Home | english  | Impressum | Sitemap | KIT

Die Baden-Württembergische Multimedia-Enquête setzt auf gebündelte Aktion und gesellschaftlichen Konsens

Die Baden-Württembergische Multimedia-Enquête setzt auf gebündelte Aktion und gesellschaftlichen Konsens
Autor: Hans Dieter Köder
Quelle: Nr. 4, 4. Jahrgang
Datum: Dezember 1995
TA-Institutionen und -Programme

Die Baden-Württembergische Multimedia-Enquête setzt auf gebündelte Aktion und gesellschaftlichen Konsens

von Hans Dieter Köder

Die Multimedia-Enquêtekommission des baden-württembergischen Landtags hat am 20. Oktober 1995 ihren Bericht fertiggestellt und dem Parlament zugeleitet. Sie sieht für Baden-Württemberg gute Chancen, an der Spitze des technischen Fortschritts mitzuwirken und benennt dafür methodisch zwei Voraussetzungen. Alle Aktivitäten müssen institutionell stärker koordiniert und zu einer grossen Innovations- und Gestaltungsoffensive gebündelt werden. Dabei soll zweitens die gesellschaftliche Konsensbildung als kontinuierlicher Prozeß organisiert werden. Ihren einstimmig verabschiedeten Bericht wertet die Kommission als Einstieg in diese "mit großem Nachdruck" geforderte Konsensfindung.

Diese Einstimmigkeit - das sei betont - ist nicht mit nebulösen und unverbindlichen Formulierungen erkauft worden. Die Kommission hütet sich auch vor quantitativen Arbeitsplatzverheiüngen. Sie weist nüchtern darauf hin, daß die neue Informations- und Kommunikationstechnik nicht nur eine große Wertschöpfungskette, sondern zugleich auch einen rasanten Fortschritt der internationalen Arbeitsteilung und weitere Produktivitätssprünge auslösen wird. Dennoch warnt sie vor dem Rückzug auf den Status quo: "Wer durch Multimediaeinsatz Arbeitsplätze gefährdet sieht, muß bedenken, daß Arbeitsplätze, die nicht so produktiv organisiert sind, wie sie es nach dem Stand der Technik sein könnten, auf Dauer nicht finanzierbar und damit sowohl selbst in noch größerem Umfang gefährdet sein werden als auch weitere Arbeitsplätze in anderen Bereichen gefährden können".

Als Schlüsselfrage bezeichnet es die Enquêtekommission, "ob der Multimediaansatz nur 'on top' aufgesetzt oder auch gezielt zur Strukturveränderung genutzt wird". "Bei dem Einsatz 'on top' werden sich die bestehenden Finanzierungsprobleme vergrößern und der gegenwärtige Leistungsstandard wird nicht haltbar sein. Bei strukturveränderndem Einsatz können sich neue Optionen als realisierbar darstellen, weil Leistungen schneller und preiswerter erbracht werden können". Gesellschaftliche Reformen werden also als Bedingung für die Finanzierbarkeit des technischen Fortschritts angesehen.

Unter den dargestellten Vorbedingungen sieht die Kommission durchaus gute Entwicklungschancen für Baden-Württemberg. Das Land habe mit seiner industriellen Erfahrung, vor allem aber durch seine vielseitige Hochschul- und Forschungslandschaft ausreichendes Potential, um "neue Produkte, Dienste und Inhalte für die weltweiten Netze zu entwickeln". Man dürfe sich nicht nur als Opfer der weltweiten Arbeitsteilung sehen, sondern müsse sich diese auch gezielt nutzbar machen. Nachdem in der öffentlichen Diskussion die Globalisierung der Wirtschaft bisher nur unter dem Gesichtspunkt der Bedrohung einheimischer Arbeitsplätze gesehen wurde, ist dies ein neuer gedanklicher Zugang unter dem Leitsatz "global denken, lokal handeln".

