine Neubesetzung der freien Direktorenstelle sollte erst möglich werden, wenn aus Sicht des Wissenschaftsministeriums die TA-Akademie strukturell reformiert worden sei. In den Diskussionen wurden Überlegungen aufgeworfen, die insbesondere auf eine Verschlankung der Akademie sowie eine Hierarchisierung der Organisationsstruktur zielten. Nach langwierigen Beratungen wurde im Juni 2001 eine Satzung verabschiedet, die die alte kollegiale Führungsstruktur beseitigte und an dessen Stelle einen zweiköpfigen Vorstand setzte, bestehend aus dem leitenden Direktor und dem Geschäftsführer. Beide werden vom Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst auf die Dauer von fünf Jahren bestellt. Im Rahmen dieser Diskussionen legte die Leitung der TA-Akademie ein Zukunftskonzept vor, das die Arbeit der TA-Akademie in den kommenden Jahren strukturieren sollte. Das Konzept wurde von den Gremien (Kuratorium / Stiftungsrat) positiv aufgenommen.

Nach der Entscheidung über eine neue Satzung wurden tatsächlich die Direktorenstellen für die Bereiche 4 und 1 (nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Professor Ballschmitter) ausgeschrieben. Zur erhofften Neubesetzung und damit zu einer Handlungssicherheit kam es allerdings nicht. Nach den Landtagswahlen verkündete der neue Wissenschaftsminister, dass vor einer Neubesetzung der freien Direktorenposten eine Evaluation der TA-Akademie durchgeführt werden müsse. Diese Entscheidung verlängerte die Zeit des Interregnums an der TA-Akademie. Zwei Direktorenposten waren unbesetzt, ein dritter Posten würde demnächst aus Altersgründen frei werden. Insofern kam die Evaluation sicherlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da sie in einer Phase stattfinden sollte, die bereits seit längerem durch Verunsicherung, vakante Positionen, vage Perspektiven, kurzfristige Verträge für Mitarbeiter/innen etc. gekennzeichnet war.

3.4     Die Evaluation

Im September 2001 wandte sich das Wissenschaftsministerium an den Wissenschaftsrat mit der Bitte um eine Evaluation der TA-Akademie. Angesichts der prekären Situation der TA-Akademie wurde eine schnelle Begutachtung in Aussicht gestellt. Die vom Wissenschaftsrat eingesetzte Arbeitsgruppe besuchte die TA-Akademie bereits am 14./15. Februar 2002 und verfasste anschließend einen Bewertungsbericht (Mai 2002). Der Evaluationsausschuss erarbeitete auf der Grundlage des Bewertungsberichts die wissenschaftspolitische Stellungnahme sowie eine Reihe von Empfehlungen (Juli 2002). [2]

Vorbereitend auf die Evaluation hatte die TA-Akademie einen umfänglichen Sachstandsbericht vorgelegt, der strategisch darauf ausgerichtet war, den besonderen Charakter der Akademie als Einrichtung herauszuarbeiten, die zwischen Wissenschaft und Praxis angesiedelt ist und daher nicht auf der Basis rein wissenschaftsimmanenter Kriterien begutachtet werden dürfte. Es war von Anfang an klar, dass der Wissenschaftsrat bei seiner Begutachtung primär die wissenschaftliche Qualität der Arbeit der TA-Akademie beurteilen würde, während sich die TA-Akademie ihrem Selbstverständnis und Satzungsauftrag gemäß nicht als traditionelle Forschungseinrichtung verstand.

Trotzdem wurde auch die wissenschaftliche Qualität der Arbeiten der TA-Akademie in großen Teilen vom Wissenschaftsrat positiv evaluiert. Die TA-Akademie bekam ein "Zeugnis" ausgestellt, das besser aussah als das von vergleichbaren evaluierten politiknahen Einrichtungen. "Gute bis sehr gute Arbeit" auf den Gebieten "Nachhaltigkeit" und "Innovationen für Wirtschaft, Arbeit und Beschäftigung" attestierte der Wissenschaftsrat. "Mit der zentralen Aufgabe der Konzipierung, Durchführung und methodischen Weiterentwicklung diskursiver Verfahren zu regionalen und globalen Problemstellungen hat die Akademie ein eigenständiges Profil entwickelt; sie unterscheidet sich damit von anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg und auch deutschlandweit", so der Bericht. Defizite hingegen sah der Wissenschaftsrat in den Bereichen "Lebenswissenschaften/Schadstoffemissionen" und "Lebensqualität durch Infrastrukturentwicklung". Insbesondere "mit Blick auf die wissenschaftliche Fundierung, die Eigenständigkeit der Forschungsleistungen, die diskursive Umsetzung der Projekte, das Aufgreifen neuer Themen und die Methodenentwicklung finden sie [die positiv bewerteten wissenschaftlichen Bereiche] Anerkennung".

