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Zukunftsfähiges Deutschland

Zukunftsfähiges Deutschland
Autor: Bernhard Burdick
Quelle: Nr. 4, 4. Jahrgang
Datum: Dezember 1995
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Zukunftsfähiges Deutschland

Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung

von Bernhard Burdick

Umwelt und internationale Gerechtigkeit - diese beiden Themen drohen in der aktuellen politischen Auseinandersetzung immer wieder in den Hintergrund zu geraten. Scheinbar gibt es so viel dringendere Aufgaben, soziale, wirtschaftliche, politische. Wo man sich der Umwelt und den internationalen Problemen zuwendet, geschieht es mit einem arg verkürzten Wirtschaftsverständnis, das in erster Linie nach Arbeitsplätzen und neuen Märkten fragt.
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat im Auftrag von BUND und Misereor den Versuch gemacht, die blinden Flecke der Zukunftsdiskussion aufzuhellen. In der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" versuchen wir deutlich zu machen, daß eine sozial-ökologische Neuorientierung der Gesellschaft nicht nur erforderlich ist, sondern durchaus aussichtsreich und erstrebenswert.

Die Studie folgt dem Ziel der "Zukunftsfähigkeit" (Sustainability), wie es 1987 die Weltkommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung, die sog. Brundtland-Kommission, definierte: Zukunftsfähig, so heißt es in deren Abschlußbericht sinngemäß, sei eine Entwicklung, in der die Bedürfnisse heutiger Generationen so befriedigt werden, daß auch kommende Generationen noch die gleiche Chance haben, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Um festlegen zu können, was dies in einem Industrieland bedeutet, lehnen wir uns an das 1992 von Hans Opschoor und Kollegen entwickelte Konzept des "Umweltraums" an. Wenn der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen dem Menschen Schranken in seiner Handlungsfreiheit setzt, wenn es also "neue Grenzen des Wachstums" gibt, dann bleibt umgekehrt ein Handlungsrahmen, in dem er sich frei entfalten und seine Bedürfnisse nach Lebensgenuß und Konsum befriedigen kann.

Diesen Handlungsrahmen nennen wir "Umweltraum". Die Größe dieses Umweltraums ergibt sich zum einen aus der Tragfähigkeit von Ökosystemen, der Regenerationsfähigkeit natürlicher Ressourcen und der Verfügbarkeit von Rohstoffen. Auf der anderen Seite wird er aber auch von Wertentscheidungen beeinflußt, die wissenschaftlich nicht verhandelbar sind. Es ist eine Wertentscheidung, zu verlangen, daß künftige Generationen gleiche Lebenschancen haben sollen wie heute lebende. Daraus ergibt sich, daß keiner Generation die Erde "gehört"; jede Generation hat die Erde treuhänderisch zu nutzen und nachfolgenden Generationen eine möglichst intakte Natur zu hinterlassen. Nicht zuletzt ist es eine wertbestimmte Entscheidung, jedem Menschen das gleiche Recht auf eine intakte Umwelt und damit umgekehrt auch das gleiche Recht auf den Zugriff zu globalen Ressourcen zuzubilligen. Eine Konsequenz dieser Wertentscheidungen ist, daß der verbleibende Handlungsrahmen nicht so gezogen werden darf, daß das Gesamtsystem gerade noch überleben kann, also bei maximalem Risiko, sondern daß eine zukunftsfähige Politik sich am Ziel der Risikominimierung orientieren muß.

