Home | english  | Impressum | Sitemap | KIT

TAB-Studie "Umwelttechnik und wirtschaftliche Entwicklung"

TAB-Studie "Umwelttechnik und wirtschaftliche Entwicklung"
Quelle: Nr. 4, 4. Jahrgang
Datum: Dezember 1995
Ergebnisse von TA-Projekten - Neue TA-Projekte

TAB-Studie "Umwelttechnik und wirtschaftliche Entwicklung"

Integrierte Umwelttechnik - Chancen erkennen und nutzen

Wesentliche Voraussetzungen für die Einführung integrierter Umweltschutztechnik in Deutschland sind einerseits verläßliche und langfristige umweltpolitische Rahmenbedingungen für die Industrie und andererseits ein gesellschaftlicher Konsens über die Ziele und Folgen von Umweltschutzmaßnahmen. Dies sind die Kernaussagen einer Studie, die im Auftrag des Bundestagsausschusses für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) durchgeführt wurde. Das TAB gehört als Organisationseinheit zum Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe. Die Ergebnisse des Projekts zum Thema "Die Bedeutung der Umwelttechnik für die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland" wurden am 29. November 1995 auf der Wissenschaftspressekonferenz in Bonn vorgestellt.

Die Autoren von ITAS und TAB bescheinigen der bisherigen Umweltpolitik in ökonomischer und ökologischer Hinsicht recht gute Erfolge und heben die Schaffung eines nicht unerheblichen Beschäftigungsvolumens und eine hervorragende Stellung deutscher Umwelttechnik auf dem Weltmarkt hervor. Bis zu Beginn der 90er Jahre stieg die Zahl der Beschäftigten auf ca. 700.000 und der deutsche Anteil am Weltaußenhandelsvolumen für Umwelttechnik erreichte 21 %. Anspruchsvolle Umweltauflagen würden zwar die Industrie kostenmäßig stark belasten, hätten sich aber nicht wesentlich auf deren Wettbewerbsfähigkeit ausgewirkt. Unter ökologischen Gesichtspunkten sind in verschiedenen Bereichen (z.B. Reduktion von Luftschadstoffen, Gewässerqualität) deutliche Erfolge erzielt worden, andererseits sind aber oft Verlagerungseffekte von Umweltproblemen aufgetreten. Erfolge bei der Minderung von Luftbelastungen oder der Abwasserreinigung führten teilweise zu vermehrten Abfallproblemen. Das Projekt kommt zu dem Schluß, daß die Bilanz der Umwelttechnik deutlich verbessert werden könnte, wenn anstelle der bisher dominierenden nachsorgenden und additiven Umweltschutzmaßnahmen (End-of-pipe-Technik) stärker integrierte Umwelttechnik zum Einsatz käme. Bei additiven Umwelttechniken werden zumeist am Ende von Produktions- und Konsumtionsprozessen zusätzliche Anlagen oder Aggregate eingesetzt, mit denen die Rohemissionen in leichter kontrollierbare Rückstände verwandelt werden. Dies führt zu höheren Kosten und zum Rückgang der Produktivität.

Bei integrierter Umwelttechnik wird durch konstruktive Maßnahmen der Einsatz von Energie und Rohstoffen reduziert, die die eigentlichen Quellen von Umweltbelastungen sind. Weitere Kennzeichen sind u.a. produktionsinternes Recycling, die Substitution umweltschädlicher Einsatzstoffe und die Berücksichtigung von Entsorgungsfragen bei der konstruktiven Gestaltung von Produktionsprozessen und Produkten (Life-cycle-Betrachtungen). Neben prinzipiellen ökologischen Vorteilen hat integrierte Umwelttechnik auch das Potential, Produktions- und Entsorgungskosten zu verringern und damit die Gesamtproduktivität zu erhöhen. Allerdings erfordert integrierte Umwelttechnik häufig erhebliche Veränderungen in bestehenden Technologie- und Betriebsstrukturen.