Kritischer als der Bewertungsbericht der Evaluatoren, die die Akademie vor Ort genauestens untersucht hatten, erwiesen sich die in den Gremien des Wissenschaftsrates erfolgten Zuspitzungen. Während der Bewertungsbericht eine schnelle Neubesetzung der vakanten Positionen empfiehlt, kommt die wissenschaftspolitische Stellungnahme zu dem Schluss, dass eine Konzentration auf die positiv bewerteten Bereiche angesagt sein könnte und in den Empfehlungen wird der Landesregierung Carte Blanche gegeben, die gesamte TA-Landschaft in Baden-Württemberg noch einmal zu evaluieren und erst danach über die Zukunft der Akademie zu entscheiden.

Diese letzte Empfehlung nahm das Wissenschaftsministerium zur Richtschnur für sein weiteres Handeln. Mittlerweile waren drei Direktorenposten vakant. Über eine Neubesetzung sollte nun erst dann diskutiert werden, wenn eine so genannte Strukturkommission ihren Bericht abgegeben hätte. Die Strukturkommission nahm ihre Arbeit aber nie auf. Am 18. November 2002 beschloss die Landesregierung von Baden-Württemberg im Verlauf der Beratungen zur Haushaltskonsolidierung, die TA-Akademie zu schließen. Alle operativen Tätigkeiten sollen bis zum 31.12.2003 eingestellt werden. Anfänglich in Aussicht gestellte Nachfolge- oder Auffangeinrichtungen erwiesen sich schnell als Luftschlösser. Als offizielle Begründung für die Schließungsentscheidung musste die schwierige Haushaltssituation herhalten. In Pressemitteilungen machte das Ministerium aber auch deutlich, dass es im Moment keinen Bedarf an (partizipativer) TA sehe.

Die endgültige Entscheidung zur Schließung der Akademie wurde intensiv in der Öffentlichkeit, im Parlament und den Akademiegremien diskutiert. Die Diskussionen verliefen dabei entlang der Linien Regierung(s)fraktionen/Unternehmerverband auf der einen Seite und Opposition (SPD/Bündnis 90 - Die Grünen) sowie gesellschaftliche Gruppen auf der anderen Seite. Die Landesregierung beharrte auf ihrer Entscheidung und zeigte sich nicht gewillt, andere Alternativen überhaupt auch nur zu diskutieren (z. B. Rückführung des institutionellen Zuschusses auf ein Minimum bei gleichzeitiger Ausdehnung der Drittmittelakquisition oder Angliederung an eine andere Einrichtung). Der Vorsitzende des Kuratoriums wie auch die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen machten deutlich, dass aus ihrer Sicht die Haushaltslage lediglich einen willkommenen Anlass darstellte, um sich der ungeliebten Einrichtung TA-Akademie zu entledigen.

4     Erfolg oder Misserfolg?

Es besteht Konsens, dass die Akademie nicht geschlossen wurde wegen mangelnder (wissenschaftlicher) Leistungen. Trotzdem sollen hier kurz noch einmal wesentliche Verdienste der Akademie nachgezeichnet werden. Ansatzpunkt hierfür sind die in der Satzung beschriebenen Funktionen der Akademie:

Wissenschaftliche Analyse von Folgen des technisch-sozialen Wandels im Sinne der Abschätzung der Risiken, Chancen und Gestaltungsoptionen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Die Akademie war hier richtungweisend in verschiedenen Themenbereichen tätig. Beispielhaft genannt seien die Arbeiten zur Bio- und Gentechnologie, Nachwachsenden Rohstoffen oder auch zu den Informations- und Kommunikationstechniken. Mehrere DFG-geförderte Projekte zu Themen wie Arbeitsregulation bzw. Existenzgründung in High-Tech-Sektoren wurden durchgeführt.

