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Zweite Deutsche Delphi-Studie zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik

Zweite Deutsche Delphi-Studie zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik
Autor: Sibylle Breiner
Quelle: Nr. 4, 4. Jahrgang
Datum: Dezember 1995
Schwerpunktthema: Technologievorausschau und Technologiebeobachtung

Zweite Deutsche Delphi-Studie zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik

von Sibylle Breiner, FhG-ISI

In Deutschland gab es bis zu Beginn der 90er Jahre vergleichsweise wenig Studien und Untersuchungen im Bereich der technologischen Vorausschau. Dies änderte sich unter anderem durch die erste deutsche Delphi-Studie zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik, die im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT) vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (FhG-ISI) 1992/93 durchgeführt wurde. Diese Studie basiert auf einem Kooperationsprojekt mit dem Nationalen Institut für Wissenschafts- und Technologiepolitik (NISTEP) in Tokio und kopiert einen in Japan seit Beginn der 70er Jahre erfolgreich durchgeführten Ansatz.
Die Ergebnisse der Umfrage sind vielfach publiziert worden und werden in der Öffentlichkeit breit diskutiert; häufig auch kritisiert. Ein wesentlicher und auch berechtigter Kritikpunkt liegt im japanischen Ursprung der Fragen. Die Innovationsthemen, die von etwa tausend Experten beurteilt wurden, spiegeln japanische Verhältnisse und Bedürfnisse wider. In vielen Bereichen sind die angestrebten Innovationen nicht auf Deutschland übertragbar, da hier aufgrund kultureller und geographischer Unterschiede andere Probleme auf Lösungen warten.
Die zweite deutsche Delphi-Studie versucht, die gewonnenen Erfahrungen zu nutzen und eigene Innovationsthemen zu erstellen. Hierfür wird zur Zeit ein Begleitgremium aus hochrangigen Persönlichkeiten gebildet. Bestehend aus Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen berät dieses Gremium das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBF) während der gesamten dreijährigen Laufzeit der Studie. Wie bereits bei der ersten Umfrage liegt die Durchführung beim FhG-ISI in Karlsruhe.

Als erster Schritt werden in den nächsten Wochen die Themengebiete festgelegt, die in die Untersuchung einbezogen werden. Ziel wird es sein, das breite Spektrum von Wissenschaft und Technik möglichst umfassend abzudecken. Bereits bei der Themenfestlegung soll nationalen Besonderheiten Rechnung getragen werden, obwohl an dieser Stelle noch eine möglichst große Übereinstimmung mit der sechsten japanischen Delphi-Studie angestrebt wird, die zeitgleich vom NISTEP durchgeführt wird.

Ein weiterer Schritt wird sein, daß deutsche und japanische Experten gemeinsam Innovationsthemen erstellen. Hierzu wird von beiden Seiten getrennt ein Vorschlag erarbeitet, der dann in einem Abstimmungsprozeß diskutiert werden muß. Erfahrungen einer Mini-Delphi-Studie, bei der das gemeinsame Fragenerstellen in kleinerem Umfang getestet wurde, lassen es sinnvoll erscheinen, keine exakte Übereinstimmung der Fragen anzustreben. So wird ein Teil der Fragen länderspezifisch, der andere Teil länderübergreifend sein. Die internationale Abstimmung des Fragenkatalogs ist ein zentraler und wichtiger Punkt, jedoch sollte es für einen belastbaren Vergleich der Ergebnisse genügen, wenn eine flexible Abwägung zwischen Gleichartigkeit der Thematik und nationaler Spezifizierung vorgenommen wird.

In der Mini-Delphi-Studie, deren Ergebnisse derzeit veröffentlicht werden, wurde über die gemeinsame Fragengenerierung hinaus auch ein neues Abfrageraster entwickelt. So wurde beispielsweise die frühere Kategorie "Wichtigkeit" als zu allgemein verworfen und weiter aufgeschlüsselt. Nunmehr wird die Wichtigkeit der Lösungsbeiträge der zukünftigen Technik als ein fünfdimensionales Problem angegangen, das die Wichtigkeit

- für den Fortschritt von Wissenschaft und Technik,

- für die Wirtschaft,

- für die Umwelt,

- für die Dritte Welt oder

- für die Gesellschaft

einzeln betrachtet. Des weiteren hatten die schriftlich kontaktierten Experten die Möglichkeit,Vorschläge zur Weiterentwicklung der zu stellenden Fragen und ihrer Alternativen einzubringen.

Die Ergebnisse des Mini-Delphis zeigen, daß sich diese methodischen Veränderungen ausgezahlt haben. Es wird Aufgabe der nächsten Monate sein, diese Verbesserungen in die zweite umfassende Delphi-Studie einzuarbeiten. Die zwei geplanten Befragungsrunden sollen Ende 1996/Anfang 1997 zeitgleich in beiden Ländern durchgeführt werden. Inwieweit es bis dahin gelungen sein wird, einen zweiten Kritikpunkt - die nicht ausdrückliche Einbeziehung von Bedarfsfragen - zu verbessern, kann zum augenblicklichen Zeitpunkt nicht beurteilt werden. Der zukünftige gesellschaftliche Bedarf muß verstärkt in die Vorausschau integriert werden; bislang fehlen jedoch geeignete Methoden zur repräsentativen Erfassung der künftigen Bedürfnisse. Diese zweite Delphi-Studie kann ein Schritt in diese Richtung sein, in dem bei der Fragenerstellung die Bedürfnisse verstärkt berücksichtigt werden.

Kontakt

Sibylle Breiner
Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI)
Breslauer Str. 48, 76139 Karlsruhe
Tel.: +49 721 6809-212