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Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft (Rezension)

Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft (Rezension)
Autor: A. Steinmüller, K. Steinmüller Link:
Quelle: Nr. 2, 9. Jahrgang, S. 111-112
Datum: Juni 2000

TA-relevante Bücher

ANGELA STEINMÜLLER, KARLHEINZ STEINMÜLLER: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1999. DM 59,--. ISBN 3-8077-0198-2

Vergangene Zukünfte - Zukunftspfade aus der Gegenwart

Rezension von Stephan Bröchler, FernUniversität Hagen

"Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern", haben sich Angela und Karlheinz Steinmüller beim Schreiben ihres Buchs "Visionen 1900 2000 2100" zu eigen gemacht. Der Leser wird zu einer Zeitreise eingeladen, die 100 Jahre zurück und 100 Jahre in die Zukunft führt. Thema des Buches sind Visionen, die aber nicht, wie der Titel vielleicht fälschlicherweise suggerieren könnte, esoterisch gemeint sind. Dem Autorenpaar geht es um technische, politische, gesellschaftliche und ökologisch orientierte Zukunftsentwürfe. Herausgekommen ist eine "Chronik der Zukunft" der besonderen Art. Denn Angela und Karlheinz Steinmüller sind profilierte Zukunftsforscher und praktizierende Science Fiction Autoren. Davon profitiert die Leserschaft in besonderer Weise, denn Zukünfte werden wissenschaftlich solide und literarisch ansprechend präsentiert. Dass dabei mehr als ein "Kessel Buntes" entsteht, ist auf die Konzeption des Buches zurückzuführen. Das Ordnungskriterium für die Präsentation der unterschiedlichen Zukünfte ist das Medium, in dem Zukunftsentwürfe die Chance erhalten, Gestalt anzunehmen: Die Zeit. Auf einer Zeitschiene, die im Jahr 1900 beginnt und bis in das Jahr 2100 führt, stoppt der Zukunftszug im Jahresrhythmus. Jedes Jahr bekommt seine eigene kleine Zukunftsgeschichte. Während die Rückschau auf Visionen des 20. Jahrhunderts vergangene Zukunftsentwürfe vorstellt, die realisiert, umgeformt oder verworfen wurden, stellt die Vorschau auf das 21. Jahrhundert mögliche Zukünfte dar. In Bezug auf Zukünfte des 21. Jahrhunderts ist es den Autoren gelungen, nicht als Wahrsager missverstanden zu werden. Die präsentierten Visionen für diesen Zeitraum werden auf der Grundlage gewonnener Themenlinien wie Internet (z.B. Teleshopping per Mausklick), Nanoroboter (z.B. miniaturisierte Kampf-"Synsekten"), Raumfahrt (z.B. Hotels in der Erdumlaufbahn), Biotechnologien (z.B. Kinder nach Maß), Energie-Umwelt-Verkehr (z.B. Solarkraftwerke), Lebensstile (z.B. maßgeschneiderte Träume) und gespaltene Menschheit (z.B. Klimakatastrophe) entwickelt. Zusätzliche eingestreute "wildcarts", Zufallsereignisse, wie eine weltweite Epidemie oder ein Öko-Gau, erweitern den Möglichkeitsraum zukünftiger Entwicklung zusätzlich. Dabei zeigen die Autoren auch die Einbettung zunächst rein technisch erscheinender Visionen (wie z.B. der drahtlosen Telegrafie oder der Entwicklung der Computertechnik) in eine Vielzahl gesellschaftlicher, politischer und ökologischer Zusammenhänge auf. Neben solchen Visionen wird auch nicht-technischen, gesellschaftspolitischen Visionen z.B. nach Weltfrieden, Demokratie, Gleichberechtigung, aber auch nach Rassenideologie und Weltherrschaft in der Chronik Raum gegeben. Das Panorama technischer wie nicht-technischer Visionen stellt dabei eine gute Basis dar, sich über unterschiedliche Zukunftspfade Gedanken zu machen. Das Buch "Visionen 1900 2000 2100" spricht damit die interessierte Öffentlichkeit und Technikforscher zugleich an. Dabei ist das Buch fern jeder Technikeuphorie und nicht naiv gestaltungsgläubig. Vielmehr beherzigen die Autoren einen reflexiven Umgang mit Zukunft, wie sie dem Stand der heutigen Technikforschung entspricht. Den wissbegierigen Laien wird die informative und spannend zu lesende Präsentation der Visionen für das Buch gewinnen. Für den Technikforscher gibt das Buch einen guten Überblick über Zukunftsentwürfe und erlaubt einen interessierenden Einblick in die Werkstatt der Zukunftsforschung. Dass sich ein solcher Blick mit Hilfe der Rezeption von Science Fiction Literatur auch aus wissenschaftlicher Sicht lohnt, scheint ein Forschungsprojekt der Europäischen Weltraumorganisation ESA zu bestätigen. Im Rahmen des Projekts "Innovative Technologien aus der Science Fiction für Anwendungen im Weltraum" werden Geistesblitze aus 40 000 S-F Werken ausgewertet.