Um die Grenzen des deutschen Umweltraums bestimmen zu können, brauchten wir ein System von Indikatoren, die eine Orientierung schaffen und es ermöglichen quantitative Ziele zu formulieren. Wir haben in diesen Indikatorensatz bewußt nicht nur Schadstoff-Emissionen aufgenommen, sondern haben einen neuen Ansatz in der Ökologiediskussion verfolgt. Umweltpolitik war bisher meist schadstofforientierte, nachsorgende Politik. Sie hatte unbestreitbare Erfolge, doch sie griff nicht bei Umweltproblemen wie Landschafts- und Rohstoffverbrauch, Verlust biologischer Vielfalt, Bodenerosion, Wasserknappheit und anderen. Diese Probleme mit zu erfassen, verlangt, das Blickfeld zu erweitern: Allein die Mengen bewegter Stoffe und Energie an sich sind bereits ein Problem. Jedes Produkt und jede Dienstleistung ist auf dem gesamten Lebensweg mit Stoff- und Energieströmen verknüpft. Große Mengen davon werden nicht einmal wirtschaftlich genutzt, sondern belasten zum Beispiel in Form von Abraumhalden die Natur. Diese "vergessenen Megatonnen" oder "ökologischen Rucksäcke" zu verringern, ist mit Sicherheit ein herausragender Beitrag zum Schutz der Umwelt und verringert zudem die Schadstoffbelastung. Energie- und Stoffumsätze werden deshalb zur Bestimmung der Größe des Umweltraums mit herangezogen.

Verknüpft mit diesen Indikatoren formuliert die Studie "Umweltziele". Diese Ziele spiegeln, jedes auf seinem Gebiet, den Stand der Umweltforschung wider. So ist zum Beispiel das Ziel, den Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 80 bis 90 Prozent zu verringern, aus der Diskussion in der Klimaforschung übernommen. Dort wird weitgehend das Ziel akzeptiert, daß bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts der Kohlendioxidausstoß der gesamten Menschheit halbiert werden muß. Wenn dieses Ziel erreicht werden soll, bedeutet das, daß um die Mitte des nächsten Jahrhunderts für jeden Menschen noch 2,3 Tonnen Kohlendioxid im Jahr ausgestoßen werden dürfen. In Deutschland sind es heute aber 12 Tonnen pro Kopf, also rund 80 Prozent zu viel. Und wenn die Menschheit sich so vermehrt, wie vorhergesagt, dann muß Deutschland seinen Kohlendioxydausstoß sogar um 90 Prozent verringern.

Dieses Umweltziel einer Reduzierung um 80 bis 90 Prozent ergibt sich an mehreren Stellen der Studie. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, daß heute etwa ein Fünftel der Menschen auf der Erde vier Fünftel der Energie, der Rohstoffe und anderer Ressourcen beansprucht. Will man diese Ungleichheit aufheben und dabei noch die Beanspruchung der Umwelt global auf die Hälfte verringern, dann müssen die Industrieländer daran arbeiten, ihre Ansprüche an Wohlstand und Komfort mit einem Fünftel bis einem Zehntel dessen zu befriedigen, was sie heute beanspruchen.

Umweltpolitische Ziele eines zukunftsfähigen Deutschlands

Tabelle fehlt

Ein Vorsorgeorientiertes System von Umweltbelastungsindikatoren

Tabelle fehlt

Oft wird behauptet, die deutsche Umweltpolitik sei auf gutem Weg. Es wird auf die sauberer gewordene Luft hingewiesen, auf die gewachsene Zahl geschützter Räume oder auf die Tatsache, daß die Wirtschaft zwar weiter wächst, der Energieverbrauch aber nicht mehr.

Einzelne Erfolge hat es sicherlich gegeben. Wichtig ist aber, wohin die Gesamttendenz geht. Die Studie macht für jeden der untersuchten Indikatoren eine Bilanz auf. Das Ergebnis ist eindeutig: Es genügt nicht, darauf zu hoffen, daß der Trend schon in die richtige Richtung gehen werde. Damit die genannten Umweltziele erreicht werden, muß aktiv etwas getan werden. Weder innerhalb Deutschlands werden die Umweltziele "automatisch" erreicht, noch erst recht im Verhältnis Deutschlands zu den Ländern des Südens.

Nötig sind zwei Dinge: Der Umgang mit den Ressourcen der Erde muß wesentlich effizienter werden - eine Effizienzrevolution wird gebraucht. Dazu aber muß kommen, was etwas abstrakt als Suffizienzrevolution bezeichnet wird und was wohl am besten mit einer Überschrift aus der Studie ausgedrückt ist: Gut leben statt viel haben. Es sind Veränderungen der Lebensstile und Lebensideale nötig, und das geht nur, wenn die technischen und die gesetzlichen Innovationen durch soziale Innovationen und veränderte Leitbilder ergänzt werden. Hoffnungsvolle Ansätze und Ideen gibt es zuhauf. Angelehnt an diese Vielzahl vorhandener Anregungen stellt die Studie einen Satz von acht Leitbildern vor, die den Weg in die Zukunft bahnen könnten.

