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A. Metzner: Die Tücken der Objekte. Über die Risiken der Gesellschaft und ihre Wirklichkeit

A. Metzner: Die Tücken der Objekte. Über die Risiken der Gesellschaft und ihre Wirklichkeit
Autor:

G. Banse

Link:
Quelle: Nr. 1, 12. Jahrgang, S. 131-133
Datum: März 2003

Rezensionen und Kurzvorstellungen von Büchern

ANDREAS METZNER: Die Tücken der Objekte. Über die Risiken der Gesellschaft und ihre Wirklichkeit. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag, 2002. 539 S., 58,00 Euro, ISBN 3-593-37026-3

Rezension von Gerhard Banse, ITAS

Hinter dem sibyllinischen Titel dieses Buches verbirgt sich eine veritable wissenschaftliche Abhandlung, die sowohl durch ihre Auseinandersetzungsfähigkeit als auch durch ihren Materialreichtum besticht. Es handelt sich bei dieser Veröffentlichung um die überarbeitete und gekürzte (!) Version einer 1999 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster verteidigten Habilitationsschrift "Umwelt, Technik & Risiko - sozialwissenschaftliche Zugänge. Ein Beitrag zur Kontroverse zwischen Konstruktivismus und Realismus".

Wie erschließt die sozialwissenschaftliche Risiko-, Umwelt- und Technikforschung die industriegesellschaftliche Risikoproblematik? Was bedeutet das für die Gesellschaftstheorie? Welche Konsequenzen ergeben sich für die Praxis des gesellschaftlichen Risikomanagements? Um diese Fragen zu beantworten, befasst sich Metzners Untersuchung einerseits mit der Genese der Wahrnehmung und Beurteilung von Risiken im Kontext soziokultureller Konstruktionen (konstruktivistischer Ansatz). Andererseits behandelt sie die Genese von Risiken im Kontext der handelnden Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur (realistischer Ansatz). Ihre Antworten entwickelt die Metznersche Untersuchung, indem sie dem Vermittlungszusammenhang symbolischer und materieller Dimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit nachgeht. Dazu bedient sie sich des Mittels einer reziprok angesetzten Kritik beider Ansätze. Auf diese Weise treibt sie das Unternehmen voran, eine wechselseitige Rückbindung der Erklärungsleistungen beider Ansätze vorzunehmen, um sie - soweit möglich - einer Synthese zuzuführen.

Ohne auf die Fülle interessanter Details einzugehen, werde ich im Folgenden einen Überblick über die in dieser Arbeit erörterten Inhalte geben, wobei mir die soeben dargelegte "innere Logik" von Metzners Untersuchung als "roter Faden" dient. Im Anschluss daran werde ich eine Einordnung von Metzners Arbeit vornehmen, um zum Schluss meiner Rezension - sozusagen als Kontrapunkt zur Länge des Buches - eine ebenso knappe wie klare Beurteilung zu geben.

Im Gesamt der Debatte über Technik- und Umweltrisiken ist die Stimme der Wissenschaften unüberhörbar. Gewichtige Beiträge finden sich vor allem aus (versicherungs-)mathematischer, naturwissenschaftlich-technischer, psychologischer, sozialwissenschaftlicher, ökonomischer, rechtlicher und philosophisch-ethischer (einschließlich theologischer) Sicht. Diese facettenreiche wissenschaftliche Befassung mit technik- und umweltbezogenen Risiken bringt es mit sich, dass die grundlegenden Annahmen ("Axiome", Präsuppositionen) uneinheitlich sind, mehr noch, den Anschein erwecken, konträr zu sein. Das gilt insbesondere für Ansätze, die sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive in "Objektivismus" und "Konstruktivismus" gruppieren lassen. Unterscheidendes Merkmal ist, ob Aussagen über eine dem Risikogeschehen zugrunde liegende, vom Menschen unabhängige "Lebenswelt" als notwendig zugelassen bzw. angenommen werden oder nicht. Ist diese Lebenswelt konstitutives Element des Risikokonzepts, dann sprechen die Sozialwissenschaften vom Risiko-Objektivismus; für die "Risiko-Konstruktivisten" hingegen ist eine derartige lebensweltliche "Anbindung" unnötig, um Risiken verstehen zu können.

Hier setzt der Autor mit seinen Überlegungen ein. Sein Hauptanliegen ist, wie die Konzepte des "Konstruktivismus" und des "Realismus" - wie er sie nennt - miteinander verbunden sind. Dieses Thema durchzieht die Arbeit wie eine DNS-Doppel-Helix, d. h. zwei separate, aber miteinander verbundene und aufeinander bezogene (Diskussions-)Stränge. Auf dieser Grundlage charakterisiert der Autor das Anliegen seiner Arbeit wie folgt: "Beide Stränge werden als unterschiedene aber gebundene dargestellt, deren Querbezüge anhand von Problemen, Erklärungen und Aporien herausgearbeitet werden, die die Felder der sozialwissenschaftlichen Umwelt-, Technik- und Risikoforschung betreffen, sowie interdisziplinär sich anschließender Wissenschaften (Ingenieurwissenschaften, Psychologie, Ökologie). Damit ergeben sich reichhaltige Verzweigungen in der Gedankenführung, aber auch eine Gestalt, die sich durch die kontinuierliche Windung der beiden Stränge umeinander auszeichnet" (S. 21).