Politikberatung der politischen Entscheidungsträger in Exekutive und Legislative sowie Beratung gesellschaftlich relevanter Akteure wie Verbände, Kirchen, Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen in allen Fragen des technischen Wandels und seiner aktiven Bewältigung. Die TA-Akademie kann auf eine eindrucksvolle Liste von gelungenen Vorhaben der Politikberatung verweisen. Dies bezieht sich sowohl auf konkrete inhaltliche Fragestellungen, wie auch auf die Organisation von Prozessen der Interessensvermittlung im Vorfeld politischer Entscheidungen. Themen sind beispielsweise Nachwuchsmangel im Handwerk, Attraktivität des Ingenieurberufs, Entwicklung des Medienstandorts Baden-Württemberg. Im Rahmen des Schwerpunktes nachhaltiger Umgang mit technischen Risiken konzentrierten sich die Arbeiten auf die Entwicklung eines neuen Konzeptes zur Klassifikation für Risikobewertung und das Risikomanagement für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), das von politischen Gremien im In- und Ausland aufgegriffen und zum Teil umgesetzt wurde. Weiterhin können generell Präsentationen und Entscheidungshilfen für Ministerien und Abgeordnete (etwa zum Thema industrielle Clusterbildung in Baden-Württemberg), Mitarbeit an größeren Planungsvorhaben (etwa dem Umweltplan Baden-Württemberg), Teilnahme an Anhörungen etc. genannt werden.

Vermittlung der Ergebnisse der Projekte an die Entscheidungsträger, andere Akteure und an die Öffentlichkeit insgesamt. Die TA-Akademie pflegt eine intensive Pressearbeit, führt Fortbildungsveranstaltungen durch (z. B. für Lehrer), gibt eine Vielzahl von Veröffentlichungen heraus (z. B. TA-Informationen; Arbeitsberichte der TA-Akademie), führt Veranstaltungen durch, die sich an eine breite Öffentlichkeit wenden (z. B. Veranstaltungsreihe "Wandel der Erwerbsarbeit in der Informations- und Wissensgesellschaft"). Die aus den Studien und Analysen gewonnenen Erkenntnisse zum Themenfeld Nachhaltigkeit wurden von der TA-Akademie in Form von Statusberichten zur Messung der Nachhaltigkeit in Baden-Württemberg herausgegeben.

Einbeziehung der Entwickler, Nutzer und Gestalter des technischen Wandels sowie der breiten Öffentlichkeit in den Abschätzungs- und Bewertungsprozess im Rahmen der Akademie-Projekte. Die TA-Akademie hat an mehreren Technikgestaltungsprojekten mitgearbeitet und mit verschiedenen Diskursverfahren operiert. So haben Wissenschaftler der TA-Akademie mehrere Runde Tische zwischen Managern, Gewerkschaftlern und betroffenen Berufsgruppen organisiert und moderiert. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Umwelt- und Stadtplanungen. Das wichtigste Beispiel hierfür war die Entwicklung eines integrierten Abfallentsorgungsplanes für die Region Nord-Schwarzwald.

5     Konfliktlinien

Trotz der Erfolge wurde die TA-Akademie geschlossen. Die Gründe hierfür müssen also anderswo gesucht werden. Sicher ist, dass Haushaltsengpässe existieren, aber konkrete Kürzungsentscheidungen sind das Resultat einer politischen Prioritätensetzung. Welche Probleme könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass der TA-Akademie offensichtlich keine hohe politische Priorität beigemessen wurde?

5.1     Technikverhinderung

Die Bedenken, dass sachfremde Überlegungen in den Prozess von Forschung und Entwicklung hineingetragen werden, dass TA möglicherweise sogar technische Entwicklungen aufhalten könnte, spielen nach wie vor eine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Zwar lassen sich kaum Beispiele dafür finden, und die in diese Richtung argumentierenden Kritiker haben normalerweise wenig Vorstellung davon, was unter TA konkret betrieben wird. Trotzdem ist das Wort TA immer noch ein Reizwort und mit Vorstellungen aus alten Debatten über die Beherrschbarkeit des technischen Fortschritts verknüpft. Gerade in einer Zeit, in der Technikskepsis oder technikkritische Bewegungen kaum mehr eine Rolle zu spielen scheinen, vielmehr eine schnelle und umfassende Technikdurchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft gefordert wird, steht eine TA-Einrichtung unter erhöhtem Legitimationszwang.

Diese Diskussionen haben, wie gesagt, wenig damit zu tun, dass das Bestreben der TA war und ist, nicht nur über Risiken zu reden, sondern insbesondere und immer mehr eine Chancenexploration durchzuführen. Grundsätzlicher ist sicherlich das Problem, dass sich das Selbstverständnis der Technikfolgenabschätzer verändert hat, der öffentliche Diskurs aber an einer Vorstellung von TA hängt, die eigentlich antiquiert ist.