Rechtes Maß für Raum und Zeit haben wir das erste Leitbild genannt. Es wird uns wegführen von dem Ideal der Beschleunigung und der immer besseren Durchlässigkeit des Raums für technische Verkehrsmittel, hin zu kurzen Wegen, Priorität auf regionaler Versorgung, maßvoll motorisierter Automobilflotte und flächenhaftem Ausbau der Bahn.

Die Ökologisierung der Marktwirtschaft lenkt die ungeheueren Innovationskräfte des Marktes auf ökologisch zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen. Da der Markt an sich aber ökologisch blind ist, braucht er dazu die geeigneten Rahmenbedingungen: den Abbau ökologisch kontraproduktiver Subventionen und Steuern, eine allgemeine Privathaftpflicht für industrielle Großrisiken und eine in kleinen Schritten sozial- und wirtschaftsverträglich eingeführte ökologische Steuerreform.
Von linearen zu zyklischen Produktionsprozessen heißt das neue Leitbild der Produktion, das sich an "Produktions"-Verfahren der Natur anlehnt: Es gibt keine Abfälle, Antriebskraft ist die Sonne, Zusammenarbeit und Wettbewerb werden in einer dynamischen Balance gehalten, und die zentrale Stütze kreativer Neuentwicklungen ist die Vielfalt der Strukturen und Erscheinungsformen.

Gut leben statt viel haben wird zum Leitbild des individuellen Konsums. Der heute schon deutlich spürbare Wunsch vieler Verbraucher nach ökologisch bewußtem Einkauf wird gestärkt - nicht zuletzt durch ein erweitertes, vertrauenswürdiges Kennzeichnungssystem. Die Jagd nach dem Immer-Schneller und Immer-Mehr verliert ihre Kraft als Statussymbol und wird belächelt von der zunehmenden Zahl der Menschen, denen Zeitwohlstand wichtiger ist als Güterreichtum.

Dienstleistung statt Durchsatz ist das neue Leitbild der Infrastrukturplanung. Wo in der Güterversorgung die Region im Vordergrund steht und Dienstleistung vor Massenumsatz kommt, ist das Ideal einer mit ungeheurem ökologischen Aufwand immer weiter ausgebauten Infrastruktur von Flugplätzen, Straßen, Industriegebieten und Stromnetzen fehl am Platze. In den Vordergrund treten vielmehr menschliche Qualifikationen wie Motivation, lebenslanges Lernen, kulturelle Offenheit und Flexibilität. Ansätze finden sich bereits im Energiesektor (Energiedienstleistung) oder im Wohnbereich (verdichtetes Bauen mit flexibler Raumaufteilung).

Die Regeneration von Land und Landwirtschaft ist Voraussetzung für den Erhalt der Lebensgrundlagen. Ökologische Landwirtschaft und naturnaher Waldbau werden flächendeckend eingeführt. Ökologisch besonders sensible Räume werden gesondert geschützt oder renaturiert. Das Land wird wieder zu einer Region mit eigener Wirtschaftskraft, gestützt auf Handwerk, Handel, Gastronomie und Tourismus.

Das Leitbild der Stadt als Lebensraum führt weg von ungastlichen, ökologisch und sozial abweisenden Verhältnissen im Inneren und zerfasertem Ausufern trostloser Vororte nach Außen. Einerseits braucht die Stadt ein mehr qualitatives als quantitatives Wachstum "nach innen", ein Wiederbeleben der Stadtviertel und Quartiere, andererseits ein neues, eher partnerschaftliches als vereinnahmendes Verhältnis zum Umland.

Internationale Gerechtigkeit und globale Nachbarschaft sind Voraussetzungen für globale Zukunftsfähigkeit. Einseitiger Technologie- und Hilfe-Transfer muß ersetzt werden durch ein Geben und Nehmen, das die armen Länder in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, was sie brauchen und anbieten wollen. Die Industrieländer müssen mit der Erneuerung vorangehen. Im Außenverhältnis bedeutet das etwa für die EU, auf Einfuhrzölle zu verzichten und Exportsubventionen abzubauen, Giftmüllexporte strenger zu kontrollieren und die Länder des Südens fairer an den Gewinnen aus der Nutzung der Artenvielfalt zu beteiligen.