Konsens und gestaltender Eingriff spielen für die Enquêtekommission durchgängig eine entscheidende Rolle. "Die Kommission legt großen Wert darauf, daß Parlament, Regierung, Wirtschaft und gesellschaftliche Gruppen sich auf das gemeinsame Erkennen von Trends, Risiken und Chancen und vor diesem Hintergrund auf das Nutzen der Vorteile verständigen, die für das Land Baden-Württemberg in dieser frühen Phase der Entwicklung gegeben sind. Gerade weil viele Fragen noch offen, weil Weichenstellungen in der Technikentwicklung ebenso wie in den wirtschaftlichen Aktivitäten möglich sind und weil eine Stimulierung von wirtschaftlichem, öffentlichem und privatem Engagement zugunsten von Multimedia-Infrastrukturen aussichtsreich erscheint, sieht die Kommission Chancen, den weltweiten Formierungsprozeß auch für das Land Baden-Württemberg nutzbar zu machen".

Diese Optionen werden, bezogen auf die baden-württembergische Wirtschaftsstruktur, im einzelnen aufgezeigt. Sie werden vor allem bei den Diensten und Inhalten und dort wiederum schwergewichtig in den Sektoren Bildung und Wissenschaft gesehen. Dort kommen in Baden-Württemberg zwei glückliche Umstände zusammen, nämlich der gut ausdifferenzierte Wissenschaftsbereich auf der einen und die ausgeprägte Struktur von Fachverlagen auf der anderen Seite. Beide Kompetenzen müssen unter staatlicher Moderation zusammengeführt werden. Auch hierbei ist ein globaler Denkansatz notwendig. Die Kommission weist darauf hin, daß zum Beispiel die deutschen Medizin- und Ingenieurausbildungsgänge in einigen Staaten der Welt einen guten Ruf haben. Das bedeutet, daß multimediale Lehr- und Lernmittel nicht nur für den eigenen Bedarf entwickelt werden dürfen, sondern im Netz mehrsprachig angeboten werden müssen, um die hohen Entwicklungskosten durch Skalenerträge finanzieren zu können. Andere als wichtig eingestufte Handlungsfelder sind vor allem die Verkehrstelematik, das Umweltinformationssystem und neue partizipationsfördernde Bürgerinformationsdienste. Unter allen Akteuren gemeinsam zu entwickelnde innovative Formen der Telekooperation und der Telearbeit sollen insbesondere für die in Baden-Württemberg häufig anzutreffenden kleinen und mittleren Unternehmen nutzbar gemacht werden. Ein noch wenig bestelltes, aber sehr ergiebiges Handlungsfeld sieht die Enquêtekommission in der automatisierten Wissenserschlieüng durch Filter, Broker und Navigatoren.

Die Multimedia-Enquête des baden-württembergischen Landtags hat nicht nur aktuelle gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten, sondern auch einen neuen kooperativen Politikstil aufgezeigt, der ihr notwendig erscheint, um in einer globalisierten Wirtschaft frühzeitig neue Optionen zu erkennen und mit möglichst wenig Reibungsverlusten zu nutzen. Selbstverständlich mußten in der kurzen Beratungszeit von sieben Monaten, von der ersten Anhörung bis zur Fertigstellung des Berichts gerechnet, einige wichtige ungeklärte Fragen, vor allem im rechtlichen Umfeld, offen bleiben. Die Kommission empfiehlt dazu, bei den laufenden Pilotprojekten soweit wie möglich mit Experimentierklauseln zu arbeiten und aus den dabei gewonnenen Erfahrungen Vorschläge für die ohnehin notwendige internationale Abstimmung abzuleiten. Die Multimedia-Entwicklung ist aus ihrer Sicht nicht als einmalige Veranstaltung mit vordefinierten Regeln, sondern als ein fortlaufender Erkenntnis- und Gestaltungsprozeß zu verstehen.

Der Bericht der Enquêtekommission kann in Papierform und als Hypertext-Diskette auf der Basis des Windows-Hilfesystems bei der Landtagsverwaltung angefordert werden (Herr Berberich, Tel. 0711/2063-222, Fax 2063-232). Er ist außerdem im Internet unter der Adresse "ftp//ftp uni-stuttgart de/pub/org/ Multimedia-Enquête" abrufbar.

Kontakt

Hans Dieter Köder
Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg
Vors. der Enquêtekommission Multimedia
Seestraße 28, D-71144 Steinenbronn
Tel.: +49 715 7520-047

Landtag:
Tel.: +49 711 2063-754
E-mail: 100071.3111∂compuserve.com