Wenige werden es wohl als unerwünscht betrachten, die Breite möglicher Effekte der Verfolgung eines spezifischen technischen Entwicklungspfades erfassen zu können. Ein solches Ziel wird aber niemals erreicht werden, weil die Effekte nicht aus den statischen Eigenschaften einer voll entwickelten Technologie erwachsen, sondern in einem komplexen Wechselspiel von Technik und Gesellschaft simultan und kontinuierlich produziert werden. Das darin zum Ausdruck kommende Dilemma kann an vielen Beispielen von TA der Vergangenheit erläutert werden. Die Praxis der TA hat sich daher - und die TA-Akademie ist ein gutes Beispiel hierfür - eher von der Technik weg bewegt. Die Entwicklung der Technikfolgenabschätzung hat in zwei Richtungen geführt: hin zu einem instrumentellen Typus, in dem Experten dominieren, und in Richtung einer diskursiven Variante, in der "Laien" in einen deliberativen Prozess einbezogen werden. In beiden Fällen ist zugegebenermaßen die Distanz zur unmittelbaren Technikgestaltung groß, weil TA in politiknahen (Parlament, Exekutive) Kontexten aufgehängt wird oder die Laien nur sehr vermittelt auf Technikgestaltung Einfluss haben. Hierdurch ist TA ein Stück entfernt von den Prozessen der realen Technikentwicklung und Technikanwendung. Die Frage für die Zukunft dürfte sein, ob es hier nicht wieder einer stärkeren Annäherung bedarf.

5.2     Zwischen den Stühlen

Die TA-Akademie hat sich immer in einem politisch aufgeladenen Feld bewegt, hat aber versucht, sich selbst weitgehend unpolitisch zu gerieren. Gordon Michael bezeichnete schon früh Technikfolgenabschätzung als eine Kunst. Eine Kunst, zwischen den Anforderungen verschiedenster Art vermittelnd tätig zu werden, und die eigene Tätigkeit der TA auch als eine in den politischen Prozess intervenierende zu begreifen. Die Akademie war mehr als andere Einrichtungen ihrer Art einer Vielzahl von Interessenten an ihrer Arbeit verpflichtet. Gesellschaftliche Gruppen betrachteten die TA-Akademie als "ihre Einrichtung", da sie eine Plattform bieten konnte, um Diskurs zu führen und Forderungen zu formulieren. Das Land betrachtete die Akademie als "ihre" Einrichtung, die Wissen produzieren sollte, das die Zielsetzungen der Landesregierung unterstützt. Die jeweilige Opposition hätte gerne von der TA-Akademie alternatives Wissen bezogen, um Kontrolle ausüben und Alternativen formulieren zu können.

Ein Teil der Problematik macht sich an der Institution des Kuratoriums fest. Das Kuratorium besteht aus 26 Mitgliedern aus Wissenschaft, Ministerien, Landtagsfraktionen und wichtigen gesellschaftlichen Gruppen. Das Kuratorium soll den Vorstand beraten und erarbeitet Empfehlungen zum Arbeits- und Forschungsprogramm der Akademie. Sowohl aus Sicht des Wissenschaftsrates wie des Wissenschaftsministeriums wurde das Kuratorium zu einem sachfremden Gremium. Der Wissenschaftsrat macht das Kuratorium und die darin vertretenen gesellschaftlichen Gruppen für die zu hohe Themenvielfalt und die mangelnde thematische Abgrenzung der TA-Akademie verantwortlich. Aus der Sicht der Akademie war das Kuratorium der wichtigste Transmissionsriemen in die Gesellschaft hinein - auch u. U. an der Landesregierung vorbei. Die Landesregierung, so wird kolportiert, hat sich mehrmals an Veröffentlichungen und Statements der Akademie gestoßen, die dem politischen Selbstverständnis nicht gerecht wurden (Beispiele hierfür sind der Nachhaltigkeitsbericht, Aussagen zur wirtschaftlichen Situation in bestimmten Branchen, z. B. Multimedia, oder die Diskussionen um die Veränderungen des baden-württembergischen Produktionsmodells, Stichwort: Lean Production).