Als wesentliches Innovationshemmnis für integrierte Umwelttechnik identifizieren die Wissenschaftler eine hohe unternehmerische Planungsunsicherheit, bedingt durch fehlende Langfristplanungen in der Umweltpolitik und die teilweise hektische Diskussion über umweltpolitische Instrumente. Die Einführung solcher Techniken würde nämlich eine frühzeitige Kenntnis der normativen Rahmenbedingungen erfordern, die bereits zu Beginn von Innovationsprozessen eingeplant werden müssen. Innovationshemmend ist außerdem das deutsche Ordnungsrecht, das sich bei der Festlegung von Auflagen am Stand der additiven Technik orientiert, bei seiner Fortschreibung hinter der technischen Entwicklung herhinkt und kaum Anreize bietet, über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehende umwelttechnische Lösungen zu realisieren. Auf unternehmerischer Ebene wird die noch mangelnde Verankerung von Umweltschutzzielen auf den verschiedenen Handlungsebenen kritisiert, was zu einem vorwiegend reaktiven, statt proaktiven Verhalten der Unternehmen führt.
Zur Verbesserung der Einsatzchancen für integrierte Umwelttechnik schlagen die Wissenschaftler eine umweltpolitische Langfristplanung im Diskurs mit allen Beteiligten vor. Als erster Schritt ist die Entwicklung von Umweltqualitätszielen und daraus abgeleiteter quantitativer Reduktionsziele für Stoffverbräuche und Emissionen gefordert. Danach soll im Dialog mit allen betroffenen Gruppen, die zur Erfüllung der gesetzten Ziele beitragen müssen, ein Konsens über zeitlich gestaffelte Zwischenziele, über kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmenprogramme und die entsprechende instrumentelle Gestaltung der Umweltpolitik herbeigeführt werden. Ein dritter Schritt sollte eine periodische wissenschaftliche Evaluation des Planvollzugs und eine Fortschreibung des Planes umfassen.

Die Studie fordert auch eine grundsätzliche instrumentelle Weichenstellung in der Umweltpolitik. Zur Förderung integrierter Umwelttechnik werden deshalb drei instrumentelle Handlungsoptionen mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen vorgestellt:

_ Eine Option, die, wie bisher, primär auf ordnungsrechtliche Instrumente setzt, aber bisherige Schwachstellen dieses Instrumentariums abbaut (z.B. durch dynamischere Anpassung von Umweltstandards und stärkere Berücksichtigung medienübergreifender Aspekte in Genehmigungsverfahren).

_ Eine Option, die ökonomische Instrumente in den Vordergrund stellt (z.B. Energie- und Rohstoffsteuern, Emissionsabgaben sowie Verschärfung des Umwelthaftungsrechts) und damit dazu führen würde, daß sich die Kosten von Umweltnutzungen in den Preisen widerspiegeln.

_ Eine Option, die das Kooperationsprinzip in den Vordergrund rückt und deshalb stark auf das Instrument der Selbstverpflichtungen der Industrie zur Reduzierung von Umweltbelastungen setzt. Diese sollten aber zieladäquat ausgestaltet sein, und eine effektive Kontrolle der Verpflichtungen müßte gewährleistet sein.

Es handelt sich dabei aber nicht um monoinstrumentelle Optionen, sondern um Mischoptionen, die eine Instrumentenart in den Vordergrund stellt, aber durch andere Instrumente ergänzt werden könnte. So ist vorgesehen, daß die "ordnungsrechtliche" Option durch ökonomische Instrumente in Form von Restverschmutzungsabgaben auf die ordnungsrechtliche zulässige Emission ergänzt wird. Die "Option Selbstverpflichtungen" sieht z.B. in den Bereichen, die nicht durch Selbstverpflichtungen abgedeckt werden können, den Einsatz ökonomischer oder ordnungsrechtlicher Instrumente vor.

Bei allen drei Optionen sollten zusätzlich förderpolitische Instrumente (Förderung von Forschung und Entwicklung und Umweltschutzinvestitionen) sowie organisatorische und informatorische Instrumente unterstützend eingesetzt werden.

Der TAB-Arbeitsbericht Nr. 35 "Integrierte Umwelttechnik - Chancen erkennen und nutzen" ist in begrenzter Anzahl im TAB erhältlich. Bestellungen sind bitte schriftlich an das Sekretariat des TAB, Frau Lippert, zu richten.

Kontakt

Dr. Rolf Meyer
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)
Rheinweg 121, D-53129 Bonn
Tel.: +49 228 2366-28

oder

Reinhard Coenen
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Postfach 36 40, D-76021 Karlsruhe