Im Kapitel 1 "Einleitung: Zur gesellschaftlichen ‚Natur' von Umwelt- und Technikrisiken" stellt der Autor vor dem Hintergrund des Verhältnisses der Komplexität technischer Systeme und ihres Risikopotenzials einige tiefgreifende Überlegungen an, um sein Anliegen im Zusammenhang von Europäischer Aufklärung, Industrialisierung und gesellschaftlicher Modernisierung zu präzisieren. Damit die Kontroverse in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung besser erschlossen werden kann, werden sodann vier Leitfragen formuliert, die (quasi als Vor-Entscheidungen) der Arbeit ihre Struktur geben, insofern der weitere Aufbau der Arbeit in Form von vier umfänglichen und stark untergliederten Kapiteln erfolgt. Dabei wird allerdings nicht begründet, warum gerade diese Fragen als Leitfragen ausgewählt wurden. Ihre Formulierung setzt bereits umfassende Einsichten in die Risikodebatte in einer bestimmten Blickrichtung voraus, denn diese Leitfragen stellen sich eigentlich (in Form eines "hermeneutischen Zirkels") als Derivate des Verlaufs der Analyse und ihrer Ergebnisse dar.

Um sein Vorhaben umzusetzen, führt der Autor im Kapitel 2 "Kontexte: Ingenieurwissenschaften und Psychologie" einen Vergleich des technikwissenschaftlichen und des psychologischen Ansatzes in der Risikoforschung aus. Er dient zur näheren Bestimmung der Ausgangsbedingungen der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung, indem die Rekurse auf die physisch-objektive und die psychisch-subjektive Genese des Phänomens ‚Risiko' nachvollzogen und hinsichtlich ihrer Reichweite reflektiert werden.

Im folgenden Kapitel 3 "Sozialwissenschaftliche Risikoforschung: Zwischen Konstruktivismus und Realismus" geht es um die Distinktion konstruktivistischer und realistischer Ansätze sozialwissenschaftlicher Risikoforschung, die die gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhänge des ‚Risikos' erschließen. Sie werden zunächst im Kontext der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung aufbereitet und auf den Dualismus von Natur- und Kulturwissenschaften bezogen (3.1). Im Anschluss daran werden die Querverbindungen beider Ansätze zu konstruktivistischen und realistischen Herangehensweisen in der Wissenschaftssoziologie, der Techniksoziologie und der "social-problems"-Forschung erörtert (3.2). Die Kapitel 3.3 und 3.5 dienen der Darstellung eines kulturalistisch-konstruktivistischen und eines naturalistisch-realistischen Ansatzes. Das Kapitel 3.3 nimmt die These auf, dass diese Risiken als kulturelle Konstrukte zu verstehen seien und stellt sie im Wesentlichen anhand von Überlegungen von Mary Douglas und Aaron Wildavsky dar. Das Kapitel 3.5 stellt dieser These ihre Anti-These gegenüber, dass nämlich diese Risiken als Ausdruck realer Phänomene zu verstehen seien und legt sie im Wesentlichen anhand von Arbeiten von Riley Dunlap dar. In den Kapiteln 3.4 und 3.6 werden diese Ansätze kritisch diskutiert. Im Kapitel 3.7 werden zwei Möglichkeiten der Synthese diskutiert, nämlich eine "meta-konstruktivistische" (W. Krohn, G. Krücken) und eine "meta-realistische", der sich Metzner verpflichtet.

Vor diesem Hintergrund wird im Kapitel 4 "Risikogesellschaft: Konstrukte und Produkte als Teile ihrer Wirklichkeit" der Nachweis dafür anzutreten gesucht, dass der Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung sinnvoller Weise nur in der Integration der Differenz von Prozessen der gesellschaftlichen Konstruktion und Produktion von Risiken zu bestimmen ist. Dazu wird die Bedeutung der beiden Momente der gesellschaftlichen Konstituierung der Risikoproblematik zunächst im Verhältnis solcher Rahmungen erschlossen, die symbolische und materielle Dimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit ansprechen. Im Anschluss daran wird sie in den gesellschaftstheoretischen Zusammenhängen der Bildung eines allgemeinen Risikobegriffs (N. Luhmann) und in den Begründungszusammenhängen der Debatte um die These der Risikogesellschaft (U. Beck) ausgeführt, diskutiert und schließlich im Kontext der Verbindung wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Risikodiskurse auf die Fragen nach der Gestaltbarkeit der Gesellschaft und den Status der Risikosoziologie bezogen.