5.3     Ohne Auftraggeber?

Sicherlich war es eine große Stärke der Akademie, dass sie ihre Tätigkeitsbereiche weitgehend selbst (in einer eher lockeren und weitgehend unproblematischen Abstimmung mit Kuratorium und Stiftungsrat) wählen konnte. Gleichzeitig kann sich in Zeiten der Krise dieser freischwebende Charakter als Manko erweisen. Die Akademie ist dem Wissenschaftsministerium in Baden-Württemberg zugeordnet als politiknahe Beratungseinrichtung. Die meisten ihrer Beratungskontakte und Beratungsaufträge hatte die Akademie aber mit anderen Ministerien und Akteuren, die sich der Akademie auch sehr verbunden zeigten, aber letztendlich wenig Einfluss auf ihr Schicksal hatten. Hier stellt sich die Frage, ob aus sachlichen und strategischen Gründen TA-Einheiten nicht besser bei einer Stelle aufgehoben sind, für die die Ergebnisse zukunftsbezogener Forschung unmittelbare Relevanz besitzen. Gerade gestaltungsorientierte Arbeit lebt von dem engen Kontakt zwischen Berater und beratender Einheit.

5.4     Politikberatung und Interdisziplinarität

Die bisherigen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass die Akademie ihre Stärken u. a. in den Feldern Politikberatung und Interdisziplinarität sah. Gerade dies sind aber Ziele, die bei Evaluationen oft zu kurz kommen. Der Wissenschaftsrat evaluierte explizit nicht die Beratungstätigkeit der Akademie. Er ging von der Annahme aus, dass gute Beratung eine anerkannte wissenschaftliche Fundierung brauche. Die wissenschaftliche Fundierung müsse sich an den bewährten Indices (wie Publikationen in referierten Fachzeitschriften, Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen etc.). ablesen lassen. Bereiche wie "Lebensqualität durch Infrastrukturentwicklung" leisteten grundlegende Arbeiten für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der dort behandelten Infrastrukturfelder, die sowohl bei der Landesregierung als auch bei weiteren Nutzern als richtungweisend und problemgerecht angesehen wurden. Trotzdem kamen sie zu einer schlechten Beurteilung. Hier ist die Diskussion sicherlich noch nicht abgeschlossen, ob alle Wissensformen mit den gleichen Evaluationskriterien behandelt werden können. Ähnlich verhält es sich mit der vielbeschworenen Inter- und Transdisziplinarität, die zwar immer wieder eingefordert wird, aber im einzeldisziplinären Diskurs kaum eine Rolle spielt. Sozial-, Ingenieur- und Naturwissenschaften sollen Hand in Hand arbeiten, um Probleme besser antizipieren und lösen zu können, u. U. gar zur Vermeidung von Problemen beitragen zu können. Diese Vision ist nach wie vor kaum irgendwo realisiert. Interdisziplinäres, problembezogenes Arbeiten wird zwar immer wieder gefordert, aber es gibt hierfür wenig Gratifikationen im etablierten System. Der Wissenschaftsrat ebenso wie die scientific community insgesamt, belohnt einzeldisziplinäre Arbeiten, Veröffentlichungen in referierten wissenschaftlichen Zeitschriften und kaum die Wirkung der Arbeiten in der über den engen wissenschaftlichen Kreis hinausgehenden Öffentlichkeit.

6     Fazit

Technikfolgenabschätzung lebt von der Überzeugungskraft der These, dass mehr Information und im Falle der TA-Akademie insbesondere auch partizipative und deliberative Prozesse helfen, erwünschte Effekte zu befördern und unerwünschte zu vermeiden bzw. deren Auswirkungen abzuschwächen oder zu mildern. Diese Überzeugung muss nicht nur von der TA-Gemeinde geteilt werden, sondern insbesondere von den Finanziers entsprechender Institutionen. Dies ist im Falle der TA-Akademie offensichtlich nicht mehr der Fall. Insofern gilt es nach neuen Wegen zu suchen, wie die Überzeugungskraft der wohltätigen Wirkung von TA gesteigert werden kann. Die TA-Akademie wurde in den Diskussionen um die Schließung in erster Linie als Belastung des Landeshaushaltes gesehen und nicht als Investition in das Humankapital. Hier gilt es anzusetzen. Technikfolgenabschätzung muss als eine für den Finanzier gewinnbringende Tätigkeit erkennbar sein, der Finanzier muss aber auch bereit sein, die Bedeutung von Humankapital für den Weg in eine nachhaltige Wissensgesellschaft zu erkennen.

Anmerkungen

[1] Peter Frankenberg, Geleitwort. In: TA-Akademie (Hrsg.) Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg. Ein gelungenes Experiment. Stuttgart 2002, S. 1.

[2] Die Texte sind auf der WWW-Seite der TA-Akademie nachlesbar bzw. können dort heruntergeladen werden ( http://www.ta-akademie.de).

Kontakt

Dr. Gerhard Fuchs
Akademie für Technikfolgenabschätzung
Industriestraße, 70565 Stuttgart
Tel.: +49 711 9063-199