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MEINOLF DIERKES (Hrsg.): Technikgenese: Befunde aus einem Forschungsprogramm. Berlin: Ed. Sigma, 1997.

MEINOLF DIERKES (Hrsg.): Technikgenese: Befunde aus einem Forschungsprogramm. Berlin: Ed. Sigma, 1997.
Autor:

Michael Rader, ITAS

Quelle:

Nr. 3/4, 6. Jahrgang

Datum: November 1997

TA-relevante Bücher und Tagungsberichte

MEINOLF DIERKES (Hrsg.): Technikgenese: Befunde aus einem Forschungsprogramm. Berlin: Ed. Sigma, 1997. DM 36,--. ISBN 3-89404-169-2

Rezension von Michael Rader, ITAS

Die Abteilung Organisation und Technikgenese des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hat sich wie kaum eine zweite Einrichtung in Deutschland der "Technikgeneseforschung" angenommen. Mit dem Ansatz haben sich Beiträge in den "TA-Datenbank-Nachrichten"wiederholt kritisch auseinandergesetzt (Bechmann/Gloede in Nr. 2, 2. Jg., Rader in Nr. 3, 4. Jg) . Hier ging es vor allem um den Anspruch einiger prominenter Vertreter der Technikgeneseforschung, rechtzeitiger als die Technikfolgenabschätzung (TA) anzusetzen, und damit auch für die Technikgestaltung unmittelbar nutzbare Erkenntnisse zu erzeugen. Wie aber Meinolf Dierkes und Andreas Knie in ihrer Einleitung zum vorliegenden Sammelband feststellen, scheint "das Thema Technik in den späten 90er Jahren keine so rechte Konjunktur mehr in den Sozialwissenschaften" zu haben. Obwohl sie ferner feststellen, daß die Themen, die sich um die Schlagworte "Innovation" und "Standortsicherung" ranken, im Prinzip dieselben sind, die ab Mitte der 80er Jahre die technologiepolitische Debatte geprägt haben, verstehen sie den Sammelband als Bestandsaufnahme und räumen ein, daß die "Versprechen der Generierung steuerungsrelevanter Erkenntnisse ... wahrscheinlich zu Recht von Beginn an als viel zu ambitioniert kritisiert worden" seien (S. 9).

Die Beiträge werden als "Werkstattberichte" bezeichnet, "die Auskunft geben über spezifische Techniklinien und die sie treibenden sozialen und institutionellen Kräfte" (ebd.). Der Ansatz wird auf den Prüfstand gestellt und es wird diskutiert, wie er angesichts der damit gemachten Erfahrungen zu modifizieren wäre. Dierkes/Knie resümieren, daß es eine einheitliche "Theorie der Technikgenese" noch nicht gibt, aber auch, daß es ein "schlimmes Mißverständnis" wäre, wenn man meinte, auf Theorien mittlerer Reichweite in diesem Zusammenhang verzichten zu können. Der Ansatz habe sich zur Kennzeichnung konstitutiver Elemente von Technik bewährt. Allerdings sei es auch deutlich geworden, daß es keine Hebel oder Knöpfe für die schnelle Kursänderung der Technikentwicklung gibt. Die Erkenntnisse und Befunde der Geneseforschung hätten für die Innovationspolitik durchaus Konsequenzen, die bisher viel zu wenig bedacht worden sind, an denen man aber nicht vorbeigehen sollte. Soviel zu den heutigen Ansprüchen der Technikgeneseforschung, die deutlich bescheidener sind als die zur Entstehungszeit der Forschungsrichtung von prominenten Vertretern vorgetragenen.

Die hier versammelten Beiträge werden vier "Abteilungen" bzw. Abschnitten zugeordnet. In der ersten "Technikgenese in betrieblichen Kontexten" wird der unternehmerische Kontext bei der Entstehung, Entwicklung und Ausprägung von Technik an den eher historischen Beispielen des Dieselmotors (Mikael Hård) und der Schreibmaschine (Regina Buhr) untersucht. Diese Beispiele sind für jeden historisch interessierten Leser durchaus spannende Lektüre und verdeutlichen die Bedeutung der "Unternehmenskultur" für die Ausprägung der Technik. Gleichwohl spiegeln sie auch, wie in der Einleitung hingewiesen, sehr deutlich das vorab gewählte Untersuchungsprofil wider, das dann recht willkürlich erscheint und deshalb auch um andere Sichtweisen ergänzt werden kann.

Im zweiten Abschnitt "Technikgenese als Produktkarrieren" wird die Perspektive auf die "Postgenesephase" ausgedehnt, hier für Textverarbeitungsprogramme (Jeanette Hofmann) und das Automobil (Weert Canzler). Da beide betrachtete Technologien über den Zeitrahmen der berichteten Befunde weiterentwickelt wurden, wäre es interessant, diese beiden Betrachtungen fortzuschreiben, etwa um zu untersuchen, ob bei den "Leitbildern" zur Entwicklung von Textverarbeitungsprogrammen bei den drei identifizierten Typen eine Konvergenz stattgefunden hat, und ob am relativ stabilen Leitbild der "Rennreiselimousine" in der Nachhaltigkeitsdebatte mittlerweile nachhaltig gerüttelt wird.

Noch stärker mit dem "Leitbildansatz" als prominenten Erklärungsversuch für Geneseprozesse setzen sich die zwei Beiträge des dritten Abschnitts "Technikgenese und Technikleitbilder" auseinander. Dabei versucht Daniel Barben, die Leistungsfähigkeit des Leitbildansatzes im komplexen Umfeld der Biotechnologie zu ermitteln. Der zweite Aufsatz von Weert Canzler, Sabine Helms und Ute Hoffmann setzt sich mit dem gegenwärtig sehr populären Leitbild der "Datenautobahn" auseinander, wobei sie insbesondere auf die Angemessenheit dieser Metapher für Entwicklungen in weltweiten Datennetzen eingehen.

Die beiden Aufsätze des vierten und letzten Teils des Bandes "Kategorien und Probleme der Technikgeneseforschung" setzen sich mit einer Präzisierung des Begriffs "Technik" für die Belange der Geneseforschung auseinander. Lutz Marz versucht, eine Skizze Michel Foucaults umzusetzen, in der Technik gleichermaßen als Ding-, Bedeutungs-, Macht- und Selbst-Technik zu begreifen ist. Andreas Knie schlägt dagegen vor, Technik als eine "besondere Form von Institutionen" aufzufassen.

Das Buch ist für jeden theoretisch und methodisch Interessierten lesenswert und die Beiträge zur Genese konkreter Technologien lesen sich auch für den technikgeschichtlich interessierten Leser sehr spannend.