Mit dem Kapitel 5 "Risikomanagement: Zwischen funktionaler Differenzierung und Partizipation" wird einerseits das Ziel verfolgt, die Empfehlungen der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung für das gesellschaftliche Risikomanagement aus konstruktivistischer und realistischer Sicht zu entwickeln, reflektierend aufzubereiten und vergleichend zu diskutieren. Andererseits geht es um eine lösungsorientierte Reflexion der sich widersprechenden Thesen, dass die Risikoproblematik entwickelter Industriegesellschaften hinsichtlich ihrer Modernisierungsperspektiven entweder strukturell angelegte Konsenschancen nach sich zieht, die sich aus der zuletzt globalen Egalisierung möglicher Betroffenheiten ergeben, oder einen nicht zu überbrückenden Dissens evoziert, der nicht zuletzt aus den Widersprüchen zwischen der Risikoperspektive von Entscheidungsträgern gegenüber der Gefahrenperspektive möglicher Betroffener gespeist wird.

In allen bisher behandelten Kapiteln, in denen vom Autor in engagierter und fundierter Weise die Kontroverse in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung wie in einem "Kompendium" dargelegt wird, wird jeweils eine Vielzahl von Literatur herangezogen, die den Facettenreichtum der Diskussion verdeutlicht. (Das Literaturverzeichnis umfasst immerhin 37 Seiten!) Es gelingt dem Autor stets, diese auf sein Grundanliegen zu fokussieren. Im Prinzip sind die vier Hauptkapitel wie konzentrische Kreise, die sich um das Problem herum befinden, stets den behandelten "Fragekatalog" variierend. Zwar verweist der Autor darauf, dass es zwischen diesen Kreisen inhaltliche Folgebeziehungen gebe. Dem Rezensenten erscheinen jedoch die mit der realisierten Vorgehensweise verbundenen Betrachtungen nicht zwangsläufig aufeinander aufzubauen. Insofern wären auch drei oder auch fünf Kapitel möglich gewesen, mit denen ein analoges Ergebnis zustande gekommen wäre. Das Problem der Arbeit liegt in der in diesen Kapiteln ausgebreiteten Stofffülle, in dem Anspruch, "allumfassend" zu sein, allen Verzweigungen, Windungen usw. des Problems nachzuspüren. Kaum ein Thema, ein Akzent oder ein Diskussionsthema der Risikodebatte wird ausgespart. Rein quantitativ überwiegt daher die deskriptive Darstellung des Vorhandenen oftmals gegenüber ihrer systematisch-kritischen Verarbeitung, die zwar kontinuierlich und kohärent erfolgt, aber mitunter zu kompakt ausfällt. Exzellente Argumentations- und Schlussfolgerungslinien werden daher (vor allem für solche Leser, die nicht "in der Materie stecken") zu spärlich dargelegt.

Im abschließenden Kapitel 6 "Schluss: Kontroverse und Erkenntnis" werden die Ergebnisse der Untersuchung (leider) nicht zusammengefasst. Statt dessen zieht der Autor seine Konklusion in Form eines Plädoyers: "Die Risikoproblematik der Moderne und die mit ihr verknüpfte Frage nach der weiteren Entwicklungsperspektive industrieller Gesellschaften verlangen danach, die Horizonte zu erweitern, die das zeitgenössische gesellschaftstheoretische Denken auf weite Strecken limitieren. Sie legen nahe, sich daran zu erinnern, dass das, was die konkreten historischen Gestalten der Gesellschaft bestimmt, nicht adäquat zu erkennen ist, ohne auf die Medien der Arbeit und des technischen Handelns zu rekurrieren, durch deren Wirken der gesellschaftliche Stoffwechsel des Menschen mit der Natur formiert wird. Sie legen nahe, einzusehen, dass es nicht genügen kann, sich in gesellschaftstheoretischer Absicht mit der ‚Binnenwirklichkeit' moderner Gesellschaften zu befassen, die von diesen innerhalb der Medien der codierten Kommunikationsprozesse ausdifferenzierter sozialer Systeme und öffentlicher Diskurse ‚konstruiert' wird. Sie fordern geradezu dazu auf, diese Perspektive durch eine solche zu ergänzen, die die soziale, kulturelle und ökonomische Realität entwickelter Industriegesellschaften im Kontext und inneren Zusammenhang ihrer materiellen (stofflichen, infrastrukturellen) Wirklichkeit reflektieren kann" (S. 500).

Die Gründe der aufgezeigten Limitierungen und die Begründung dafür, sie "konstruktiv" aufzulösen, sind in dem vorliegenden Buch kenntnis- und materialreich dargelegt. Da es sich um eine Habilitationsschrift im Fach Soziologie handelt, ist besonders die Tatsache hervorhebenswert, dass der Autor für die Darlegung der Grundlagen der Risikokontroverse nicht allein sozialwissenschaftliches Wissen heranzieht, sondern auch wissenschaftstheoretische und philosophische Hintergründe erläutert und eine Klärung ihrer interdisziplinären Anschlüsse (Ingenieurwissenschaften, Psychologie, Ökologie) vornimmt. Die Lektüre ist den Angehörigen und Aspiranten der "scientific community" der (sozial-) wissenschaftlichen Wissenschafts-, Technik- und Umweltforschung unbedingt zu empfehlen. Darüber hinaus dürfte sie auch für den "nur" gesellschaftstheoretisch interessierten Leser aufschlussreich sein.