Die Leitbilder führen sehr weit in die Zukunft. Soziale Innovationen wie die beschriebenen lassen sich nicht übers Knie brechen. Sie sind allenfalls Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, der sich zudem nur begrenzt steuern läßt.

In der Studie wird daher auch ausgelotet, welche Handlungsspielräume in den nächsten 15 bis 25 Jahren ausgenutzt werden können. Dabei wird versucht, auch Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Es ist nämlich durchaus möglich, daß ein Erfolg auf einem Feld auf Kosten eines anderen, ökologisch ebenfalls wichtigen Feldes geht. So steht beispielsweise ein großflächiger Anbau von Energiepflanzen in direkter Konkurrenz zur Ökologisierung der Landwirtschaft und wird deshalb abgelehnt. Aus dem gleichen Grund sollte der Bau von Solarkollektoren und Solarzellenanlagen auf vorhandene Dach- und Fassadenflächen beschränkt werden.

Am Beispiel des Energieverbrauchs wird eine Was-Wäre-Wenn-Rechnung aufgemacht, angelehnt an Szenarien der Enquêtekommission "Schutz der Erdatmosphäre". Diese werden allerdings in einigen Punkten erweitert und modifiziert.

Dem Trend-Szenarion werden zwei Politik-Szenarien gegenübergestellt. Im einen Szenario beschränkt die Politik sich in den nächsten 15 bis 25 Jahren auf eine "Offensive Energiepolitik": Ausschöpfung von Energiesparpotentialen, Förderung der erneuerbaren Energien. Das zweite Szenario hat den Namen "Zukunftsfähiges Deutschland" bekommen. Hier werden die erneuerbaren Energien und die Ökologisierung der Landwirtschaft noch viel stärker gefördert; es wird ein völlig neues Konzept für den Schienenverkehr realisiert (Flächenbahn) und der Autoverkehr halbiert; und es wird angenommen, daß sich einige der Leitbilder durchgesetzt haben: Lebensstile, Konsumverhalten und Produktionsverfahren haben sich geändert, Siedlungsstrukturen beginnen sich zu dezentralisieren, und Industrie-Investitionen fließen immer mehr in ressourcensprarende Produkte.

Das Ergebnis: Die "Offensive Energiepolitik" bringt bereits beachtliche Erfolge. Zum Beispiel lebt Deutschland im Jahre 2010 um ein Drittel weniger materialintensiv als 1990. Aber das Ergebnis ist eindeutig: Eine Energiewende allein kann die Anforderungen an einen ökologischen Strukturwandel nicht erfüllen.

Die Ergebnisse des Szenarios "Zukunftsfähiges Deutschland" sind natürlich erheblich unsicherer, da sich die Veränderung gesellschaftlicher Leitbilder nur schwer in Zahlen fassen läßt und auch Rück- und Wechselwirkungen in der Vorschau nur schwer zu erfassen sind. Trotz dieses Vorbehalts zeigt sich aber, was möglich wäre: Nach dieser Rechnung gehen zwischen 1990 und 2010, also innerhalb von zwanzig Jahren, die Kohlendioxyd-Emissionen, der Primärenergieverbrauch und der Verbrauch der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas um rund 40 Prozent zurück. Blickt man weitere zehn Jahre in die Zukunft, sind es 50 und mehr Prozent.

Sinn der Studie ist, einen Prozeß der Auseinandersetzung in Gang zu bringen. Nur eine breite Diskussion über die formulierten Ziele kann die Gedanken der Studie in die Bevölkerung tragen. Der Wandel wird von den Menschen aktiv getragen werden müssen. Das werden sie aber nur dann können, wenn sie die Ziele des Wandels zu ihren eigenen machen.

Kontakt

Bernhard Burdick
Wuppertal Institut für Klima
Umwelt Energie GmbH
Postfach 10 04 80, D-42004 Wuppertal
Tel.: +49 202 2492-110